22:26 11 Dezember 2018
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    Menschen versuchen Dollar-Banknoten in Lira umzutauschen, Ankara

    Krisenlawine in Türkei: Trump wirft letzten Stein

    © REUTERS / Umit Bektas
    Wirtschaft
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    Natalia Pawlowa
    2025615

    Der Einbruch der türkischen Lira könnte sich negativ auf die Wirtschaft der EU-Länder auswirken, wenn die Türkei ihre Schulden nicht begleichen kann. Wird die „Drei-Tage-Regel“ wirken?

    Valeri Weisberg, Leiter der Abteilung für Analyse bei der Investitionsgesellschaft „Region“, nannte die von Präsident Trump angekündigten Zölle für türkisches Aluminium (20 Prozent) und türkischen Stahl (50 Prozent) den letzten Stein, der in der Türkei und anderen Ländern eine Krisenlawine ausgelöst hat.

    „Die Türkei hat eine ziemlich schwache Zahlungsbilanz. Die zusätzliche Verschlimmerung aufgrund der Tatsache, dass die Türkei nicht in der Lage sein wird, Stahl und Aluminium in die USA zu exportieren (die USA sind einer der größten Abnehmer türkischer Stahlprodukte), hat die ohnehin ungünstige Situation mit der Zahlungsbilanz nur zugespitzt. Das ist sehr anfällig für die nationale Währung. Die internationalen Reserven der Türkei sind auf einem ziemlich schwachen, niedrigen Niveau. All dies führte dazu, dass die Auslandsverpflichtungen des staatlichen und privaten Sektors stark zugenommen haben. Und Trumps Entscheidung an sich ist der letzte Stein, der diese Lawine losgetreten hat“, sagte der Analyst im Gespräch mit Sputnik.

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    Die Situation habe eine negative Auswirkung nicht nur auf die Türkei und Russland, sondern auch auf Europa, fügte Weisberg hinzu. Anton Schabanow, unabhängiger Wirtschaftsexperte und Autor des Projekts „All Economics“, schließt nicht aus, dass der Einbruch der türkischen Lira einen Euro-Fall nach sich ziehen könnte:

    „Die türkische Lira ist direkt mit dem Dollar verbunden. Sie fällt drastisch, zudem hatten die Türken früher viel Geld bei der EU geliehen. Falls die Türkei im Weiteren ihre Schulden nicht begleichen kann – und alles sieht danach aus (die Verschuldung liegt bei etwa 140 Milliarden Dollar) – wird die EU Probleme bekommen. Folglich wird es Probleme mit dem Euro geben. Der Euro und der Dollar sind das wichtigste Paar auf dem Finanzmarkt. Wenn der eine steigt, sinkt der andere. Wegen der Entwicklungen in der Türkei steigt der Dollar.“

    Lira-Banknoten (Archiv)
    © REUTERS / Murad Sezer/File Photo
    Schabanow verwies auf die Drei-Tage-Regel in der Wirtschaft. Demzufolge dauert die Hauptphase einer akuten Krise drei Tage. So ist es auch in Russland geschehen. Vorige Woche gab es starke negative Bewegungen, einen starken Rückgang des Rubels. Allmählich wird es jedoch ruhiger, und die Investoren treffen sinnvollere Entscheidungen. Es besteht die Hoffnung, dass der Rubel wieder steigen könnte, wenn die Türken die Lage in ihrem Land stabilisieren. Das erfordere eine politische Lösung, so Weisberg.

    „Nach verschiedenen Schätzungen sind 7 bis 7,5 Lira für einen Dollar die Schwelle, deren Überschreitung dazu führen kann, dass Banken ihr Kapital und ihre Zahlungsfähigkeit verlieren. Die Zentralbank leistet Zuwendungen, die eine Erhöhung des Kapitals ermöglichen. Aber die Maßnahmen, die der Markt erwartet, nämlich eine starke Erhöhung des Leitzinses und mögliche Verhandlungen mit dem IWF, werden nicht getroffen. Investoren glauben nicht an die Fähigkeit der Regulierungsbehörde, die Situation umzukehren. Und solange dies weitergeht, wird es auf dem Markt Panik geben. Alle Macht gehört dem Präsidenten des Landes, Erdogan, und die Beschlussfassung hängt von ihm ab, ebenso wie die weitere Situation auf dem Markt.“

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    Der türkische Präsident Tayyip Erdogan führt jedoch die heutige Wirtschaftskrise auf eine westliche Verschwörung zurück und macht die USA für den Lira-Einbruch völlig verantwortlich. Erdogan sei bereit, bei Abrechnungen mit den größten Handelspartnern der Türkei – China, Russland, dem Iran und der Ukraine – auf den Dollar zu verzichten. Dies sagte er am Montag in Ankara. Russland unterstütze den Vorschlag des türkischen Präsidenten, Handel in nationalen Währungen zu betreiben. Nach Worten von Dmitri Peskow, dem Pressesprecher des russischen Präsidenten, will Moskau bei Abrechnungen mit seinen Handelspartnern schon seit langem vom Dollar auf den Rubel umsteigen.

    Auch Russlands Erster Vizepremierminister Anton Siluanow kritisierte den US-Dollar als keine zuverlässige Währung beim internationalen Ölhandel. „Der US-Dollar, der als internationale Währung gilt, wird zu einem Risikoinstrument bei Abrechnungen“, sagte der Finanzminister in einer Fernsehdebatte und fügte hinzu, dass Moskau seine Reserven-Anlagen in US-Aktiva deutlich reduziert habe.

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    Tags:
    Sanktionen, US-Strafzölle, Euro, US-Dollar, Lira, Donald Trump, Recep Tayyip Erdogan, Russland, USA, Türkei