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    Öl (Symbolbild)

    Trump erklärt Ölmarkt und Russlands Staatshaushalt den Krieg

    © REUTERS / Thomas White
    Wirtschaft
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    Iwan Danilow
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    Donald Trump hat es wieder getan: Er nutzt seinen Twitter-Account als Zentrale zur Steuerung der Realität und Reduzierung der Ölpreise, die ihm zufolge auf einem unzulässig hohen Niveau sind. Ihm sind die Preise zu hoch.

    „Scheinbar ist die OPEC wieder am Werk. Trotz der Öl-Rekordbestände überall, einschließlich der voll beladenen Öltanker auf dem Meer, sind die Ölpreise künstlich zu hoch! Das ist schlecht und nicht akzeptabel“, schrieb Trump auf Twitter.

    Bloomberg-Journalisten betonten ironisch, dass Präsident Trump das Seilziehen begonnen und gleich in der ersten Runde gegen den Ölmarkt den Kürzeren gezogen hat.

    In Bezug auf die verlorene erste Runde ist das kaum zu bestreiten – der Einfluss des Präsidenten-Tweets auf den Ölmarkt erwies sich als Gegenteil von dem, was erwartet wurde. Trotz „ der Wünsche“ Trumps stieg der Ölpreis am Freitag um sieben Prozent auf 68,40 Dollar. Für den US-Staatschef, der sich daran gewöhnt hat, die eigenen Märkte mithilfe von ein paar Sätzen im Netz bzw. im Fernsehen in die notwendige Richtung zu „bewegen“, war die Reaktion des Ölmarkts deprimierend, weil damit deutlich wurde, das der Ölpreis außerhalb der Kontrolle des Weißen Hauses liegt.

    Für Russland müssen die Handlungen des US-Präsidenten ein Signal sein – das nächste Ziel der Russland-Sanktionen könnte der russische Ölsektor werden. Sanktionen werden die Ölpreise kaum nach unten treiben, doch in der Welt der postfaktischen Wahrheit ist das auch nicht erforderlich. Innenpolitisch würde es dem US-Präsidenten ausreichen zu zeigen, dass er jenen eine Lehre erteilt, die an den Kartell-Absprachen zur Erhöhung der Ölpreise beteiligt sind.

    Russlands staatliche Ölkonzerne eignen sich sehr gut als Bösewichte bei dieser PR-Kampagne im Hollywood-Stil. Das Einzige, was dieses Szenario stoppen kann, ist das Begreifen der Tatsache, dass die Verhängung solcher Sanktionen schnell zu einem schockartigen Preisanstieg führen und Trump zusätzliche Probleme schaffen würde.

    Vielleicht ist Trumps Team schon müde von den Vorwürfen, dass der russische und iranische Staatshaushalt wegen der US-Handlungen zusätzliche Gewinne machen. Dabei beeinflusst der steigende Ölpreis die US-Wirtschaft negativ, trotz wachsender Gewinne der Ölkonzerne. Zumindest aus politischer und Image-Sicht muss der US-Präsident es so aussehen lassen, dass für den Anstieg der Öl- und Benzinpreise die OPEC (und Russland) verantwortlich ist und nicht er.

    Bemerkenswert ist, dass die russische Seite beschlossen hat, Trump im Stil der USA zu antworten – also im Stil der Leviten über die Marktwirtschaft, die uns von US-Experten in den 1990er Jahren gelesen wurden.

    Der russische Energieminister Alexander Nowak hob mehrmals hervor, dass der Ölpreis vom Markt bestimmt wird, und dass sich die USA vor anderthalb Jahren über das OPECplus-Russland-Abkommen freute, weil gerade dies ermöglicht habe, „Texas wiederaufzubauen“ – also den Schieferölfirmen die Möglichkeit gegeben hat, unter höheren Ölpreisen zu existieren. Die Botschaft klang wohl so: „Wem unser Abkommen und hohe Ölpreise nicht gefallen, der hat sich einfach nicht in den Markt eingeordnet.“ Eine alternative Deutung der Worte des russischen Ministers machte auf Twitter der Bloomberg-Journalist James Herron: „Russland sagt Trump: Du solltest uns dankbar sein, denn wir haben Texas gerettet.“

    Beide Varianten werden Trump wohl kaum gefallen. Er wird zwar von der einflussreichen Öllobby unterstützt, muss aber auf negative wirtschaftliche und geopolitische Folgen der hohen Ölpreise reagieren.

    Laut Bloomberg-Einschätzung wirkt sich das aktuelle Preisniveau negativ auf die amerikanische Mittelschicht aus und senkt den fördernden Wirtschaftseffekt eines massiven Rückgangs der Steuereinnahmen – die größte Errungenschaft der Administration in Washington.

    Das Problem Washingtons besteht darin, dass die nächsten Schritte, die für die Umsetzung der geopolitischen Strategie Trumps und besonders der Falken notwendig sind, wohl zu ernsthaften Wirtschaftsproblemen führen werden.

    Die Aufgabe, die vor der US-Führung steht, kann grob folgendermaßen formuliert werden: „Wie soll man gegen den Iran kämpfen und dabei Russland daran hindern, Einnahmen zu generieren?“

    Auf diese Frage gibt es keine klare und realistische Antwort. Und es bleibt immer weniger Zeit, sich eine auszudenken. Trump hat wichtigere Verpflichtungen als die gegenüber den Wählern. Er hat Vereinbarungen mit bestimmten Einflussgruppen, denen er öffentlich versprochen hat, das Iran-Problem zu lösen, und dass dafür der Ausstieg aus dem Atomdeal nötig ist.

    Die Deadline für den Staatschef ist der 12. Mai, wenn er den Deal torpedieren und eine neue Konfrontationswelle gegen Iran starten kann, die mindestens die Rückkehr der Russland-Sanktionen und maximal eine militärische Intervention zur Beendigung des iranischen Atomprogramms vorsieht.

    Sehr wahrscheinlich ist, dass das den Ölpreis weiter nach oben treiben wird. US-Medien erörtern aktiv mögliche Szenarien, bei denen der Ölpreis bei 80 bis 100 Dollar liegen könnte.

    Bis vor kurzem waren die Hoffnungen darauf gerichtet, dass Saudi-Arabien (und die OPEC im Ganzen) mit Russland keine Einigung erreichen würde, und wenn doch, dann müssten beide Seiten die Bedingungen zum Abbau der Fördermengen einhalten. Diese Hoffnungen gingen nicht in Erfüllung.

    Danach wurde US-Schieferöl der größte Hoffnungsträger als Erdöl-Ersatz. Doch dazu ist es nicht gekommen. Vordergründig deshalb nicht, weil die US-Schieferölfirmen auf geologische und Infrastruktur-Beschränkungen stießen, obwohl dahinter auch einfache Preisabsprachen hinter dem Rücken Washingtons stecken könnten.

    Das Vorhaben der USA hätte durch einen Putsch in Saudi-Arabien gerettet werden können, der zur Machtübernahme der Anhänger des Ausstiegs aus dem Ölabkommen mit Russland führen würde. Doch zum Machtwechsel in Riad kam es nicht.

    Sollte Donald Trump seinen Konfrontationskurs nicht verschieben, muss er sich damit abfinden, dass seine Versuche, seine Versprechen gegenüber seinen Sponsoren zu erfüllen und seinen Slogan „Make America great again“ mithilfe von Gewalteinsätze im Nahen Osten umzusetzen, die russischen Haushaltseinnahmen und die Ölpreise steigern. Vielleicht wird das Trump betrüben, doch er hat seinen Twitter-Account als therapeutische Selbstmaßnahme, die er wohl als Zentrale zur Steuerung der Realität betrachtet. Für die ganze Welt ist es offenbar besser, wenn er möglichst lange in dieser Illusion lebt.

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    Tags:
    Atomdeal, Sanktionen, Markt, Ölpreis, Twitter, OPEC, Donald Trump, Iran, Saudi-Arabien, USA, Russland