16:36 15 Dezember 2018
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    Ein Protestler mit der Flagge von Ver.di-Gewerkschaft

    Ver.di versus „real“: Neuer Streit um Löhne bei Supermarktkette

    © AFP 2018 / DPA/ Daniel Reinhardt
    Wirtschaft
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    Marcel Joppa
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    Mehrere tausend Mitarbeiter der Supermarktkette „real“ hatten laut der Gewerkschaft ver.di Ende vergangener Woche ihre Arbeit niedergelegt. Der Protest richtete sich gegen Einschnitte bei den Löhnen für neue Mitarbeiter. Auf Sputnik-Nachfrage erklärt „real“, Verhandlungen mit ver.di seien ausgeschlossen. Drohen nun flächendeckende Streiks?

    „Wir wollen keine Dumpinglöhne“, so die Kampfansage der Gewerkschaft ver.di gegen die Supermarktkette „real“. Diese plant, Tarifverträge künftig nicht mit ver.di, sondern mit der kleineren Konkurrenzgewerkschaft DHV abzuschließen. Dadurch drohen Gehaltseinbußen und längere Arbeitszeiten. Sputnik hat beide Streitparteien zu den drohenden Gehaltskürzungen und weiteren Streiks befragt.

    Ist „real“ beim Abschluss neuer Tarifverträge auf Kosten der Beschäftigten zur Konkurrenzgewerkschaft DHV gewechselt?

    Markus Jablonski, Pressesprecher „real“: „Der Vorwurf, ‚real‘ habe Tarifflucht begangen, ist nicht zutreffend. ‚Real‘ ist nach wie vor ein tarifgebundenes Unternehmen und wendet den zwischen dem Arbeitgeberverband AHD und der Gewerkschaft DHV ausgehandelten Tarifvertrag an.“

    Günter Isemeyer, Pressesprecher ver.di Bundesvorstand: „‚Real‘ begeht in der Tat eine Flucht aus dem Flächentarifvertrag. Ver.di sind keine Mitglieder bekannt, die sich zu dem Verein DHV bekennen, dessen ‚Tarifvertrag‘ die ‚real GmbH‘ anwenden will. Dagegen zeigt ver.di durch die bundesweiten Streiks der letzten Tage bei ‚real‘, dass ver.di die maßgebliche Gewerkschaft in dem Unternehmen ist, um einen Tarifvertrag für ihre Mitglieder abzuschließen.“

    Mit welchen finanziellen Einbußen müssten „real“-Mitarbeiterinnen und —Mitarbeiter bei einem Tarifvertrag mit der Gewerkschaft DHV rechnen?

    Markus Jablonski („real“): „Für die Bestandsmitarbeiter zahlen wir nach dem aktuellen Flächentarifvertrag 2018 – die marktübliche Vergütung liegt in vielen Fällen deutlich darunter. Dennoch haben wir bei den Bestandsmitarbeitern auch in diesen Fällen das Entgelt nicht abgesenkt und die Arbeitsbedingungen insgesamt unangetastet gelassen. Bei Neueingestellten zeigen die Erfahrungen bei der Stellenbesetzung, dass der von uns angewendete Tarifvertrag einer marktgerechten Vergütung entspricht.“

    Günter Isemeyer (ver.di): „Die von ‚real‘ als ‚marktgerecht‘ dargestellte Bezahlung würde die Beschäftigten direkt in die Altersarmut führen. Die ‚Gesamtzusage‘ an die Altbeschäftigten, sie würden nach ver.di-Tarif bezahlt, erwies sich schon nach wenigen Tagen als ‚Finte‘. Nach ersten Informationen soll der ver.di-Tarifanspruch immer dann wegfallen, wenn der Funktionswechsel nicht vom Arbeitsvertrag gedeckt ist. Das kann zum Beispiel bei internen Beförderungen oder krankheitsbedingten Versetzungen der Fall sein. Dauerhaft gegen Absenkungen geschützt sind die wenigsten der Bestandsbeschäftigten.“

    Ist „real“ innerhalb der Branche ein Arbeitgeber, der seinen Beschäftigten überdurchschnittlich viel Lohn zahlt?

    Markus Jablonski („real“): „Auch mit einem neuen Tarifpartner sind unser Lohnniveau und das Gesamtpaket absolut marktgerecht und liegen teilweise noch über dem Flächentarifvertrag. Das zeigt auch das nach wie vor hohe Bewerberinteresse: Seit der Anwendung des neuen Tarifvertrages Anfang Juni haben wir über 800 neue Kolleginnen und Kollegen eingestellt.“

    Günter Isemeyer (ver.di): „Mit der Flucht aus dem Flächentarifvertrag sollen auch die auslaufenden Verträge von rund 4500 befristet Beschäftigten nicht verlängert werden, die unter den ver.di-Tarifvertrag fielen. Menschen, die neu eingestellt werden, sollen die schlechteren Arbeitsbedingungen des DHV-Tarifvertrags bekommen. Ob man bei 800 Einstellungen bundesweit von einem ‚beliebten Arbeitgeber‘ sprechen kann, überlassen wir dem Leser.“

    Ist der Tarifstreit nur ein Versuch von ver.di, die Gewerkschaftshoheit bei „real“ zu behalten?

    Markus Jablonski („real“): „Ver.di versucht, unliebsame Konkurrenz auszuschalten und hat darauf geklagt, dass der Gewerkschaft DHV die Tariffähigkeit aberkannt wird. Der erste Senat des Bundesarbeitsgerichts hat jedoch am Dienstag, 26. Juni 2018, nicht über die Tariffähigkeit der DHV entschieden und stattdessen die Entscheidung an die Vorinstanz zurückverwiesen, so dass es bis dato keine rechtskräftige Entscheidung in diesem Verfahren gibt.“

    Günter Isemeyer (ver.di): „Ver.di hat nichts gegen Konkurrenz. Als Gewerkschaft hat sie allerdings die Aufgabe, die Interessen ihrer Mitglieder wahrzunehmen. Dazu gehört auch zu verhindern, dass enorme Verschlechterungen durch die Flucht des Unternehmens ‚real‘ aus dem Flächentarifvertrag für ver.di-Mitglieder verhindert werden. Ob dem Verein DHV im Fall ‚real‘ die Tariffähigkeit aberkannt wird, wie von ver.di beantragt, überlassen wir den zuständigen Gerichten.“

    Hat die Supermarktkette „real“ finanzielle Probleme, die letztendlich alle Arbeitsplätze gefährden könnten?

    Markus Jablonski („real“): „In den letzten Jahren wurde erheblich in die Zukunftsfähigkeit von ‚real‘ investiert. Rund 200 Millionen Euro allein im letzten Geschäftsjahr. Zudem wurde eine Lösung gefunden, die strukturellen Lohnkostennachteile gegenüber Wettbewerbern durch eine neue Entgeltstruktur für Neueinstellungen Schritt für Schritt zu verringern. Insbesondere diese Maßnahme trägt erheblich zur Sicherung der Arbeitsplätze unserer 34.000 Mitarbeiter bei.“

    Günter Isemeyer (ver.di): „Die in dem Tarifvertrag zugesagten Investitionen in die Zukunft der Märkte wurden zwar getätigt, flossen aber anstatt in neue Konzepte größtenteils in Instandhaltungsmaßnahmen, wie zum Beispiel Dachsanierungen, Kühlanlagen und neue LED-Technologien. Das Management muss Sorge tragen, dass die Umsätze wieder fließen. Nur dann besteht eine Überlebenschance für die 281 Märkte. Ein Gesamtkonzept für die Zukunft der ‚real‘-Märkte ist Sache des Managements und für uns momentan noch nicht erkennbar.“

    Wird es Verhandlungen zwischen ver.di und „real“ geben? Folgen weitere Streiks?

    Markus Jablonski („real“): „Trotz Streikmaßnahmen waren alle ‚real‘-Märkte Ende vergangener Woche für Kunden wie gewohnt uneingeschränkt geöffnet. Unser Unternehmen ist auf Ausnahmesituationen dieser Art vorbereitet. Insofern kam es auch zu keinen Umsatzausfällen. Weitere Verhandlungen mit ver.di sind derzeit ausgeschlossen.“

    Günter Isemeyer (ver.di): „Die ersten Streiks bei der ‚real GmbH‘ waren sehr erfolgreich. Das Unternehmen hat zwar versucht, durch den Einsatz von zusätzlichen Finanzmitteln für Personal den Streik zu unterlaufen, was jedoch nicht gelungen ist. ver.di wird weiterhin und notfalls mit langem Atem einen Tarifvertrag für seine Mitglieder im Unternehmen durchsetzen. Wenn das Unternehmen Gespräche über grundlegende Interessen der Beschäftigten weiterhin verweigert, werden diese ihren grundgesetzlichen Anspruch durch weitere Streiks deutlich machen.“

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    Tags:
    Tarifvertrag, Lohn, Senkung, Ende, Supermarkt, Altersarmut, Vertrag, Streik, Real, Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Günter Isemeyer, Markus Jablonski