00:32 19 Juli 2018
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    Eine Familie in Nowosibirsk schaut die jährliche TV-Fragestunde mit Wladimir Putin (Archivbild)

    Russland erhöht erstmals Rentenalter – Bürger erinnern an Putins Versprechen

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    Tamta Agumava
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    Erstmals seit 85 Jahren hebt Russland das Pensionsalter an: Die Regierung will damit die Kassenlage des defizitären Rentenfonds und die Pensionsvorsorge verbessern. Bei der Bevölkerung ist die Reform auf klare Ablehnung gestoßen. Viele erinnerten sich an das Versprechen von Präsident Wladimir Putin aus dem Jahr 2005, das Rentenalter nie anzuheben.

    Am Samstag hat die Regierung einen entsprechenden Gesetzentwurf im Parlament eingebracht. Begründet wird die Notwendigkeit der Reform mit der längeren Lebenserwartung der Russen, die seit Putins Versprechen im Jahr 2005 tatsächlich merklich gewachsen ist: von 58,7 auf 66,5 Jahre bei Männern und von 72,3 auf 77,1 Jahre bei Frauen.

    Laut der Prognose des russischen Statistikamts Rosstat wird bis zum Jahr 2028 die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern 75 Jahre erreichen, bei Frauen werden es bis 2034 wiederum 85 Jahre sein.  

    Die geplante Reform sieht eine stufenweise Anhebung des Renteneintrittsalters ab dem Jahr 2019 vor. Bei Männern wird das Rentenalter bis zum Jahr 2028 auf 65 Jahre erhöht, bei Frauen — auf 63 Jahre bis 2034. Ziel des neuen Gesetzes sei die „Anpassung an die demographischen Bedingungen vor dem Hintergrund der erhöhten Lebenserwartung“, hieß es in einer Erklärung des Pressedienstes der russischen Regierung.

    Damit erhöht Russland das Pensionsalter erstmals seit 1932: Zur Zeit können Männer mit 60 und Frauen mit 55 Jahren in die Rente gehen.

    Sowjetische Bergleute bei der Arbeit 1932 (Archivbild)
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    Sowjetische Bergleute bei der Arbeit 1932 (Archivbild)

    Der Chef des russischen Rechnungshofs, Alexej Kudrin, hat die Reform verteidigt: Diese wird laut ihm für die russischen Bürger von Vorteil sein.

    „Die Rentenversicherungsreform ist längst überfällig. Endlich wurde die Entscheidung getroffen. Das ist eine vorteilhafte Entscheidung für die Bürger, sie wird ermöglichen, die Renten zu erhöhen“, schrieb Kudrin auf Twitter.

    Laut der russischen Vize-Regierungschefin Tatjana Golikowa soll die Rente im Durchschnitt um 1000 Rubel angehoben werden, was pro Jahr 12.000 Rubel (nach derzeitigem Wechselkurs etwas über 160 Euro) mehr für die Rentner sein werden. 

    Volk ist dagegen

    Die Rentenreform traf unter den Bürgern aber nicht gerade auf Begeisterung. Allein die Meinungsumfrage des Forschungszentrums „Romir“ ist vielsagend: Mehr als 90 Prozent der Russen unterstützen die Pläne der Regierung nicht.

    In den sozialen Netzwerken gibt es derzeit hitzige Diskussionen. Nutzer erinnern an die Worte von Präsident Wladimir Putin aus dem Jahr 2005: „Ich bin gegen die Erhöhung des Rentenalters. Und solange ich Präsident bin, wird es so eine Entscheidung nicht geben.“

    Kreml argumentiert mit demografischem Wandel

    Den Kreml brachte dies in gewissem Sinne in Erklärungsnot: Kremlsprecher Dmitri Peskow gab anschließend einen Kommentar gegenüber Journalisten ab: Die Aussage Putins liege ja schon 13 Jahre zurück.

    „Natürlich gibt es demographische sowie wirtschaftliche Änderungen und auch Änderungen der internationalen Konjunktur“. Kein Land befinde sich „in einem Vakuum“, fügte er hinzu. Man müsse auch die in Russland erhöhte Lebenserwartung bedenken. Und weiter: „Mit den Themen, die mit der Rentenreform verbunden sind, beschäftigt sich die Regierung.“ Der Präsident beteilige sich daran nicht, so Peskow weiter. 

    Russlands Präsident Wladimir Putin in Kemerowo
    © Sputnik / Aleksej Druschinin
    Viele Prominente haben die Reform inzwischen begrüßt. Das Mitglied der russischen Gesellschaftlichen Kammer, Natalja Potschinok, wies darauf hin, dass 75 Prozent der Russen nach dem Eintritt des Rentenalters ohnehin weiter arbeiten würden. Der berühmte russische Journalist und Moderator Wladimir Posner gehört auch zu den Befürwortern: Die Menschen lebten jetzt länger, betonte er. „Man hat das weltweit schon begriffen, mit 65-67 Jahren in die Rente zu gehen, ist normal“, fügte er hinzu.

    Die durchschnittliche Lebenserwartung in Russland beträgt nach Angaben des Gesundheitsministeriums des Landes jetzt 72,5 Jahre. Dabei ist die Lebenserwartung bei Männern fast um zehn Jahre geringer als bei Frauen: etwa 66,5 Jahre im Gegensatz zu 77,1 Jahren.

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    Tags:
    Rentenalter, Demographie, Erhöhung, Männer, Wohlstand, Renten, Unzufriedenheit, Präsident, Bevölkerung, Proteste, Rente, Frauen, Rechnungshof, Russische Regierung, Tatjana Golikowa, Dmitri Peskow, Alexej Kudrin, Wladimir Putin, Sowjetunion, UdSSR, Russland
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