00:26 21 September 2018
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    Eine Schmiede in den USA (Archivbild)

    Wirtschaftsexperte Ernst Wolff zu US-Strafzöllen: „Der große Hammer kommt noch“

    © AP Photo / Keith Srakocic
    Wirtschaft
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    Armin Siebert
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    Die USA belegen die halbe Welt mit Strafzöllen und Sanktionen. Innenpolitisch geht es Präsident Trump dabei um die Erfüllung seiner Wahlversprechen, meint der Wirtschaftsexperte Ernst Wolff. Außenpolitisch geht es den USA aber um Gas, den Iran und Russland. Ein Krieg ist nicht ausgeschlossen.

    Herr Wolff, die USA haben es wahrgemacht und Strafzölle auch auf Stahl und Aluminium aus der EU verhängt. Wie heftig ist das für die EU? Und helfen diese Zölle den Amerikanern wirklich, die eigene Industrie zu schützen?

    Ganz so schlimm wird das für die EU jetzt noch nicht sein. Ich nehme eher an, das ist ein Auftakt für etwas Größeres, was noch kommen wird. Zum einen sind diese Strafzölle auch innenpolitisch begründet in den USA. Trump muss zumindest einen Teil seiner Wahlversprechen wahrmachen. Er hat damals den Stahlarbeitern in Pennsylvania versprochen, die Stahlproduktion in den USA anzukurbeln. Der andere Grund ist aber, dass die USA an Macht verlieren – vor allem gegen China – und dass die EU ein weiterer großer Konkurrent ist. Ich sehe aber noch etwas anderes: Ich glaube, Europa soll unter Druck gesetzt werden, um auf diese Art und Weise einen Keil zwischen Europa und Russland zu treiben.

    Die USA geben sich selbstbewusst und legen sich gerade mit allen an – mit der EU, China, Kanada, Mexiko. Sitzen sie einfach am längeren Hebel, und die anderen werden irgendwann einknicken?

    Im Moment sitzen sie tatsächlich noch am längeren Hebel, weil der US-Dollar immer noch die Weltleitwährung und die Weltreservewährung ist. Die Zentralbanken in aller Welt halten 60 bis 70 Prozent ihrer Reserven in US-Dollar. Außerdem können die USA auf ihre militärische Stärke setzen. Trotzdem befinden sich die USA langsam im Niedergang – die soziale Ungleichheit ist explodiert, sie haben Arbeitsplätze ausgelagert und sie sind verschuldet wie nie zuvor. Das ist ziemlich prekär.

    Welche Möglichkeiten haben denn die von den US-Maßnahmen betroffenen Länder: Auch mit Protektionismus reagieren? Oder sich mit Beschwerden an die Welthandelsorganisation wenden?

    Ich denke, dass Beschwerden und offizielle Wege nicht mehr viel nützen werden. Trump hat sich bisher auch nicht an internationale Verträge gehalten. So wird es wohl dazu kommen, dass einige andere Länder auch mit protektionistischen Maßnahmen reagieren. Ich denke aber, wie gesagt, das ist nur Vorgeplänkel. Der große Hammer wird noch kommen.

    Deutschland scheint nach China zum wirtschaftlichen Hauptgegner der USA geworden zu sein: Deutsche Firmen sind sowohl von den US-Russland-Sanktionen als auch von den Iran-Sanktionen und jetzt von den Strafzöllen betroffen. Kann und wird Deutschland dagegenhalten? Oder sind wir zu sehr abhängig von den Exporten in die USA?

    Deutschland sitzt da in der Klemme und zwischen den Stühlen. Deutschland muss sich in der Zukunft wahrscheinlich entscheiden – gerade im Energiesektor – entweder zugunsten Russlands oder zugunsten der USA. So versuchen die USA jetzt natürlich alle Karten auszuspielen und Deutschland so hart wie möglich unter Druck zu setzen.

    Wenn die USA auch noch des Deutschen Heiligstes – das Auto – mit Strafzöllen belegen würden, wäre der Spaß vorbei, oder?

    Das ist auf jeden Fall der wunde Punkt der deutschen Exportwirtschaft. 80 Prozent der in Deutschland produzierten Autos werden ins Ausland geliefert. Wenn die USA also Strafzölle auf deutsche Autos erhebt, würde das bedeuten, dass hierzulande Arbeitsplätze in hoher Größenordnung verloren gehen. Das wäre schon hart. Ich denke, die Androhung dessen zeigt, dass der Druck der USA auf Deutschland und die EU immer weiter erhöht wird. Wir befinden uns wirklich in einer ganz gefährlichen Situation, die von den meisten Leuten unterschätzt wird.

    Schon bei der Aufkündigung des Iran-Abkommens durch die USA gab es heftige Reaktionen der EU. Aber werden auch die im Iran tätigen deutschen und europäischen Firmen so mutig sein, ihre Geschäfte im Iran gegen den Willen der USA weiterzuführen?

    Die Firmen werden natürlich versuchen, dort weiter aktiv zu sein, aber das wird sehr schwierig. Der Iran ist ein wunder Punkt der USA. In meinen Augen bereiten sich die USA systematisch auf einen Krieg gegen den Iran vor. Meine Vermutung ist, dass es im Sommer oder Herbst zum Krieg gegen den Iran kommen wird. Der Hintergrund ist, dass die USA ungeheuer viel in Fracking investiert haben. Bisher war dies nicht profitabel. Wenn es zum Krieg gegen den Iran kommt, wird jedoch der Ölpreis explodieren und das Fracking für die USA sehr profitabel werden. Jetzt, da die USA erstmals durch Fracking zum großen Exporteur von Gas werden, werden sie in Europa auch zum großen Konkurrenten Russlands. Das ist der zweite wunde Punkt. Ich vermute, dass die Fronten sich hier noch weiter verhärten werden. Die USA brauchen dringend Profite. Und die größten Profite macht man durch Kriege. Das würde die Rüstungsindustrie und auch die Erdöl- und Erdgas-Industrie ankurbeln. Im letzten Jahr sind die Öl- und Gasexporte Russlands nach Europa weiter angestiegen. Und im nächsten Jahr wird die neue russische Gas-Pipeline Nord Stream 2 eröffnet. Das sind ganz große Dornen im Auge der USA. Ein Hauptziel der USA ist es, Russland den europäischen Markt abzugraben. Das könnte klappen, wenn ein Irankrieg den Ölpreis in die Höhe treiben würde.

    Das Interview mit Ernst Wolff zum Nachhören:

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    Tags:
    Autoindustrie, Stahlindustrie, Profit, Kriegsgefahr, Handelsüberschuss, Bilanzdefizit, Bruttoinlandprodukt, Militär, Militärmacht, Schulden, Aufrüstung, Sanktionen, Wirtschaftskrieg, NATO, EU, Ernst Wolff, Donald Trump, Pennsylvania, Mexiko, China, Iran, USA, Deutschland