05:19 21 Oktober 2018
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    Deutschland in der Ausbildungskrise: 17.000 Betriebe ohne eine einzige Bewerbung

    Deutschland in der Ausbildungskrise: 17.000 Betriebe ohne eine einzige Bewerbung

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    Wirtschaft
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    Ilona Pfeffer
    195016

    Laut einer aktuellen Ausbildungsumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer konnten im vergangenen Jahr 34 Prozent der deutschen Unternehmen ihre Lehrstellen nicht besetzen. 17.000 Betriebe gaben an, keine einzige Bewerbung auf die ausgeschriebenen Ausbildungsplätze erhalten zu haben. Das ist ein trauriger Rekord.

    Am Donnerstag stellte DIHK-Präsident Eric Schweitzer gemeinsam mit dem stellvertretenden DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks in Berlin die aktuelle Ausbildungsumfrage vor. Wichtigste Erkenntnis der Online-Umfrage: In jedem dritten Betrieb konnten freie Ausbildungsplätze nicht besetzt werden. Gegenüber dem Vorjahr ist das eine Steigerung um 3 Prozent, was ein historisches Tief darstellt. In Ostdeutschland ist die Situation mit 46 Prozent dabei deutlich angespannter als in Westdeutschland mit 32 Prozent. 70 Prozent der Unternehmen, die ihre Lehrstellen nicht besetzten konnten, haben gar keine Bewerbungen erhalten. Zum Vergleich: Noch 2007 konnten 85 Prozent der Betriebe ihre Lehrstellen besetzen.

    Traurige Spitzenreiter unter den Branchen sind die Industrie (35 Prozent), Unternehmensorientierte Dienstleistungen (31 Prozent), die Verkehrsbranche (40 Prozent), das Baugewerbe (45 Prozent) und Banken und Versicherungen (32 Prozent).

    Abiturienten und Abbrecher

    Die Ursachen für unbesetzte Lehrstellen variieren zwischen den Branchen. Dass gar keine Bewerbungen eingehen, betrifft vor allem Betriebe in den Bereichen Gastronomie, Bau und Verkehr. Bei Banken und Versicherungen ist die Quote der Azubis, die ihre zugesagte Lehrstelle nicht antreten, besonders hoch. Der Bericht der DIHK erklärt diesen Umstand damit, dass in dieser Branche vor allem Azubis mit Abitur gesucht werden und diese sich kurzfristig doch zu einem Studium entscheiden und auf die Lehrstelle verzichten. Im Bereich Gesundheit und Pflege gibt es hingegen überdurchschnittlich viele Ausbildungsabbrecher.

    Ausbildung 2018: Ergebnisse einer DIHK-Online-Unternehmensbefragung
    © Foto : DIHK
    Ausbildung 2018: Ergebnisse einer DIHK-Online-Unternehmensbefragung

    Das größte Ausbildungshemmnis ist laut der Umfrage die mangelnde Berufsorientierung der Jugendlichen. Auf Platz zwei rangiert die Entscheidung der Auszubildenden für ein anderes Unternehmen oder einen anderen Bildungsweg. An dritter Stelle der Gründe, eine Ausbildung nicht anzutreten oder abzubrechen, liegt die Entfernung zwischen Berufsschule und Betrieb. Dies gilt vor allem für den ländlichen Raum, insbesondere im Osten.

    Unreife Azubis

    Ein weiterer Faktor, der über die letzten Jahre mehr und mehr an Bedeutung gewonnen hat, ist die mangelnde Ausbildungsreife der Bewerber. Nur etwa acht Prozent der befragten Unternehmen sind zufrieden mit der schulischen Bildung der Jugendlichen. Es scheitert schon an den elementaren Rechenfertigkeiten und der Fähigkeit, sich mündlich und schriftlich auszudrücken. Auch fehlende Leistungsbereitschaft, dürftige Umgangsformen und Nachholbedarf in Sachen Interesse und Aufgeschlossenheit werden genannt.

    IT-Kenntnisse werden branchenübergreifend immer wichtiger. Obwohl die Azubis von heute sogenannte „Digital Natives“ sind, also keine Welt ohne Internet kennen, und mehr als die Hälfte sehr hohe Kompetenzen im Bereich Social Media mitbringt, gibt es auch hier Nachholbedarf. Vor allem in Sachen Datenschutz wird den jungen Leuten ein Fehlen von Kompetenz bescheinigt – nur 5 Prozent der Azubis hat bei Ausbildungsbeginn sehr gute Kenntnisse, bei 51 Prozent werden die Kenntnisse mit „deutlich zu wenig“ bewertet. Diesen Mängeln versuchen viele Unternehmen entgegenzuwirken, indem sie Zusatzqualifikationen anbieten.

    Betriebliche Anreize

    In vielen Betrieben muss das Nachwuchsproblem dringend gelöst werden, denn mittelfristig könnte sich diese Lücke zu einem ernsthaften Risiko entwickeln:

    „Für Unternehmen wird der Fachkräftemangel mehr und mehr zum Geschäftsrisiko, das ihre Wettbewerbsfähigkeit zu mindern droht. Zudem werden in den nächsten Jahren langjährige Mitarbeiter der Baby-Boomer-Generation in den Ruhestand gehen, so dass sich die Nachfrage der Unternehmen nach Fachkräften weiterhin verstärken wird“, heißt es im DIHK-Bericht zur Ausbildungsumfrage.

    Den Handlungsbedarf haben die Unternehmen erkannt. Neben einer Marketing-Offensive und besserer Darstellung nach außen versuchen die Betriebe, durch zusätzliche Angebote für die potenziellen Bewerber attraktiver zu werden. Mehr als die Hälfte der Betriebe setzt auf Praktika, um den Jugendlichen einen ersten Einblick in den Beruf zu bieten. Um darauf aufmerksam zu machen, werden beispielsweise Kooperationen mit Schulen, Jugendzentren und Sportvereinen genutzt. Auch inhaltliche Zusatzangebote, Auslandspraktika und sogar Einstiegsprämien gehören zu den Maßnahmen.

    Unter den „Goodies für Azubis“, also den angebotenen finanziellen Anreizen, sind Mobilitätsförderung, übertarifliche Bezahlung, Bonuszahlungen bei guten Noten, Büchergeld, Klassenfahrten, Business-Outfits und Mitgliedschaften in Fitnessstudios. Um auch schwächere Jugendliche mitzunehmen, bieten viele Unternehmen verschiedene Formen der Nachhilfe an. Insgesamt steigt auch die Bereitschaft bei den Unternehmen, lernschwache Jugendliche auszubilden.

    Arbeitende Flüchtlinge

    Mit Studienabbrechern haben sich die Unternehmen außerdem eine neue Zielgruppe eröffnet. Diesen Weg gehen mittlerweile mit 44 Prozent fast die Hälfte der Betriebe, bei steigender Tendenz.

    Positive Neuigkeiten gibt es aber auch. So hat sich die Zahl der Flüchtlinge, die derzeit im IHK-Bereich ausgebildet werden, seit dem Vorjahr verdoppelt und liegt bei 20.000. Die Mehrzahl dieser Lehrlinge wird in kleinen und mittelgroßen Betrieben in den Bereichen Gastgewerbe, Bau, Industrie und Verkehr ausgebildet. Auch die Zusammenarbeit mit den Berufsschulen bewerten 86 Prozent der Betriebe als sehr gut oder gut.

    Trotz einiger positiver Entwicklungen dürfe man sich jedoch nicht darauf ausruhen, betonte DIHK-Präsident Schweitzer bei der Vorstellung der Umfrage.

    „Ich hoffe, dass auch die Politik sowie unsere Partner in der Allianz für Aus- und Weiterbildung den Ernst der Lage erkennen.“

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    Tags:
    Azubi, Integration, Flüchtlinge, Digitalisierung, Fachleute, Mangel, Arbeitslosigkeit, Bau, Unternehmer, Studium, Wahl, Beruf, Arbeitsmarkt, Abitur, Ausbildung, Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK), Eric Schweitzer, Deutschland