23:00 19 Oktober 2018
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    US-Börse in New York (Symbolbild)

    Experten sagen Weltwirtschaft neue Katastrophe voraus

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    Die Weltwirtschaft könnte schon in einem Jahr von einer neuen Krisenwelle getroffen werden. Jedenfalls neigen immer mehr Ökonomen zu der Meinung, dass sich die Welt weiter in Richtung Katastrophe bewegt. Was könnte aber konkret passieren, und worauf müsste sich Russland in diesem Fall gefasst machen?

    „Die Situation in der Weltwirtschaft verändert sich gerade vor unseren Augen. Anfang des Jahres hatten noch viele behauptet, das globale Wachstum würde sich immer weiter beschleunigen, es wäre synchron geworden, und das Tempo des internationalen Handels würde das Wachstumstempo des globalen BIP übertreffen“, sagte beispielsweise Nikita Maslennikow vom Institut für moderne Entwicklung. „Aber jetzt ist die Situation anders. Das Weltwirtschaftswachstum ist nicht mehr synchron, denn die USA und alle anderen führenden Wirtschaften verlangsamen sich: die Eurozone, China und auch Japan.“

    Hinzu kommt, dass globale Handelskriege Realität geworden sind. Gegenseitige Importzölle haben die USA und China verhängt. Auch zwischen Amerika und Europa brodelt es. Und sogar Russland, dessen Handelskontakte mit Übersee ziemlich gering sind, bereitet Gegenmaßnahmen vor.

    Börsenkurs (Archivbild)
    © REUTERS / Brendan McDermid
    „Es bleibt immer noch die Hoffnung, dass die Seiten doch einen Kompromiss erreichen. Aber falls ein vollwertiger Handelskrieg zwischen den zwei größten Wirtschaften der Welt (USA und China) beginnt, würde die Weltwirtschaft etwa 1,4 Prozent ihres Wachstums verlieren“, warnte Maslennikow. Und wenn dieser „Test“ auch Europa treffen würde, wären die Folgen noch schlimmer. Der Wirtschaftsexperte und Nobelpreisträger Paul Krugman meint seinerseits, dass ein vollwertiger Handelskrieg zwischen den USA und anderen Ländern Importzölle in Höhe von 30 bis 60 Prozent nach sich ziehen und den globalen Handel stark (um bis zu 70 Prozent) beeinträchtigen würde, während das globale BIP um zwei bis drei Prozent zurückginge.

    „Das macht eine Situation immer wahrscheinlicher, die die Weltwirtschaft schon gegen Sommer 2019 in eine neue Rezession stürzen würde. Und das ist eine vorsichtige Einschätzung (…) – die Risiken werden immer größer“, warnte der Ökonom.

    Krise wurde getarnt, aber nicht überwunden

    Der Präsident der Beratungsfirma Neocon, Michail Chasin, zeigte sich sogar überzeugt, dass die Weltwirtschaftskrise gar nicht überwunden worden sei und bereits seit 2008 andauere. „Zehn Jahre ohne Wirtschaftswachstum. Das Wachstum gibt es nirgendwo – weder in den USA noch in der EU. Die Länder tun zwar so, als würden ihre Wirtschaften wachsen, aber dieser Eindruck entsteht nur wegen einer Veränderung der Statistikmethoden. Sie berücksichtigen jetzt beispielsweise geistiges Eigentum bei der Berechnung des BIP, und dadurch wächst das BIP eben. Aber wenn man auf die Methoden aus den 1970er Jahren zurückgreifen würde, dann müsste man einen Rückgang des Wirtschaftswachstums feststellen“, so Chasin.

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    „Die scharfe Krisenphase begann 2008. Sie wurde durch eine Geldemission eingedämmt: Vor 2014 gab es die Dollar-Emission, dann begann die Emission des Euro und des Yen. Schon jetzt ist aber klar, dass dies nicht mehr funktioniert. Die Europäische Zentralbank stellt die Emission allmählich ein, und ich denke, dass wir uns noch auf schwere Zeiten gefasst machen müssen“, warnte der Ökonom.

    „Es wird bestimmt eine Verschärfung geben, nur es ist sehr schwer zu sagen, wann. Erstens wissen wir nicht, wann die Emission endgültig gestoppt wird. Zweitens verstehen wir nicht ganz, was für innere Reserven es noch gibt. In einer Situation wie heutzutage hatte sich das internationale Finanzsystem noch nie befunden. Es gibt einfach keine Erfahrungen, mit denen sich die jetzige Situation vergleichen ließe.“

    Chasin verwies auf die Überhitzung der Märkte, auf das Verhältnis zwischen der Rentabilität und dem Marktwert von Unternehmen. „Man kann sicher sagen, dass in Übereinstimmung mit früheren Kriterien ein Einsturz der Märkte unvermeidlich ist. Dann wird auch der Mechanismus zur Förderung der privaten Nachfrage zusammenbrechen.“ Und sobald das passiere, werde sich sofort herausstellen, dass das Lebensniveau der Menschen drastisch zurückgehe, zeigte sich der Branchenkenner pessimistisch. „Alle Aktienmarktexperten erklärten mir, dass in Übereinstimmung mit ihren Methoden die Märkte noch im Herbst 2016 hätten einstürzen müssen – doch das passierte aus irgendwelchen Gründen nicht.“

    Eine scharfe Krisenphase kann im Grunde durch alles mögliche ausgelöst werden. Neben dem Zusammenbruch eines großen Marktteilnehmers (wie Lehman Brothers 2008) oder einer geplatzten Blase (wie die Hypothekenblase in den USA im selben Jahr) könnte diese Rolle sogar eine Naturkatastrophe spielen. „Es könnte beispielsweise ein Vulkanausbruch beginnen oder ein verheerendes Erdbeben passieren. Oder es könnten irgendwelche unerwünschten Informationen auftauchen – alles wäre möglich“, so Chasin weiter. „Niemand weiß, was die Zuspitzung der Situation provozieren könnte, aber das ist auch unwichtig. Die Märkte sind inzwischen miteinander verbunden, und egal was passiert – das würde alle treffen.“

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    Zugleich verwies der Experte darauf, dass die USA, wie gewöhnlich, davon profitieren und keineswegs verlieren wollen: „Ich schließe nicht aus, dass die USA (und Trump tut im Grunde eben das) ihre Märkte auf Kosten der EU, Japans, Chinas und Indiens retten wollen. Aber ich glaube nicht, dass ihnen das gelingt.“

    George Soros: „EU ist das schwache Glied“

    Von der Gefahr einer neuen globalen Krise reden auch ausländische Experten. Erst vor kurzem warf der Finanzier George Soros dieses Thema auf, nach seiner Auffassung werden von der Krise vor allem die EU- und natürlich die Entwicklungsländer getroffen. Aber Soros ist dafür bekannt, dass er globale Probleme einseitig betrachtet: So sieht er keine Schwierigkeiten, mit denen die USA konfrontiert werden könnten. Aber die EU hat es dem Milliardär zufolge gleich mit drei Problemen zu tun: der Flüchtlingskrise, der territorialen Desintegration (sprich Brexit) und den harten Sparmaßnahmen im Kontext der früheren Finanzkrise.

    Und natürlich glaubt Soros nicht, dass Brüssel diese Probleme in den Griff bekommen könnte: „Alles, was schief laufen konnte, ist schief gelaufen“, hatte er Ende Mai gesagt. „Dass Europa in Existenzgefahr schwebt, (…) ist die traurige Realität.“

    Allerdings werde kein anderer als US-Präsident Donald Trump die neue Krise auslösen, der die transatlantische Kooperation quasi vernichtet und aus dem Iran-Deal ausgestiegen ist, zeigt sich Soros überzeugt. Das werde schlimme Folgen für die europäische Wirtschaft (aber wiederum nicht für die USA) haben.

    Die einseitigen Einschätzungen Soros‘ könnte man natürlich in Frage stellen, aber im Allgemeinen ist die Gefahr einer neuen globalen Krise offenbar groß.

    Drei „Gewitterwolken“ für die Weltwirtschaft

    Wesentlich objektiver bewertete IWF-Chefin Christine Lagarde die Probleme: Sie hob nämlich drei schlimme „Gewitterwolken“ hervor, die über der Weltwirtschaft schweben. Die erste sei mit den kolossalen souveränen Schulden verschiedener Länder verbunden, die bei 162 Billionen Dollar (225 Prozent des globalen BIP) liegen. „Das ist viel mehr als je zuvor, auch nach dem Zweiten Weltkrieg“, so Lagarde. Das war natürlich ein Vorwurf gegen die USA, deren souveränen Schulden sich auf nahezu 20 Billionen Dollar belaufen, und auch gegen die EU (fast 18 Billionen Dollar), Japan (mehr als 11,5 Billionen Dollar), Großbritannien (mehr als 7,5 Billionen Dollar) usw.

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    Die zweite „Gewitterwolke“ sei die finanzielle Fragilität, die bei der Verschärfung der Geldpolitik der USA zu einem bedeutenden Kapitalabfluss aus den Ländern mit sich schnell bildenden Märkten und Durchschnittseinnahmen führen wird. Die Fed befasst sich ebenfalls damit, indem in der vergangenen Woche erneut der Leitzins erhöht wurde.

    Die dritte „Gewitterwolke“ sei das Streben, das System ins Wanken zu bringen, das die Handelsbeziehungen in den letzten Jahrzehnten regelte, und somit die Bewegung von Kapital, Dienstleistungen und Waren untergraben würde.

    Alle zehn Jahre eine Krise

    Anfang Juni berichteten Weltbank-Experten, dass die Situation in der Weltwirtschaft 2018-2019 zwar optimistisch aussehen wird, doch es kann zu jedem Zeitpunkt zur Rezession kommen. Sie erinnern daran, dass die Prognosen hinsichtlich des Wachstums der Weltwirtschaft immer zu optimistisch sind und niemand die frühere globale Krise vorhergesagt hatte. Laut Experten von Citigroup bedeutet Wachstum noch nicht die Abwesenheit einer Rezession – im Krisenjahr 2008 machte das globale Wachstum 1,8 Prozent aus, deswegen würde es Rezession bedeuten, falls die Weltwirtschaft auch jetzt langsamer als zwei Prozent wachsen wird.

    Wirtschaftsexperten der Weltbank gehen vom zyklischen Charakter der Wirtschaftskrisen aus, zu denen es jede zehn Jahre kommt. Die letzte Krise gab es 2008-2009, deswegen sei die Zeit für eine neue Krise gekommen. Die letzten Krisen gab es 1975, 1982 und 1991. Die Krise 1974-1975 war der letzte Nachkriegs-Crash, der mit der Energiekrise wegen der OPEC-Mitglieder begann. Die Energiekrise dehnte sich schnell zur Wirtschaftskrise aus, wobei es zu Dutzenden Millionen Entlassungen und dem Rückgang der realen Einnahmen kam. Sie dehnte sich schnell in der ganzen Welt aus. Doch für die Sowjetunion eröffnete sie neue Möglichkeiten – gerade damals konnte das Land mit dem Ölexport in den Westen beginnen.

    Börsen-Crash (Symbolbild)
    © Sputnik / Grigorij Syssoew
    Im August 1982 brach die Krise wegen des finanziellen Bankrotts von Mexiko aus, das nicht imstande war, seine Außenschulden zu bedienen. Dutzende Länder folgten später Mexiko. Diese Situation wurde von der Fed provoziert, die zu einer harten Geldpolitik überging. Gegen Ende des Jahrzehnts erwiesen sich die USA als Retter, als sie Deals mit den Schuldnern abschlossen. Die Krise wurde beendet und all diese Länder wurden noch abhängiger von Washington, das sie als Marionetten behandelte.

    Und natürlich die Währungskrise, die die Sowjetunion 1991 erschütterte. Die Währungsreserven im Lande gingen zu Ende, im Ausland gab niemand Kredite in Dollar, die Ölförderung sank. Als Folgen – Importrückgang, Zerfall der Wirtschaft und des Landes im Ganzen.

    Nobelpreisträger Paul Krugman vergleicht die jetzige Situation mit der Asien-Krise 1997-1998, auf die der Default Russlands folgte. Diesmal wären erneut vor allem Entwicklungsländer betroffen. Alles ist sehr einfach – ihre Währungen werden weiterhin schwächer, und zu einem bestimmten Zeitpunkt könnten die Schulden ihrer Firmen unerträglich werden und die ganze Wirtschaft mit sich nach unten ziehen.

    Ist Russland gerüstet gegen eine neue Krise?

    Laut Chasin werden die russischen Behörden im Falle einer Krise situationsbedingt reagieren. Die Anhäufung von Reserven und die Reduzierung der Anlagen in US-Schatzbriefen um 50 Prozent haben wenig mit einer Vorbereitung auf schwere Zeiten zu tun.

    „Die Anhäufung der Reserven erfolgt zur Unterstützung der Liquidität des globalen Dollar-Systems, was Christine Lagarde erneut beim SPIEF erklärte. Auch die Senkung der Anlagen in US-Anleihen bedeutet nichts. Welche Rolle spielt das, wenn wir diese Mittel von Dollar in Euro verwandelt haben, denn der Euro ist die Tochterwährung des Dollars“, so der Experte.

    Lagarde lobte Russland beim SPIEF für die Umsetzung eines der besten Pläne in der Makrowirtschaft. „Es gibt einen speziellen Sparfonds für einen schwarzen Tag, einen labilen Währungskurs, Inflations-Targeting sowie die Festigung und die Sanierung des Bankensystems“, so Lagarde.

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    Allerdings zeigte Nikita Maslennikow Verständnis für den Ausbau der internationalen Reserven durch die Zentralbank Russlands, die Devisen im Interesse des Finanzministeriums kauft. „Sie kauft in großen Mengen – 19 Milliarden Rubel pro Tag. Das sind große Mengen. Doch es stellt sich die Frage: Wozu brauchen wir das? Die Antwort ist mir klar: Wir wollen schnellstmöglich die Normen der Füllung des Nationalen Wohlstandsfonds mit sieben Prozent des BIP erreichen, wonach wir alle restlichen Mittel jenseits dieser Grenze für den inneren Bedarf, Investitionen und die Umsetzung der Mai-Erlässe ausgeben können“, sagte der Wirtschaftsexperte.

    „Unsere Zentralbank und das Finanzministerium verstehen die Risiken der Weltrezession. Damit die Situation uns nicht erschüttert, bauen wir internationale Reserven aus. Das ist ein Sicherheitspolster für Antikrisenmaßnahmen. Zur Auffüllung der internationalen Reserven lassen wir uns auf die Schwächung des Rubels ein, was die Unterstützung unserer Exporteure von Öl, Landwirtschaftserzeugnissen, Waffen und Software ermöglicht“, sagte der Experte.

    Vizepremier und Finanzminister Anton Siluanow gab zu, dass der Kurs ohne Sicherheitspolster etwas mehr als 50 Rubel pro Dollar betragen hätte.

    Doch Russland füllt den Nationalen Wohlstandsfonds auf – das sichert die Stabilität des Kurses und schafft voraussagbare Bedingungen für das russische Geschäft. Wäre der Rubel nicht geschwächt, hätten sich die russische Landwirtschaft und andere Branchen jetzt ganz anders gefühlt. Unter diesen Bedingungen wären Importwaren auf unseren Markt geströmt, die Konkurrenzfähigkeit unserer Branchen wäre deutlich niedriger, so Siluanow.

    Zentralbankchefin Elvira Nabiullina schützt ebenfalls die Gold- und Währungsreserven des Landes, während einige Abgeordnete dazu aufrufen, sie zur Lösung von inneren Aufgaben der sozialwirtschaftlichen Entwicklung zu nutzen.

    „Gold- und Währungsreserven sind dafür notwendig, unsere Wirtschaft vor äußeren Risiken zu schützen, den Import zu gewährleisten“, sagte Nabiullina. Die Gold- und Währungsreserven stiegen auf 461 Milliarden US-Dollar. Der Nationale Wohlstandsfonds belief sich nach Stand 1. Juni 2018 auf fast 3,928 Billionen Rubel (62,7 Milliarden US-Dollar).

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