11:53 22 September 2018
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    Ein Air Berlin-Flugzeug im August 2017 über BerlinDie leeren Schalter von Air Berlin im Münchner Flughafen (Archivbild)

    Überraschung ein Jahr nach Air-Berlin-Pleite: Bundeskredit doch nicht verloren

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    Wirtschaft
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    Andreas Peter
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    Am 15. August 2017 meldete die damals zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft „Air Berlin“ Konkurs an. Neben den Dramen, die sich für tausende Beschäftigte und Passagiere abspielten, musste auch der Bund bangen. Er hatte nach der Bankrotterklärung einen Kredit über 150 Millionen Euro gewährt. Dieser schien mindestens zur Hälfte verloren. Bis gestern.

    Normalerweise werden zu Jahrestagen von Firmenpleiten keine Geschenke verteilt. Und Insolvenzverwalter Lucas Flöther ist von Berufs wegen auch nicht primär für das Verteilen zuständig, sondern für das Einnehmen, Einsammeln, Eintreiben. Aber dass er pünktlich ein Jahr nach der Insolvenz erklären kann, die Wahrscheinlichkeit sei groß, dass der Notkredit des Bundes vollständig bedient werden kann, mutet fast schon wie ein Geschenk an.

    Ganz vollständig zurückgezahlt wird der Kredit nicht werden können. Die optimistische Prognose Flöthers umfasst nicht die Zinsen für die geborgten 150 Millionen Euro der deutschen Steuerzahler. Mit dem Massekredit hatte die Bundesregierung sichergestellt, dass Air Berlin nach der Insolvenzanmeldung überhaupt noch Flugzeuge starten und landen konnte, also nicht tausende Passagiere plötzlich irgendwo strandeten.

    Sorglose Kreditvergabe des Bundes

    Schnell stellte sich heraus: Die Lage bei Air Berlin war noch katastrophaler, als viele vermuteten. Das schnelle Geld der Bundesregierung schien sich ebenso schnell auf Nimmerwiedersehen in Luft aufzulösen. Insolvenzverwalter Lucas Flöther jedenfalls machte anfangs wenig Hoffnung, dass der Kredit jemals bedient werden könnte. Und die Sicherheiten, auf die sich die Bundesregierung gegenüber der empörten Öffentlichkeit berief, waren nur in einem Punkt sicher: dass sie nichts wert waren.

    Gierige Selbstbedienung eines Managers

    Besonderes Unverständnis rief die Tatsache hervor, dass sich der Chef von Air Berlin, Thomas Winkelmann, der seinen Posten nur vier Monate vor der Insolvenz übernommen hatte, seine fürstliche Entlohnung durch eine Versicherung garantieren ließ, die bewirkte, dass tausende Mitarbeiter und Passagiere von Air Berlin in die Röhre guckten, während Winkelmann aus der Pleite, die er eigentlich verhindern sollte, auch noch Gewinn schlug.

    Geschickter Insolvenzverwalter

    Diese egoistische Luxus-Vergütung konnte Insolvenzverwalter Lucas Flöther deutlich verkleinern und der Insolvenzmasse zuschlagen, weil Thomas Winkelmann sich überzeugen ließ, auf den Großteil seiner Bezüge zu verzichten, wenn er Ende 2018 das Unternehmen verlässt. Überhaupt scheint Flöther ein glückliches Händchen zu haben, wenn es darum geht, so viel Geld wie möglich für die Gläubiger heranzuschaffen und dabei auch kleine Beträge nicht liegenzulassen. So ließ Flöther Inventar von Air Berlin versteigern, zum Beispiel beinahe eine Tonne der berühmten Schokoherzen, Schlafmasken, Kaschmirdecken oder originale Flugzeugsitze.

    Die Entscheidung, mehrere Dutzend Mitarbeiter von Air Berlin weiter zu beschäftigen, die das Innenleben der Fluglinie am besten kannten, scheint sich nun auszuzahlen. Denn sie halfen Flöther dabei, diverse Geldquellen zu identifizieren, die für die Insolvenzmasse nutzbar gemacht werden konnten, wie Flöther auf Nachfrage von Sputnik präzisierte:

    „Es handelt sich nicht um eine einzelne Geldquelle, sondern um eine Vielzahl von Ansprüchen, die Air Berlin gegen Dritte hat. Diese Ansprüche haben wir in den vergangenen Monaten unter anderem bei der Aufarbeitung der Buchhaltung von Air Berlin ermittelt. Dabei handelt es sich um Anfechtungen, aber auch um andere Ansprüche, wie etwa Kautionen, die Air Berlin bei ausländischen Flughäfen hinterlegt hatte und die wir nun zurückfordern.“

    Unerwartete Einnahmen

    Diese Forderungen summieren sich offenbar auf eine so große Zahl, dass Flöther dem Bund mitteilen konnte, es bestünden gute Chancen, dass nicht mehr nur die Hälfte des Notkredites zurückgezahlt werden könne, wie bislang geplant und zum Teil geschehen, sondern wahrscheinlich sogar die Gesamtsumme – wenn auch ohne Zinsen.

    Das dürfte in der Bundesregierung für ein Aufatmen gesorgt haben. Im Januar waren Beweise dafür öffentlich geworden, dass der Notkredit an Air Berlin ausgezahlt wurde, obwohl sachkundige Mitarbeiter und externe Buchprüfer vor einem Totalausfall warnten. Mit einem Totalausfall müssen nach wie vor die meisten Kleingläubiger rechnen, gibt Lucas Flöther zu bedenken, als Sputnik ihn zum Stand des Insolvenzverfahrens befragt. Er hat aber zugleich auch ein Signal der Hoffnung:

    „Im Moment sieht es so aus, dass wir – zumindest zum größten Teil – die Masseverbindlichkeiten bedienen können. Die weiteren Air Berlin-Gläubiger werden voraussichtlich nur dann Zahlungen erhalten, wenn vom Gesellschafter Etihad zusätzliche Mittel zur Masse fließen.“

    Dieser Hinweis ist in vielerlei Hinsicht beachtenswert. Denn Flöther hat sich von Juristen bestätigen lassen, dass Etihad mehr oder weniger eine Patronatserklärung für seine Tochter Air Berlin abgegeben hat. Deshalb konnte sich die arabische Fluggesellschaft nach Auffassung des Insolvenzverwalters auch nicht einfach aus der Affäre ziehen, indem Air Berlin mitgeteilt wurde, Etihad würde seine Zahlungen als Gesellschafter einstellen, woraufhin die Insolvenz folgte.

    Muss Ex-Eigner Etihad Milliarden nachzahlen?

    Nun müssen die Gerichte sprechen. Das kann dauern und im ungünstigsten Fall auch erfolglos verlaufen. Aber Flöther ist daran gewöhnt, dass Insolvenzverfahren nicht immer so verlaufen, wie am Anfang erwartet. Das hat er auch während seines Mandates für Air Berlin feststellen müssen:

    „Unerwartete Ereignisse gab es im Air-Berlin-Verfahren natürlich viele, eine Zeit lang mehrere täglich. Spontan fällt mir die Nachricht ein, dass die Übernahme von Niki durch die Lufthansa nicht zustande kommt. Aber das gehört zum Job. Man muss dann eben nach anderen Lösungen suchen.“

    Und darin sind, wie man sieht, Lucas Flöther und sein Team gar nicht mal so schlecht. Die deutschen Steuerzahler jedenfalls können sich im Moment zumindest in Sachen Affäre Air Berlin nicht beklagen.

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