23:30 21 August 2018
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    Das Hauptgebäude der russischen Zentralbank in Moskau

    Stabile Wirtschaft: „Russische Zentralbank handelt clever“ – Finanzexperte

    © Sputnik / Natalia Seliwerstowa
    Wirtschaft
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    Alexander Boos
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    Trotz Sanktionen steht Russland dank seiner Rentenreform sowie durch „kluges Agieren“ der Zentralbank wirtschaftlich gut da. Daher bleibt das Rating, also das „Güte-Siegel“, für Russland weiterhin bei „BBB-“. Das besagt eine Studie von „Expert RA“. Im Sputnik-Interview erklärt Gustavo Angel, ein Finanz-Experte der Rating-Agentur, die Hintergründe.

    Herr Angel, Ihr Unternehmen hat in einer aktuellen Studie festgestellt, dass die Ratings zu Russland weiterhin stabil bei BBB- geblieben sind. Wie kommen Sie zu diesem Ergebnis?

    Ja, das russische Rating bleibt stabil bei BBB-. Das ist ein sehr gutes Rating, weil es Investitionen im Land begünstigt. Außerdem ist sehr wichtig zu sagen, dass der Ausblick für zukünftige Entwicklungen sehr positiv aussieht. Das bedeutet, wir können mittelfristig davon ausgehen, dass das Rating stabil auf diesem Niveau bleibt.

    Warum befindet sich das Rating aktuell auf diesem Level? Es gibt dafür drei Hauptfaktoren. Erstens: Höhere und stabilere Öl-Weltpreise, die es seit 2017 gibt. Dafür haben auch Entscheidungen der führenden OPEC-Staaten gesorgt, wie das Drosseln der Erdöl-Förderung. Zweitens: Auch niedrigere Inflationsraten spielten eine Rolle. Wenn Sie sich erinnern: Die Inflationsrate stieg 2015 massiv an, nach der Abwertung des Rubels. Mit höheren Öl-Preisen stabilisiert sich auch der Rubel immer mehr. Das führte zur Abnahme der Inflationsrate, die wir aktuell bei etwa 2,4 Prozent in Russland sehen. Die Gesamtentwicklung schafft eine bessere Ausgangslage für Wirtschaft, Business-Aktivitäten und makroökonomisches Wachstum für das Land. Fast alle volkswirtschaftlichen Werte Russlands sehen gut aus: Sei es das BIP oder die Arbeitslosen-Statistik. Mit diesen Bedingungen kann Russland gut arbeiten.

    Sie hatten schon den Öl-Preis genannt. Was sind weitere positive Faktoren für diesen Erfolg? Und: Was sind eher negative Gründe, die das Rating wieder nach unten drücken könnten?

    Ein sehr bedeutender Punkt ist die Konsolidierung der russischen Staatsfinanzen. Das ist sehr wichtig für das Land. Wir sehen: Die russische Regierung hat im Staats-Finanzsektor sehr gut gemanaged und gearbeitet. Insbesondere die Nachkrisenzeit nach 2015 wurde sehr gut gelöst. Moskau konnte das komplette Staatsbudget stabilisieren, und dabei sogar noch Auslandsschulden und weitere Fiskal-Defizite abbauen. Sogar in Zeiten, in denen der internationale Öl-Preis noch niedrig lag. Das muss man unbedingt betonen.

    Auch die Art und Weise, wie Russland in der Krise mit seiner Zentralbank agiert hatte, ist bemerkenswert. So wurden Werte aus den russischen Staatsreserven Ende 2017 freigegeben und liquidiert, also auf den internationalen Märkten zu Geld gemacht. Auch neue Regularien und Gesetzgebungen in Finanzbereichen wie dem Steuerrecht oder auch der neue nationale Wohlfahrts-Fonds sind weitere Gründe für das wirtschaftliche Stabilisieren Russlands.

    Wenn wir weiter nach vorn blicken, denke ich, dass auch die russische Rentenreform helfen könnte, steuerliche Belastungen und fiskalische Bremsklötze zu minimieren. Die Erhöhung des Renteneintrittsalters könnte sich wirklich positiv auf die Gesamtentwicklung auswirken.

    Könnten Sie nochmals auf negative Faktoren eingehen, die der wirtschaftlichen Entwicklung Russland schaden könnten? Wie aus Ihrer Studie hervorgeht, ist der russische Bankensektor immer noch vermehrt in Staatshand. Kritische Ökonomen sehen darin einen Bremsklotz für die Entwicklung. Ihre Analyse dazu?

    Wenn wir uns den gesamten Bankensektor in Russland anschauen, sehen wir, dass es zwar gut ist, wenn staatliche Banken den sogenannten „Zombie-Banken“ unter die Arme greifen, sie unterstützen, sie auch aus Krisen „herauskaufen“. Hier konnte Russland gut reagieren und wirtschaftliche Verluste ausgleichen, auch durch den Entzug von Lizenzen für Zombie-Banken, die sich nicht marktkonform verhielten. Wir hatten zu Beginn dieser Entwicklung etwa 1000 Banken insgesamt in Russland. Heute haben wir etwa noch die Hälfte davon.

    Als Folge davon kam es andererseits zu einer weiteren Konzentration des Bankensektors. Früher war es so: Die großen Spieler, also die wenigen „Big Banks“, haben öfters auch mal kleinere Bankhäuser übernommen, die nicht liquide oder transparent waren oder wirtschaftlich nicht gut dastanden. Aber wie schon in unserer Studie gezeigt, gibt es immer noch sehr viele staatlich kontrollierte Banken in Russland. Wir geben da jetzt keine Gut-Schlecht-Wertung ab, sondern nur den faktischen Stand, wie er ist.

    Der Punkt ist nur folgender: Wenn man mit staatlich kontrollierten Banken versucht, Konkurrenz gegenüber Privatbanken zu betreiben, dann wird offensichtlich, dass sich die Staatsbanken an gewisse Spielregeln halten müssen und diversen Vorgaben unterliegen. Das kann den Wettbewerb durchaus schwierig machen.

    Mit welchen anderen Hindernissen hat die russische Wirtschaft zu kämpfen?

    Es gibt weitere negative Faktoren, die schon seit Jahren in Russland bestehen. Solang diese nicht strukturell, also im Kern, beseitigt werden, werden sie sich weiterhin negativ auf die Wirtschaftsentwicklung und das Rating des Landes auswirken.

    Einer dieser Negativ-Faktoren ist die Abhängigkeit der russischen Volkswirtschaft von Einkommen aus dem Rohstoffhandel, siehe Öl und Gas. Hier wird ein einzelner Wirtschaftszweig überhöht. Russland ist zu sehr darauf konzentriert. Diese Erkenntnis ist jetzt nicht wirklich schlecht, aber daraus könnten tiefgreifende Probleme erwachsen, wenn sich Wirtschaftskrisen und „schlechte Zeiten“ zuspitzen. Wir hatten eine solche Situation 2015.

    Das Preisniveau auf dem Rohstoffmarkt ist „volatil“, sprich schwankend. Das macht wiederum auch die Wirtschaftsprognose für Russland schwankend und unsicher. Solange Marktpreise für Öl und Gas nicht festgeschrieben sind, kann niemand mit Sicherheit sagen, wo sie morgen stehen werden. Das macht das Ganze für Russland unsicherer und weniger planbar. Das Land ist stark von Weltmarktpreisen im Rohstoffsektor abhängig. Wir sahen schon viele Regierungs- und Gesetzesinitiativen, die versuchen, dagegenzuhalten, die versuchen, den russischen Wirtschaftssektor zu diversifizieren, sprich: vielseitiger zu machen. Um sich unabhängiger von Rohstoffpreisen zu machen. Man versucht, den industriellen Sektor zu stärken oder auch die Dienstleistung verstärkt nach vorn zu bringen. Allerdings haben diese Aktivitäten noch nicht den angepeilten Erfolg gebracht.

    Abschließend, Herr Angel: Wenn Sie nach vorn blicken, wohin geht die Reise für Russlands Volkswirtschaft?

    Die wichtigsten Kernpunkte werden stabil bleiben. Es wird wohl keine großen Ausschläge nach Oben oder nach Unten geben. Das Land wird also sehr stabil bleiben. Wachstumsraten werden wohl so um die ein bis 1,5 Prozent liegen. Das können wir für die nächsten fünf Jahre voraussetzen. Aber nur unter der Bedingung, dass Russland – und auch die Welt – Krisen gegenüber resistent und „resilient“ ist. Also widerstandsfähig.

    Natürlich müssen wir die immer noch existenten anti-russischen Wirtschaftssanktionen des Westens ansprechen. Sie wirken weiterhin als Bremsklotz für die russische Wirtschaft. Auch die Sanktionen, die Russland im Gegenzug aufgestellt hat und die auf die US- und EU-Wirtschaft zielen, können negative Auswirkungen auf die russische Wirtschaft haben. Das wirkt sich natürlich auch negativ auf den russischen Außenhandel aus. Das führt zu Spannungen in den Handelsbeziehungen Russlands mit der Welt. Gerade der Außenhandel – also das Verkaufen heimischer Produkte ins Ausland – ist ein zentraler Schlüsselbereich für ein Land, um ökonomisch zu wachsen.

    Speziell die jüngsten US-Sanktionen gegen Russland, die im April 2018 beschlossen worden sind, sind unserer Analyse nach die schärfsten und heftigsten anti-russischen Sanktionen der letzten Zeit. Weil sie auf ganz bestimmte Wirtschaftsfelder in Russland zielen. Denn diese Sanktionen zielen nicht nur auf die staatlich kontrollierten Wirtschaftsbereiche, sondern auch auf russische Unternehmen und Firmen, die mit der Regierung Geschäftsbeziehungen unterhalten. Das sind sogenannte „sekundäre Sanktionen“. Zu befürchten ist, dass die nächsten Sanktionen auch gegen die russische Privatwirtschaft gerichtet sein könnten.

    Die 2014 gegründete Rating-Agentur „Expert RA GmbH“ hat ihre deutschen Büros in Frankfurt am Main. Das Unternehmen ist in ein internationales Firmennetzwerk mit Hauptsitz in Moskau integriert. Dort firmiert das Unternehmen unter „RAEX (Expert RA)“. Die weltweit einflussreichsten Rating-Häuser befinden sich mit „Moody’s“ und „Standard & Poor’s“ in den USA.

    Das Radio-Interview mit Gustavo Angel („Expert RA“):

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    Tags:
    Weltwirtschaft, Reform, Renten, Bank, Staatsbanken, Wirtschaftswachstum, Handelskrieg, Russland-Sanktionen, Sanktionen, Export, Rohstoffe, Öl, Gas, Experte, Rating, Ratingagentur Standard & Poor’s, Moody’s, Russlands Zentralbank, Gustavo Angel, USA, Frankfurt am Main, Russland