02:45 25 Juni 2018
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    Aktion der Vollgeld-Initiative vor dem Schweizerischen Nationalbank in Bern

    „Vollgeld-Initiative“ will schweizerisches Bankensystem umkrempeln

    © REUTERS / Denis Balibouse
    Wirtschaft
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    Bolle Selke
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    Am 10. Juni stimmt die Schweiz über eine Vollgeldreform ab. Geht es nach der „Vollgeld-Initiative“, darf Geld nur noch von der Nationalbank und nicht mehr von Privatbanken geschöpft werden. Das würde Konten sicherer machen und die Wirtschaft ankurbeln, sagt der Sprecher der Initiative, Raffael Wüthrich. Kritiker bezeichnen das Vorhaben als riskant.

    „90 Prozent des Geldes, das in der Schweiz im Umlauf ist, wird von Banken selbst hergestellt“, so Wüthrich im Sputnik-Interview. „Nur noch zehn Prozent kommen von der Schweizerischen Nationalbank.“ Das sei sehr problematisch – in unterschiedlichen Dimensionen:

    „Die Banken machen das mit einem Profitmotiv. Sie produzieren dann Geld, wenn sie direkt noch mehr Geld machen können. Das führt dazu, dass gerade in Boomzeiten mehr Geld produziert wird, als Wirtschaftsleistung vorhanden ist. Das führt zu Blasen, die früher oder später platzen müssen – auf Kosten der Bevölkerung und des Staates, weil wir dann Banken retten müssen, damit unsere Konten, unser Lohn nicht gefährdet sind.“

    Darum möchte die Volksinitiative „Für krisensicheres Geld: Geldschöpfung allein durch die Nationalbank! (Vollgeld-Initiative)“, dass nur noch die Nationalbank im Gesamtinteresse des Landes Geld erzeugen darf.

    Ginge es nach der „Vollgeld-Initiative“, sollte die Nationalbank so viel Geld ausgeben, dass die Gesellschaft grundsätzlich genügend Geld hat. Das Geld soll dann per Kreditvergabe über die privaten Banken verteilt werden. So soll eine Trennung von Kredit und Geldherstellung gewährleistet sein.

    Mehr Bürokratie?

    In einem Vollgeldsystem würde die Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte teurer, bürokratischer und langwieriger, meint die Zürcher Kantonalbank, weil Banken zur Refinanzierung von Darlehen künftig nicht mehr auf jederzeit kurzfristig verfügbare Sichteinlagen der Kunden zurückgreifen könnten.

    Die Initiative geht wiederum davon aus, dass die Kreditversorgung im Vollgeldsystem sogar besser werde. Die Nationalbank bekomme dann den ausdrücklichen Verfassungsauftrag, dafür zu sorgen, dass genug Geld im Umlauf sei, um damit die Wirtschaft versorgen zu können. Und weil die Banken untereinander auch weiterhin im Wettbewerb stehen, geht Wüthrich nicht davon aus, dass die Kredite plötzlich teurer werden.

    „Konten würden sicherer“

    Aktuell gehört alles Geld, welches auf einem Bankkonto liegt, automatisch zur Bilanz der Bank. Deshalb sieht Wüthrich das Geld auch als gefährdet, sollte etwa eine Bankenkrise am Horizont auftauchen. Die Vollgeld-Initiative will erreichen, dass sogenannte Vollgeldkonten außerhalb der Bilanz der Bank geführt werden müssen. So könnte die Bank theoretisch in Konkurs gehen, und trotzdem wäre der Lohn auf diesen Vollgeldkonten sicher. Wüthrich erläutert:

    „Die Kunden haben in einem Vollgeldsystem die Wahl. Sie können einerseits ein krisensicheres Vollgeldkonto haben. Darauf bekommt man aber wahrscheinlich keinen Zins, wie man auf Bargeld auch keinen Zins bekommt. Wenn ich einen Zins möchte, dann kann ich mein Geld von einem Vollgeldkonto auf ein Sparkonto überweisen. Dort bekomme ich dann einen Zins, aber ich habe natürlich auch das Risiko, dass die Bank mit diesem Geld nicht gut arbeitet. Heute habe ich eigentlich keine Wahl. Wenn ich ein Konto besitze, dann ist dieses Geld automatisch in der Bankbilanz und ist potentiell gefährdet.“

    Stärkere Nationalbank

    Auf viele Konten gebe es bereits Negativzinsen, und die Bilanz der Nationalbank sei „unglaublich hoch“, sagt Wüthrich. Auch die Verschuldung weltweit sei groß, und in der Schweiz sogar „gigantisch hoch“. Die Initiative ist der Meinung, dass die Nationalbank mit den heutigen Instrumenten eigentlich keine wirkliche Möglichkeit habe, zu reagieren. „Wir geben der Nationalbank weitere Instrumente, damit sie eine zielführende Geldpolitik machen kann. Zum Wohle der ganzen Nation.“

    Folgen für Volkswirtschaft

    Der Ökonom Philippe Bacchetta von der Universität Lausanne hat in einer Studie errechnet, dass das Wachstum der Schweizerischen Wirtschaft in einem Vollgeld-System um 0,4 Prozent geringer ausfallen würde. Negativ dürfte sich vor allem die fehlende Verzinsung auf Kundeneinlagen bei Banken auswirken, ebenso die sinkenden Profite der Finanzinstitute. Wüthrich weist allerdings darauf hin, dass diese Studie von der Schweizerischen Bankiervereinigung finanziert wurde. Seines Erachtens sei sie überhaupt nicht neutral gehalten und genüge deshalb auch nicht wissenschaftlichen Standards. Er fügt hinzu:

    „Wenn man dann die Daten anschaut, dann sieht man auch, dass Herr Bacchetta sehr fragwürdige Grundprämissen gewählt hat, um zu diesem schlechten Ergebnis zu kommen. Es gibt allerdings zahlreiche weitere Studien, die von KPMG in Island zusammengefasst wurden. Da sieht man eigentlich ganz deutlich, dass Vollgeld sehr positive Auswirkungen auf die Volkswirtschaft hätte und dass es eine Zunahme an Arbeitsplätzen, eine Zunahme des Bruttoinlandsproduktes und ein Wachstum in der Wirtschaft auslösen würde.“

    Die Regierung und die Notenbank lehnen eine Vollgeldreform ab – ebenso wie diverse Industrie- und Wirtschaftsverbände und viele Banken. Laut Umfragen vom 30. Mai hätten mehr als zwei Drittel der Befragten zur Vollgeld-Initiative Nein gesagt und 29 Prozent zugestimmt. Doch Raffael Wüthrich gibt sich kämpferisch:

    „Wir erwarten, dass es am 10. Juni spannend wird. Die Schweizer Bevölkerung möchte zu rund 60 Prozent eigentlich nicht, dass private Geschäftsbanken Geld herstellen können – und genau das will die ‚Vollgeld-Initiative‘.“

    Das komplette Interview mit Raffael Wüthrich zum Nachhören:

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