00:49 24 Oktober 2018
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    IWF warnt vor Inflation: Verliert unser Geld an Wert? – „Zuerst würde es USA treffen“

    © AFP 2018 / Andrew CABALLERO-REYNOLDS
    Wirtschaft
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    Alexander Boos
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    Der Internationale Währungsfonds warnt vor weltweiter Inflation. Diese würde eine Entwertung des Geldes und einen Anstieg der Preise bedeuten. Sputnik hakt nach: Ist unser Geld bald weniger wert? „Die US-Finanzpolitik ist verantwortlich“, sagt ein Finanz-Experte. „Vielleicht versucht der IWF im Selbstzweck, das herbeizureden“, so ein weiterer.

    Inflation: Das würde eine anhaltende Erhöhung der Preise von Gütern und Dienstleistungen sowie eine Entwertung der Kaufkraft des Geldes bedeuten. „Die Dinge werden teurer“, bringt es Jochen Stanzl, Chefmarktanalytiker für Deutschland und Österreich bei CMC Markets in Frankfurt am Main, im Sputnik-Interview auf den Punkt.

    „Ich schaue mir Märkte an und versuche, wahrscheinliche Szenarien abzuleiten.“ Falls eine Inflation nun tatsächlich komme, sei die große Frage: „Können die Zentralbanken das richtig bekämpfen? Wollen sie das? Wir haben jetzt allein schon die Andeutung, dass eine weitere Zinsanhebung in den USA kommen könnte.“ Eine ähnliche Meldung über die Anhebung des Zinssatzes auf vier Prozent habe bereits im Februar „die Märkte hier zum Einbruch gebracht“.

    Stanzl fragt, was erst passiere, wenn die Zinssätze auf ein Niveau von fünf bis sechs Prozent angehoben würden und die Inflation nach oben gehe. „Ich glaube, dass die Zentralbanken nicht in der Lage sein werden, die Zinsen so schnell, wie es sein müsste, anzuheben.“ Dort liege der Kern des Problems.

    „Staaten sind in der Lage, Inflation zu erzeugen“

    „Wir leben in einer stark überschuldeten Weltwirtschaft“, beschreibt Finanzanalytiker Dimitri Speck aus München gegenüber Sputnik die derzeitige Weltlage. „Die Weltwirtschaft war noch nie so stark überschuldet wie heute. Und die Schulden werden offenbar nicht durch reguläre Tilgung abgebaut. Sondern beispielsweise durch Inflation oder auch durch die Enteignung der privaten Sparvermögen.“ So sei es in den 1970ern oder 2001 gewesen. Wenn die globalen Geldhähne der Zentralbanken weiterhin offenbleiben, könnten Mieten und Preise für Lebens- und Haushaltsmittel drastisch ansteigen. Zudem verlöre das eigene Arbeitseinkommen an Wert.

    Inflation ist für den Münchner Finanz-Experten eine Folge staatlichen Handelns, um „sozusagen Nachfrage zu schaffen. Um Bankenkrisen zu verhindern. Um die Wirtschaft kurzfristig anzukurbeln, auch wenn der Schaden langfristig sehr groß ist.“ Das seien Motive für den Staat, der selbst als wirtschaftlicher Akteur in der Weltökonomie auftrete. „Auch um die Ausgaben des Staates selbst zu beeinflussen: Der Staat möchte möglichst viel Geld ausgeben. Machen wir uns nichts vor. Deshalb entsteht Inflation. Und deshalb wurde auch damals, um den Vietnam-Krieg zu bezahlen, die Dollar-Goldbindung aufgehoben.“ Krieg sei ein sehr häufiger Grund für inflationäre Schübe. „Diese Ausgabentendenz wird meines Erachtens zunehmen. Wir sehen das vor allem in den USA. Der Dollar ist immerhin noch die Weltleitwährung. In Deutschland sehe ich das bisher nicht so.“

    Allerdings müssten bei der Betrachtung des Problems noch „faule Kredite und schlechte Forderungen“ im Bankensystem berücksichtigt werden. Dimitri Speck vermutet, dass auch in Europa „die Gelddruckerei von staatlicher Seite“ bald wieder losgehen könnte.

    Entwertung: Wann könnte es losgehen?

    „Ich glaube, dass Inflation das große Thema in diesem Jahr sein könnte“, warnt der Frankfurter Analytiker Stanzl. Es sei eine spannende Sache, „wenn eine so prominente Institution wie der IWF kommt und sagt: ‚Wir erwarten in Kürze einen abrupten Inflations-Anstieg.‘“ Bisher gebe es jedoch noch keine offizielle Bestätigung dafür, dass die Inflation auch wirklich ansteige. Es gebe jedoch einen „Grundverdacht, dass sich auf diesem Wachstumsschub, auf die Neuverschuldung der USA – auch bedingt durch die Steuersenkung – eine Inflation zeigen könnte. Also durchaus eine spannende Geschichte.“ Es bewege sich auf jeden Fall etwas.

    Kurios sei an der aktuellen Entwicklung, „dass die Zentralbanken mit ihrer expansiven Geldpolitik die Inflation erzeugen wollen, die jetzt eben nicht so recht kommt“, verriet Stanzl. „In den USA schon, im Rest der Welt überhaupt nicht. Die japanische Notenbank sagte zuletzt, sie werden das anvisierte Ziel erst in den nächsten fünf Jahren erreichen. Da fragt man sich doch: Wenn nach diesem Wachstumsschub und dieser extrem expansiven Geldpolitik, die wir weltweit haben – wenn nicht das, was soll dann Inflation erzeugen?“

    „Der IWF ist nicht irgendwer“

    Der IWF legte Mitte April einen seiner regelmäßigen Reports zur Lage der Weltwirtschaft vor, den „Globalen Finanz-Stabilitätsbericht: Eine holprige Straße vor uns“ (dt. Übersetzung). Darin warnt der Weltwährungsfonds vor Entwertungs- und Teuerungs-Tendenzen in der US-Wirtschaft, die einen globalen Domino-Effekt auslösen könnten. Denn bei einem Inflations-Szenario seien alle großen Zentralbanken „mehr oder weniger gezwungen“, der US-Zentralbank (Fed) und ihrer Geldpolitik zu folgen. Entsprechend groß seien die Risiken für die Finanzstabilität, heißt es in dem Papier. Der IWF kritisiert in dem Dokument zudem die „massive Staatsverschuldung der USA“. Alle anderen Industrieländer sähen ausgeglicheneren Haushalten entgegen, so die Organisation.

    „Das ist eine umfangreiche Studie. Sie haben alle möglichen Faktoren zusammengetragen“, bewertete Stanzl gegenüber Sputnik das Papier. „Der IWF ist nicht irgendjemand.“ Der Fonds zähle zu den gewichtigen Marktteilnehmern, die eine „große Marktmacht haben und über ihre Kommunikation die Marktmeinung von allen anderen Teilnehmern beeinflussen.“ Der IWF berate als supranationale Institution alle Mitgliedsländer in Geld- und Wirtschaftsfragen. „Man muss immer überlegen: Wenn jemand etwas sagt, warum sagt er es? Was für ein Interesse steckt dahinter? Da versucht der IWF vielleicht auch im Selbstzweck etwas, die Inflation selbst herbeizusehen. So interpretiere ich das.“

    „Darum fördern Banken und Regierungen die Inflation“

    Ein aktueller Beitrag des Finanz-Fachmagazins „Wirtschaftswoche“ machte jüngst auf einige Beweggründe der Marktteilnehmer aufmerksam. Dabei führte es einen gewichtigen Grund an, warum Banken, Zentralbanken und Regierungen ein Interesse an Inflation haben können. „Wenn sich das Geld mit der Zeit entwertet, macht es für den einzelnen Sinn, sich zu verschulden“, geht aus dem Artikel hervor.

    „Die steigenden Preise lassen seine reale Schuldenlast peu a peu abschmelzen. Deshalb fällt es den Banken leicht, den Menschen Kredite aufzuschwatzen und so ihre Gewinne zu steigern. Die Notenbank wiederum leiht den Geschäftsbanken zur Refinanzierung der Kredite gegen Zins Zentralbankgeld, das sie kostenlos aus dem Nichts schöpft. Die Gewinne aus der Geldschöpfung überweist die Notenbank an den Staat. Daher haben Banken und Staaten ein ureigenes Interesse an Inflation.“ Für das Magazin sei es kein Wunder, „dass diese Zusammenhänge (…) unerwähnt blieben. Denn schließlich handelt es sich um (…) Regierungen, Notenbanken und Banken – also die Institutionen, die von der Inflation am meisten profitieren.“

    Eine „galoppierende“ oder „Hyper-Inflation“ ist für Stanzl jedoch kein wahrscheinliches Szenario. Dies seien Extrem-Szenarien. „Wir sprechen von einem stärkeren Inflations-Anstieg, als die Zentralbanken bekämpfen können. Einfach weil die Märkte und der ganze Aufschwung daran hängen, dass die Liquidität der Zentralbanken noch gewahrt bleibt.“

    Das komplette Interview mit Finanz-Analytiker Dimitri Speck zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Markt-Analytiker Jochen Stanzl zum Nachhören:

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    Tags:
    Rezession, Dollar, Geld, Schulden, Inflation, IWF, USA