00:57 17 Dezember 2018
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    Waschmittel (Symbolbild)

    Erfolgs-Story aus dem Osten Deutschlands: Früher „Spee“, heute Wirtschafts-Boom

    CC BY-SA 2.0 / Pascal Volk / Buntwaschmittel
    Wirtschaft
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    Alexander Boos
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    Derzeit „boomt“ die Industrie in Genthin. Jahrzehntelang hat dort der westdeutsche Henkel-Konzern das in Ost und West beliebte Waschmittel „Spee“ produziert – und ist 2009 abgezogen. „Das war ein Schock, doch heute stehen wir besser da als damals“, sagt Genthins Bürgermeister Matthias Günther. Im Sputnik-Interview erklärt er die Hintergründe.

    Fast ein ganzes Jahrhundert lang wurden in der Kleinstadt Genthin in Sachsen-Anhalt Waschmittel hergestellt. Darunter die bekannte Marke „Spee“. Eines der wenigen Ost-Produkte, die die Wende überlebt haben und auch im Westen der Republik gekauft werden. Doch das Waschmittelprodukt wird schon seit Jahren nicht mehr dort hergestellt. Dennoch boomt aktuell die Industrie in Genthin. „Ich bin erleichtert, dass wir weniger Arbeitslose haben im Vergleich zu früher“, sagte Matthias Günther, Bürgermeister der Einheitsgemeinde Genthin, im Sputnik-Interview. Das Ganze habe Vor- und Nachteile. „Aktueller Nachteil: Wir suchen händeringend Fachkräfte für unsere Betriebe“, benannte das Stadtoberhaupt eher ein Luxusproblem. „Die Industrie sucht vor allem. Aber auch das Handwerk fängt an, zu schauen. Wir haben hier in Genthin einen Industriepark mit Chemie-Unternehmen größerer Art. Wir haben ebenso metallverarbeitende Industrie sowie Elektrotechnik.“

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    Das „Spee“-produzierende „Waschmittelwerk Genthin“ wurde 1921 durch Vertreter des Düsseldorfer Konzerns „Henkel“ gegründet. Zuvor hatte eine Delegation der Stadt das Unternehmen am Rhein besucht. Das Werk diente als Produktionsstätte für Wasch- und Reinigungsmittel. 1949 wurde der Standort durch die DDR-Wirtschaftspolitik in einen Volkseigenen Betrieb (VEB) umgewandelt: den „VEB Persil-Werk Genthin.“ Bis zu 1700 Menschen waren dort zu Hochzeiten beschäftigt. Nach der Wende ging die Zahl auf knapp 300 Beschäftigte zurück. 2009 gab das westdeutsche Unternehmen den Standort Genthin auf.  Das war ein großer Aderlass für den Genthiner Industrieraum, denn immerhin gehört die börsennotierte „Henkel AG“ laut „Forbes“ zu den 300 weltgrößten Unternehmen. Es produziert unter anderem die bekannten Wasch- und Reinigungsmittel-Marken „Spee“ und „Persil“.

    Als Henkel ging: „Großer Schock“

    „Es war 2009 für die Genthiner ein großer Schock, dass Henkel uns verlassen hatte“, blickte der Bürgermeister zurück. „Dieses Unternehmen hatte für viele Jahrzehnte Genthin geprägt und ‚Spee‘ war in Ostdeutschland sehr bekannt als ein Produkt aus Genthin. Jeder Ostdeutsche kannte es.“ Der Rückzug des Groß-Investors aus Düsseldorf war „natürlich sehr, sehr hart. Aktuell ist es so: Wir hatten damals unter Henkel 300 Beschäftigte. Im Vergleich haben wir schon aufgeholt. Von den Mitarbeiterzahlen sieht es wieder gut aus. Natürlich trauert man weiterhin solch einem großen Unternehmen hinterher. Dafür haben wir jetzt mehrere kleine Industrie-Unternehmen vor Ort.“ Das mache ihn schon froh, so der parteilose Politiker.

    Ostdeutsche Wirtschaftsexperten sehen das Rezept für das Überleben des Genthiner Industrieparks darin, dass die Unternehmen untereinander sehr gut vernetzt seien und sich gegenseitig unterstützen würden. Insgesamt haben sich seit 2009 elf Unternehmen in dem Ort angesiedelt, die heute mehr als 400 Fachkräfte beschäftigen, wie regionale Medien berichten.

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    „Heute mehr Arbeitsplätze als zu Henkel-Zeiten“

    „Heute gibt es mehr Arbeitsplätze als zu Henkel-Zeiten“, schrieb Anfang August die Magdeburger Zeitung „Volksstimme“. „Mit Henkel gingen 240 Arbeitsplätze verloren, nahezu doppelt so viele haben die Unternehmen geschaffen, die sich hier in den vergangenen Jahren angesiedelt haben. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) führte vor zehn Jahren als Wirtschaftsminister des Landes Gespräche zur Zukunft des Standortes, stellte sich aber auch den aufgebrachten Genthiner Henkel-Mitarbeitern, denen der Verlust des Arbeitsplatzes drohte.“

    Im Gegensatz zu früher, „wo man eben Produkte wie ‚Spee‘ oder ‚Persil‘ klar benennen konnte“, so Bürgermeister Günther, seien „die Produkte heute in der Regel Zwischenprodukte für Wasch- und Reinigungsmittel.“ Ein „Label“, also eine Marke, würden diese aber erst in einem weiteren Produktionsschritt erhalten – außerhalb von Genthin. „Wir haben jetzt leider keine Marke mehr, die wir eins zu eins im Kaufhaus wiedersehen. Das ist natürlich zur Identifikation mit Genthin etwas von Nachteil. Aber unsere Produkte, die finden Sie schon in jedem Regal.“

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    Weitere Millionen-Investitionen in Aussicht

    Die „Inprotec AG“ produziert Granulate und Pulver in Genthin. „2010 investierte das Unternehmen 7,5 Millionen Euro in eine neue Neutralisations- und Kristallisationslinie zur Herstellung eines Flammenschutzgranulats“, so die „Volksstimme“. Der Betrieb beabsichtige auch zukünftig, in den Ausbau des Standortes Genthin im Millionenbereich zu investieren.

    „Ich bin sehr erfreut, dass die Inprotec bei uns so gut Fuß gefasst hat“, bewertete Genthins Stadtoberhaupt das Engagement des Unternehmens. „Wir haben Stand heute 120 Mitarbeiter von der Inprotec hier am Standort.“ Die Firma wolle weiter expandieren. „Sie möchte weiter Anlagen bauen und Mitarbeiter einstellen. Das freut mich sehr. Als Freund der Wirtschaft werde ich dieses Unternehmen wie auch die anderen Bestandsunternehmen unterstützen.“ 

    Erfolgreiche Wirtschaftspolitik im Osten

    Auch das Land Sachsen-Anhalt ist seit Jahren in dem 15 000 Einwohner zählenden Ort wirtschaftspolitisch aktiv. „Für die Vermarktung des Industrieparks Genthin engagiert sich heute unter anderem die landeseigene Investitions- und Marketinggesellschaft“, schreibt die „Volksstimme“ weiter. „So werden Flächen und Bestandsimmobilien bei Messen und Unternehmensansprachen regelmäßig angeboten. Zudem findet sich der Industriepark in einer Online-Standortdatenbank. Diese Bemühungen waren erfolgreich.“

    2014 siedelte sich mit finanzieller Förderung des Landes in Höhe von über vier Millionen Euro die „Solvay P&S GmbH“ in Genthin an. „Der belgische Chemiekonzern Solvay errichtet am traditionsreichen Seifenstandort Genthin im Jerichower Land eine neue Anlage“, berichtete die „Mitteldeutsche Zeitung“ damals. „Das Unternehmen stellt Spezialtenside für Wasch- und Putzmittel sowie Körperpflegeprodukte her“, ergänzt die „Volksstimme“. „Neben Solvay zählen ‚Sinamas Cepsa‘ und die ‚Inprotec AG‘ zu den Großen des Industrieparks.“

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    Genthins Bürgermeister Matthias Günther
    © Foto : Privat M. Günther
    Genthins Bürgermeister Matthias Günther

    Das Radio-Interview mit Genthins Bürgermeister zum Nachhören:

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    Tags:
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