17:42 21 November 2018
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    Produktion der Goldbarren in Russland (Archiv)

    Gold-Reserven: Russland nähert sich „Stalin-Rekord“ und wird unabhängiger vom Dollar

    © Sputnik / Pawel Lisitsin
    Wirtschaft
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    Alexander Boos
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    Russland und China kaufen weiterhin fleißig Gold, um die eigenen Staatskassen aufzufüllen. „Russlands Zentralbank handelt geschickt und clever“, erklärt Goldmarkt-Experte Dimitri Speck gegenüber Sputnik. „Moskau macht sich so immer unabhängiger vom US-Dollar.“ China hinke etwas hinterher, da dort „viele private Händler das Edelmetall kaufen.“

    „Man muss differenzieren zwischen Russland und China“, sagte Dimitri Speck, Goldmarkt-Experte und Finanz-Analytiker aus München, im Sputnik-Interview. „In China sind es vor allem Privatpersonen und Unternehmen, die Gold kaufen. Die Zentralbank selbst kauft zwar auch Gold, aber zu den übrigen Reserven ist der Goldanteil relativ gesehen recht gering. Dafür kaufen die Privaten sehr viel Gold, was man auch an den Abzügen der dortigen Goldbörse erkennen kann.“

    Bei Russland sei dies anders. „Hier stellen die Goldreserven schon einen recht hohen Anteil an allen Reserven der Zentralbank insgesamt. Russland stößt auch Dollar-Papiere ab, gerade in den vergangenen Monaten.“ Das seien zwei unterschiedliche Vorgehensweisen und Strategien dieser beiden Staaten. Dafür „haben sie solide Gründe. Zumindest für Russland kann ich solide Gründe erkennen.“

    Der Dollar als Welt-Leitwährung

    Der Grund liege in der Währung, die derzeit noch das internationale Geldsystem dominiert: Der US-Dollar. Der Dollar als Leitwährung der Welt habe für die russische Zentralbank prinzipielle Nachteile.

    „Dazu gehört natürlich, dass die Währung durch Inflation wertlos werden kann. Dazu gehört die politische Deklaration: Man ist politisch erpressbar, wenn man als Land viele Dollars hat. Es gibt für Russland – in einer Situation, wo es politisch sanktioniert wird von den USA und dem Westen – hier einen guten Grund, auf Nummer Sicher zu gehen und stattdessen auf Gold zu setzen.“ Das Edelmetall könne – im Gegensatz zu einer Bezahlwährung – nicht „für wertlos“ erklärt werden.

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    Genau diese Möglichkeit hätte jedoch der „globale Schuldner“ USA. Washington verfolge „nachweislich seit den 1960er Jahren bereits eine Politik, Gold aus dem internationalen Zentralbank-System zu verdrängen und durch US-Schuldpapiere (Dollars, Anm. d. Red.) zu ersetzen.“

    Russlands „geschickte“ Gold-Politik

    Moskau hat vor diesem Hintergrund dem Gold-Experten zufolge sehr „geschickt agiert und baut seit etwa zehn Jahren seine Goldreserven deutlich auf“. Damit habe Russland genau das gemacht, was Zentralbanken, Regierungen und Länder schon seit langer Zeit tun.

    „Nämlich auf das einzige werthaltige, liquide Instrument zu setzen, das eben unabhängig ist von der Leistungskraft eines Schuldners“, so Speck. „Und das ist eben Gold als traditionelles Wertaufbewahrungsmittel zwischen Staaten.“ Russland agiere „hier sinnvoll und rational. Vermutlich auch, weil es durch die Sanktionen bedroht ist. Da handelt Russland sehr rational, indem es die Dollars als Reserve abbaut und gegen Gold tauscht. Russland setzt auf das klassische Wertaufbewahrungsmittel im internationalen Zahlungsverkehr.“

    Diese Tabelle zeigt: Russland baut seit Jahrzehnten kontinuierlich seine nationalen Goldbestände auf. Auch China konnte in den letzten Jahren ordentlich zulegen.
    Diese Tabelle zeigt: Russland baut seit Jahrzehnten kontinuierlich seine nationalen Goldbestände auf. Auch China konnte in den letzten Jahren ordentlich zulegen.

    Russische Reserven: „Haben sich verzehnfacht“

    „Mit 2000 Tonnen Gold-Reserven nähern sich Russlands Bestände dem sowjetischen Höchststand von 1941“, berichtete RT Deutsch am Sonntag. In jenem Jahr war Josef Stalin Generalsekretär der Kommunistischen Partei und Oberster Befehlshaber der „Roten Armee“. Heute strebe die Russische Föderation größere finanzielle Unabhängigkeit und eine Überwindung der Hegemonie des US-Dollars an. Das sagten russische Finanzanalysten gegenüber dem russischen Sender. „In den letzten zehn Jahren hat sich der Anteil von Gold in den Reserven des Kremls verzehnfacht“, so der Nachrichtensender weiter.

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    „Russlands Goldkäufe nahmen während des US-Präsidentschaftswahlkamps zu und hörten trotz des Wahlsieges von Donald Trump nicht auf zu wachsen, obwohl er ein besserer Kandidat für den Kreml zu sein schien“, sagte Anton Machnowski, CEO des Finanzinstituts ICBF, gegenüber RT. Der Analyst glaubt, dass Russland seine Reserven weiter erhöhen wird.

    Russland reduzierte seinen Bestand an US-Bundesanleihen in Höhe von 96,1 Milliarden US-Dollar im März auf nur noch 14,9 Milliarden US-Dollar im Mai. Die russischen Edelmetallreserven, gelagert in Moskau, werden auf 460 Milliarden US-Dollar geschätzt, wobei die Zentralbank diese Summe mittelfristig auf 500 Milliarden Dollar erhöhen will.

    Pekings Gold-Politik: Hat sich China verspekuliert?

    Bei China sei es sehr schwer, einen „stichhaltigen, rationalen und langanhaltenden Grund“ für die derzeitige Goldpolitik auszumachen, so der Münchner Gold-Experte. Peking habe ein Problem: Nämlich „zu viele Dollars“, die die asiatische Wirtschaftsmacht halte. „China hat sich mit Dollar-Papieren vollgepumpt und dazu nur noch relativ wenig Gold. China hat sich erpressbar gemacht. Es gibt immer wieder Befürchtungen, dass China jetzt im Handelsstreit mit den USA viele Dollar auf den Markt werfen könnte.“ Beispielsweise als Drohung. „Dem ist im Prinzip nicht so, weil die USA dann einfach sagen können: ‚Diese Papiere sind vorübergehend oder dauerhaft wertlos.‘“ Das sei eben das Problem, wenn „man sich als Gläubiger (China) in Abhängigkeit von einem Schuldner (USA) begibt.“ Dies habe China getan.

    Die Volksrepublik baue zwar Goldreserven auf. „Aber das ist immer noch relativ wenig im Vergleich zur Wirtschaftskraft Chinas in Relation zu den übrigen Reserven.“ Peking habe dies gemacht, um den eigenen Export zu befördern. „Aber die Strategie ist eben nicht nachhaltig in meinen Augen.“

    Trump, Gold und die De-Industrialisierung der USA

    Um den Dollar zu stützen, will Washington das Edelmetall international verdrängen. Laut Speck wollen die USA „damit auch das eigene Leistungs- und Zahlungsbilanzdefizit leichter finanziert bekommen. Es gibt weltweit keinen anderen Staat, der seit über 50 Jahren hier dauernd im Defizit ist.“ Die USA hätten ein immanentes Interesse daran, dass fremde Zentralbanken den Dollar in ihren Reserven halten – „und eben kein Gold“.

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    Diese Politik habe für die USA selbst einen großen Nachteil. „Dieses laufende Leistungsbilanzdefizit führte zu einem hohen Wert des Dollars. Er war laufend überbewertet.“ Das führte in Folge zu einer De-Industrialisierung der USA, zum Niedergang der US-amerikanischen Industrie. „Das ist jetzt auch etwas, das Trump angehen will. Auch wenn er komplett falsch argumentiert und einfach die Schuld den Handelspartnern zuweist. Das ist natürlich Unfug.“ Gold sei stets der Gegenspieler einer kreditbasierten Währung wie dem Dollar.

    „Goldpreis wird wohl steigen“

    „Aufgrund der hohen Überschuldung der Weltwirtschaft und aufgrund des hohen Haushaltsdefizits der USA rechne ich ziemlich fest damit, dass sich die Staaten ihrer Schulden entledigen wollen. Ich vermute, durch Inflation. Gold kann davon eigentlich nur profitieren. Weil es eben inflations- und konkursausfallsicher ist. Daher rechne ich natürlich auch mit einem steigenden Goldpreis.“

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    Laut dem „World Gold Council“, dem Weltverband aller goldschürfenden Staaten, hat Russland im ersten Quartal 2018 fast 2000 Tonnen Gold in seinen nationalen Beständen verzeichnet. Zudem hält das Land etwa 17,6 Prozent aller seiner Reserven in Gold. Zum Vergleich: Bei den chinesischen Reserven liegt der Gold-Anteil gerade mal bei 2,4 Prozent. Peking verfügt aktuell über etwa 1800 Tonnen Gold in seiner Zentralbank.

    Die USA halten derzeit etwa 8000 Tonnen Gold in den nationalen Reserven und sind damit der größte Gold-Besitzer der Welt, Deutschland ist mit etwa 3400 Tonnen der zweitgrößte. Der Gold-Anteil aller US-Reserven rangiert bei etwa 75 Prozent. Für die Reserven der Bundesrepublik liegt die Gold-Quote bei etwa 70,3 Prozent.

    Das Radio-Interview mit Gold-Experte Dimitri Speck zum Nachhören:

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