12:05 21 August 2018
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    LNG-Tanker (Symbolbild)Tanker mit LNG-Gas aus Russland, China am 18. Juli 2018

    Russland erzielt Durchbruch beim Flüssiggas

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    Wirtschaft
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    Armin Siebert
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    Erstmals hat ein Tanker ohne Eisbrecher Flüssiggas über das Nordpolarmeer nach China gebracht. Während die USA mit LNG-Gas den russischen Pipelines in Europa Konkurrenz machen wollen, investiert Russland kräftig in den eigenen Flüssiggas-Ausbau im Fernen Osten. Die junge Firma Novatek will den Riesen Gazprom angreifen und die Welt erobern.

    Konkurrenz belebt das Geschäft. Das trifft nicht nur auf den europäischen Gasmarkt zu, sondern auch auf den russischen. Während Russlands Nummer Eins, der staatliche Konzern Gazprom, sowohl den russischen als auch den Exportmarkt für Gas dominierte, hat in den letzten Jahren die Firma Novatek rapide aufgeholt. Inzwischen deckt sie rund zwanzig Prozent des Inlandsmarktes in Russland ab.

    Durchs Nordpolarmeer nach China

    Beim Export setzt Novatek auf Liquified Natural Gas (LNG, dt. Flüssigerdgas) – ein Trend, den Gazprom verschlafen hat, solange die Gewinne aus dem Pipeline-Gas sprudelten. Inzwischen produziert Novatek im sibirischen Jamal so viel Flüssiggas, wie etwa einem Drittel des gesamten deutschen Gasbedarfes entsprechen würde. Ziel der Novatek-Tanker ist aber nicht Europa, sondern Asien, und hier insbesondere China.

    Mitte Juli wurde nun ein Durchbruch erzielt, als erstmals ein mit Flüssiggas beladener Tanker von der Halbinsel Jamal in Nordsibirien ohne Hilfe eines Eisbrechers China erreichte. Gut drei Wochen dauerte die Fahrt durch das Nordpolarmeer. Über die westliche Atlantikroute hätte es eine Woche länger gedauert. Das verringert die Kosten für Novatek enorm. Sollte sich diese neue Route als klimatisch stabil erweisen, wäre damit ein ganz neuer Welthandelsweg erschlossen.

    Neues Ziel: Asien

    Hauptabnehmer von Gazprom ist die EU, wo der russische Gas-Multi Marktführer ist. Diverse Pipelines pumpen seit Jahrzehnten stabil und preiswert russisches Erdgas nach Europa. Mit den modernen Gasleitungen Nord Stream und demnächst Nord Stream 2 ist Gazprom auch für die Zukunft gut aufgestellt.

    Novatek konzentriert sich dagegen auf den Fernen Osten und speziell China. Nirgendwo steigt der Energiebedarf so schnell wie beim angehenden Wirtschaftsweltführer China.

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    Nach Komplikationen und Sanktionen infolge der Ukraine-Krise setzt Russland darauf, wirtschaftlich den Fokus stärker auf Asien zu legen. So hat Gazprom 2014 mit dem chinesischen Konzern CNPC einen 30-jährigen Liefervertrag über jährlich 38 Milliarden Kubikmeter im Wert von 400 Milliarden Dollar abgeschlossen. Die Pipeline „Kraft Sibiriens“ wird mit rund 3000 Kilometern die längste der Welt sein. Gazprom lässt sich das Projekt 55 Milliarden Dollar kosten. Aber selbst damit dürfte Chinas Gashunger in der Zukunft nicht vollständig gestillt werden. Dazu kommen die anderen asiatischen Tiger wie Japan oder Südkorea, die im Moment vor allem von den USA, Australien und Katar mit Gas beliefert werden.

    Erstes Flüssiggas-Terminal nördlich des Polarkreises

    Und hier kommt Novatek ins Spiel. Die bemerkenswert effektiv wirtschaftende Firma setzt konsequent auf Flüssiggas. Durch geschicktes Agieren hat der Konzern sich die Rechte an einigen der größten Gasfelder der Welt gesichert.

    Das Kronjuwel von Novatek ist die Gasförderstätte auf der russischen Halbinsel Jamal im Norden Sibiriens. Dort hat Novatek vergangenes Jahr mit Jamal LNG als erstes Unternehmen der Welt ein Flüssiggas-Terminal nördlich des Polarkreises eröffnet. Die Produktionslinie wurde so angelegt, dass die gesamte Kette von Förderung, Abkühlung, Verflüssigung und Tankertransport des Gases mit modernster Technik realisiert wird.

    Trotz harter klimatischer Bedingungen ist es Novatek gelungen, die Produktion auf Jamal in Gang zu bringen, internationale Investoren zu gewinnen und mit technischen Innovationen Maßstäbe in der Gasförderung zu setzen. Neben den westlichen Gas-Multis Total und Shell investiert China besonders kräftig in die russische Flüssiggas-Produktion und ist mit rund zwanzig Prozent an Jamal LNG beteiligt. Auch die Kosten-Nutzen-Rechnung von Jamal LNG kann sich sehen lassen. Das Projekt liegt im Zeitplan. Auch die veranschlagten Kosten wurden nicht überschritten, was in Russland nicht immer selbstverständlich ist.

    Ein neuer Global Player

    Noch ist Gazprom die unangefochtene Nummer Eins auf dem russischen Gasmarkt und weltweit. Aber Novatek hat sich atemberaubend schnell zur Nummer Zwei in Russland hochgearbeitet. Inzwischen produziert der Konzern 63,4 Milliarden Kubikmeter Gas und macht knapp acht Milliarden Euro Jahresumsatz.

    Nun traut sich Novatek, auch im Export den Konkurrenten Gazprom anzugreifen. Nach dem Motto „Überholen ohne Einzuholen“ versucht Novatek gar nicht erst, ins Pipeline-Geschäft einzusteigen, sondern setzt auf Flüssiggas. Zwar ist die Förderung und auch der Transport von Erdgas billiger, wenn die Leitungen erst einmal verlegt sind. Beim steigenden Gasbedarf weltweit gibt es jedoch immer mehr Abnehmer auf anderen Kontinenten, vor allem in Asien, deren Belieferung mit Gastankern preiswerter ist als der Bau tausende Kilometer langer Pipelines.

    Schon jetzt liegt die Produktion von Jamal LNG bei knapp 15 Millionen Tonnen Flüssiggas, was einem Anteil am Weltmarkt für Flüssiggas von etwa fünf Prozent entspricht. 2022 soll der LNG-Ausstoß von Novatek bereits etwa 35 Millionen Tonnen betragen und bis zum Jahr 2030 auf 57 Millionen Tonnen wachsen. Damit wäre Novatek ein Global Player. An den Marktführer Katar wird das Unternehmen wohl nicht so schnell herankommen. Aber mit Australien, Malaysia, Nigeria und den USA wird es durchaus konkurrieren können.

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    Zukunft LNG?

    Viele Experten sehen im LNG die Zukunft. 2016 lag der Anteil von Flüssiggas am weltweiten Gasmarkt bei zehn Prozent. 2035 soll er jedoch schon knapp die Hälfte des Gashandels ausmachen.

    Gegen den Sieg von LNG spricht allerdings immer noch der Preis. Es ist noch immer rund ein Drittel teurer als Pipeline-Erdgas. Allerdings steigt der Gasbedarf auch in Ländern, die keine Pipeline-Anbindung haben und bereit sind, den höheren Preis zu bezahlen, vor allem in Asien.

    Fakt ist, dass der LNG-Export weltweit zwischen 2015 und 2017 um 22 Prozent auf inzwischen knapp 300 Millionen Tonnen gestiegen ist. Knapp 500 LNG-Tanker befahren die Weltmeere. Die EU verfügt bereits über 26 Terminals zur Anlandung dieser speziellen Tanker und Löschung ihrer Fracht. Neun bis elf weitere sollen in den nächsten Jahren speziell für amerikanisches Flüssiggas errichtet werden.

    Macht Russland sich selbst Konkurrenz?

    Interessant wird zu beobachten sein, ob Russland auch eine Konkurrenz von Novatek zu Gazproms Pipeline-Gas in Europa zulassen wird. Theoretisch könnte Novatek schon jetzt LNG-Häfen in Lettland oder Polen beliefern, wenn dies politisch gewünscht wäre. Wenn in Deutschland das angekündigte Terminal in Brunsbüttel gebaut wird und Novatek die Konkurrenz preislich schlägt, wäre ein Einstieg der neuen russischen Gas-Shooting-Stars in den deutschen und damit in den europäischen Markt durchaus denkbar. Konkurrenz belebt das Geschäft. Den Verbraucher dürfte das freuen.

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    Tags:
    LNG-Terminal, Flüssiggas, LNG, Lieferungen, Energie, Handel, Sanktionen, Nord Stream 2, NOVATEK, Gazprom, Europa, Asien, Jamal, USA, Russland, China
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