02:25 16 August 2018
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    Hitze in Deutschland

    Heiß wie nie: Kommt „historische“ Lebensmittelkrise? – So leiden Deutschlands Bauern

    © REUTERS / Fabrizio Bensch
    Wirtschaft
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    Alexander Boos
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    Bauern und Landwirte im Osten und im Norden leiden besonders unter der aktuellen Hitzewelle. „Auch Tiere im Stall müssen die Hitze ertragen“, so der Präsident des Bauernverbands Brandenburg gegenüber Sputnik. „Eine historische Missernte“ nennt es der Bauernverband Niedersachsens. „Ob es der Verbraucher merkt, wird Zeit zeigen“, so weitere Stimme.

    „Die Hitze macht natürlich uns als Landwirte zu schaffen“, sagte Henrik Wendorff, Präsident des Landesbauernverbands Brandenburg, im Sputnik-Interview.  „Aber nicht nur den Landwirten auf dem Acker, auch natürlich den Tieren bei uns im Stall. Vor allem die langanhaltende Hitze in den letzten Wochen verbunden mit der Trockenheit stellt uns jetzt im Abschluss der Ernte vor große Herausforderungen.“

    Brandenburg sei ein Bundesland, das die typischen Agrarprodukte produziere. Darunter fallen Getreide und Ölsaaten. „Dort haben wir nach vorläufigen Schätzungen schon weit über ein Drittel der Ernte verloren.“ Dazu gehöre ebenso das Tierfutter, das meist aus Gras und anderen Bodengewächsen besteht. „Das sollte jetzt auf den Feldern wachsen. Alles, was jetzt noch grün sein sollte, das fehlt uns: Also Ackergras und Silomais. Das wird uns auch das ganze Jahr und auch das nächste Jahr noch beschäftigen, wie wir hier die Lücke stopfen.“

    Hitzeschlag: Osten und Norden besonders betroffen

    „Der Deutsche Wetterdienst (DWD) bestätigt für 2018 die völlig außergewöhnlichen Wetterverhältnisse mit hohen Dauertemperaturen und enormer Dürre“, heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung des Landesbauernverbands Niedersachsen, auch „Landvolk Niedersachsen“ genannt. Die Deutschland-Karte des DWD zeigt, welche Regionen besonders stark von den hohen Temperaturen betroffen sind.

    Deutschland-Karte des DWD: Die dunkel-gelben Schattierungen zeigen an, wo es aktuell besonders heiß ist und dass die nordöstlichen Bundesländer am massivsten von der Hitzewelle betroffen sind.
    © Foto : Deutscher Wetterdienst (08. 08. 2018)
    Deutschland-Karte des DWD: Die dunkel-gelben Schattierungen zeigen an, wo es aktuell besonders heiß ist und dass die nordöstlichen Bundesländer am massivsten von der Hitzewelle betroffen sind.

    Demnach schwitzt der Nordosten der Republik am meisten. „Wir in Bayern sind noch ganz gut dran“, bestätigte ein Sprecher des bayerischen Bauernverbands gegenüber Sputnik. „Bei uns ist lediglich der Norden Bayerns etwas von der Hitzewelle betroffen.“

    Niedersachsen: „Alle Landwirtschafts-Betriebe betroffen“

    „Also wir müssen jetzt sagen: Es sind mittlerweile alle Betriebe betroffen“, sagte Gabi von der Brelie, Pressesprecherin beim Landvolk Niedersachsen, im Sputnik-Interview. „Wir können landesweit sagen, dass alle Bauern unter der Hitze zu leiden haben. Und ganz besonders große Sorgen machen wir uns um die Tierhalter.“ Historisch niedrige Werte seien gegenwärtig bei der Ernte zu verzeichnen. „Das wurde inzwischen auch vom Landesamt für Statistiken in der Tendenz bestätigt. Die Getreideernte ist inzwischen – so früh wie noch nie – abgeschlossen. Insbesondere bei der Wintergerste gibt es sehr niedrige Erträge.“ Bei Kartoffeln und Zuckerrüben, „die noch auf dem Feld stehen“, so die Pressemitteilung, „rechnen die Landwirte nach Umfragen des Landvolkes Niedersachsen mit Einbußen in der Größenordnung von 25 bis zu fast 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr“.

    Die Region Westfalen-Lippe ist nicht so stark betroffen von der Hitze wie der Nordosten der Republik. „Was uns Sorge bereitet, sind die deutlich geringeren Ernteerträge“, erklärte Hans-Heinrich Berghorn, Pressesprecher des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands, gegenüber Sputnik. „Das trifft auf der einen Seite die Getreidebauern.“ Sein Verband gehe von einem durchschnittlichen Verlust der Erträge von zwischen zehn und 25 Prozent aus. In anderen Gegenden seiner Region konnten jedoch die Landwirte eine Ernte in der Größenordnung des Vorjahres einfahren. „Der andere Bereich, der stark betroffen ist, sind die Rinderhalter. Auch die Milchbauern, die im wesentlichen jetzt ihr Futter für den Winter einbringen müssen. Was aber nicht gelingt, weil aufgrund des fehlenden Niederschlags kein Gras gewachsen ist. Da gibt es große Sorge, dass im Winter das Tierfutter nicht reicht.“

    Futter-Börsen und Co: Bauern helfen sich gegenseitig

    „Zunächst mal gilt hier die Selbsthilfe“, sagte Berghorn. „Es haben sich landauf, landab bereits Futter-Börsen etabliert. Das sind Strukturen, in denen Bauern anderen Bauern helfen.“ Alle Bauernverbände arbeiten nach diesem Prinzip. „Eine solche Grundfutterbörse haben wir auch eingerichtet“, so Niedersachsen. „Es geht insbesondere um das Raufutter für das Rindvieh, für Ziegen, für Schafe. Da müssen sich die Betriebe untereinander helfen. Milchbauern stehen besser da. Sie haben in der Regel ausreichend Vorräte.“

    In Brandenburg laufe das ähnlich mit den Bauern- und Futter-Netzwerken. „Weil finanzielle Unterstützung ist das eine“, so Wendorff. „Aber zuerst müssen wir sehen, wie wir die Futtergrundlage sichern. Da muss man sich selber helfen. Da muss man sehen, wie man sich unter Berufskollegen austauschen kann. Wo man Futterreserven nutzen und herbekommen kann.“ 

    Es sei bewährte „bäuerliche Tradition, Selbsthilfe zu organisieren. Nur den Höfen, die existenzielle Einbußen haben, den muss man dann auch andere Hilfe anbieten“, forderte von der Brelie abschließend.

    Wie kann die Politik den Bauern helfen?

    Der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied, sieht laut „SPIEGEL ONLINE“ eine „Ausnahmesituation“ und fordert von der Politik Hilfen von rund einer Milliarde Euro für Landwirte – auch von der Europäischen Union (EU). „Die Folgen dieses Extremwetters auf den Feldern können die Landwirte nicht allein bewältigen“, stellt ebenso Niedersachsens Landvolk-Präsident Schulte to Brinke klar. Und ergänzt: „Auf derartige Wetterkapriolen können sich die Landwirte kurzfristig nicht einstellen. Hier ist die Politik mit schnellen und direkten Hilfen gefordert“, richtet er konkrete Erwartungen an Bund und Länder.

    „Die Bundesministerin für Landwirtschaft (Julia Klöckner (CDU), Anm. d. Red.) hat schon mal angekündigt, dass sie am Ende des Monats auf Basis belastbarer Zahlen die Lage neu bewerten wird“, so Berghorn. „Und der EU-Agrarkommissar Phil Hogan hat angekündigt, dass er dafür sorgen möchte, dass die EU-Direktzahlungen, die meistens rund um Weihnachten bei den Bauern ankommen, in diesem Jahr vorzeitig ausgezahlt werden. Das ist sicherlich ein vernünftiger Vorschlag.“ Alles Weitere müsse diskutiert werden. „Wir sind aber gegen eine Nothilfe nach dem Gießkannen-Prinzip.“ Hilfe sei nur dort vernünftig, „wo es auch wirklich nötig ist.“

    Finanzielle Forderungen der brandenburgischen Landwirte erwartet Bauern-Präsident Wendorff erst im nächsten Jahr, wenn sich dann die ausgebliebenen Ernteerträge auf die Einnahmen der Landwirte auswirken werden. Letztlich gehe es laut ihm um „einen bunten Mix“ aus bäuerlicher Selbsthilfe sowie materieller und finanzieller Unterstützung durch Außen, durch die Politik. Ohne Gespräche gehe es aber nicht. Schon allein aufgrund der hohen Vernetzung zwischen Landes-, Bundes- und EU-Ebene.

    Wie wirkt sich das auf den Verbraucher aus?

    Eine drohende Lebensmittelkrise und dramatisch steigende Preise schlossen alle Interview-Partner aus. „Ob es der Verbraucher merkt, werden die nächsten Wochen zeigen“, so Brandenburgs Verbandschef. „Wir handeln ja über Grenzen hinweg in ganz Europa und auch darüber hinaus. So, dass man jetzt schwer abschätzen kann, was am Ende fehlen wird. Bei einzelnen Produkten wird man merken, dass die Qualität auch unter der Hitzeperiode gelitten hat. Insbesondere im Obst- und Gemüsebereich.“

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    Das konnte auch die Landvolk-Sprecherin bestätigen. „Wo der Verbraucher es immer direkt merkt, das sind Obst und Gemüse“, sagte sie. „Bei den Kartoffeln am ehesten, weil sie kleiner bleiben. Beim Obst hat der Verbraucher eher einen Vorteil, weil die Obsternte von der Sonne profitiert.“ Salat gehe selbstverständlich bei der Hitze zugrunde. Preisliche Folgen habe die Hitzewelle auch schon: Die Milchpreise in manchen Supermärkten sinken bereits in einigen Regionen.

    Die Radio-Interviews der Bauernverbände Brandenburg, Niedersachsen und OWL zum Nachhören:

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    Krise, Lebensmittel, Hilfe, Wetter, Hitze, Ernte, Trockenheit, Landwirtschaft, Spiegel Online, Niedersachsen, Deutschland
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