06:25 19 Dezember 2018
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    Der frühere Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet

    10 Jahre Finanzcrash – Ex-EZB-Chef Trichet hält Finanzmärkte für so anfällig wie 2008

    © AFP 2018 / MARIUS BECKER / DPA
    Wirtschaft
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    Andreas Peter
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    Der frühere Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, hat im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP dem internationalen Finanzsystem ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. Demnach sei es „so verwundbar wie 2008 – wenn nicht noch mehr“. In wenigen Tagen jährt sich der Beinahe-Zusammenbruch des Welt-Finanzsystems zum zehnten Mal.

    Jean-Claude Trichet konnte sich zwar sicher sein, dass kurz vor der zehnten Wiederkehr des Bankrotts der US-Investmentbank Lehman Brothers sein kleines Interview für die französische Nachrichtenagentur AFP begierig vervielfältigt werden würde. Nicht so sicher konnte er sich sein, ob diese pünktliche Wortmeldung nicht als ein mehr oder weniger subtiles Nachtreten eines einstmals gefürchteten Bankmanagers gewertet werden würde.

    Denn als Trichet 2011 den Posten des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) abgab, war die Bilanz seiner Präsidentschaft in den Medien alles andere als euphorisch, wegen seiner als umstritten oder falsch bewerteten Entscheidungen nach Ausbruch der internationalen Finanzkrise. Das war für Trichet deshalb bitter, weil vor 2008 sein Ruf eigentlich als weitgehend exzellent und untadelhaft galt.

    Trichets Ja zu EZB-Anleihekäufen ruinierten seinen Ruf

    Trichet wird vor allem angelastet, dass er – gegen die Statuten der EZB und vor dem politischen Druck diverser Regierungen einknickend – die hochumstrittenen Anleiheankäufe exzessiv ausweiten ließ. Aus Protest gegen diesen Kniefall legte einer der wichtigsten Mitarbeiter Trichets, der aus Deutschland stammende EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark, seinen Posten nieder. Zuvor war schon der damalige Bundesbankpräsident Axel Weber aus Protest zurückgetreten und hatte damit auch seinen Sitz im EZB-Führungsgremium aufgegeben, obwohl er als aussichtsreicher Anwärter galt, um Trichet zu beerben.

    Vor diesem Hintergrund sollte man die aktuellen Aussagen von Trichet mit einer gesunden Portion Skepsis betrachten. Nichtsdestotrotz hat Trichets Feststellung aufgrund seiner Detailkenntnisse und seines Hintergrundwissens einiges Gewicht, wenn er der AFP mitteilt, im Grunde sei die Situation der europäischen und weltweiten Finanzmärkte genauso besorgniserregend wie vor zehn Jahren. In der Meldung des deutschsprachigen Dienstes von AFP heißt es wörtlich:

    „Es ist mittlerweile herrschende Meinung, dass die massive Überschuldung in den Industriestaaten ein wesentlicher Faktor für das Ausbrechen der Finanzkrise 2007 und 2008 war", sagte der heute 75-Jährige, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) von 2003 bis 2011. „Das Wachstum der Verschuldung — vor allem der Privathaushalte — hat sich in den Industrieländern zwar verlangsamt.“ Doch das werde wettgemacht durch die Verschuldung der Schwellenländer. „Das macht das weltweite Finanzsystem insgesamt mindestens so verwundbar wie 2008, wenn nicht mehr.“ (AFP vom 4. September 2018)

    Historische Dimension und Brisanz der Finanzkrise 2007/2008 nur noch wenigen bewusst

    Den wenigsten ist heute noch oder wieder bewusst, welche historisch außergewöhnliche Situation ein Jahr vor der Lehman-Pleite entstanden war. Trichets trockene Erzählung gegenüber der AFP müsste man eigentlich in großen, fetten Lettern schreiben. Er erinnert an das Einfrieren von drei Investmentfonds in den USA durch die französische Großbank BNP Paribas am 9. August 2007, weil innerhalb weniger Tage eine dreistellige Millionensumme als Verlust verbucht werden musste. Die Folge: der Interbankenverkehr kam fast vollständig zum Erliegen. In Trichets Worten wird die damalige Dramatik mehr als deutlich:

    „Das hatte es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben, keine Transaktion zwischen Banken mehr, kein Zins mehr.“

    Von seinem Sommerhaus in der Bretagne aus hat Trichet seinerzeit die Notrettung von mehr als 50 Banken organisiert. Nur ein paar Stunden brauchte das Führungsteam der EZB, um die damals als astronomisch apostrophierte Summe von 95 Milliarden Euro locker zu machen, erinnerte Trichet sich später in Zeitungsinterviews.

    Trichet mit Erinnerungslücken

    In seinem Gespräch mit der AFP hat Trichet dafür andere bemerkenswerte, aber nicht wirklich überraschende Erinnerungslücken. Beispielsweise, dass nur ein Jahr später europäische Staaten eine siebenmal größere Summe mobilisieren mussten, um angeblich systemrelevante Zocker und ihre virtuellen Vermögen zu retten. Dass die Lasten dieser Spekulationsblasen auf die Gemeinschaft der Steuerzahler abgewälzt wurden. Dass den Steuerzahlern anschließend erklärt wurde, nun müssten sie die Gürtel enger schnallen, weil sie „über ihre Verhältnisse gelebt“ hätten. Dass fortan – bis heute – nur noch von der Staatsschuldenkrise geschrieben und gesprochen wurde und wird. Dass die Politiker aller europäischen Staaten hoch-und-heilige Eide schworen, nun würden den verantwortungslosen Spekulanten in den Banken und Hedgefonds endlich strenge Regeln auferlegt.

    Trotz Versprechen der Politik wurden den Zockern keine Zügel angelegt

    Doch nichts ist geschehen, sprichwörtlich gar nichts. Die Spekulationsblase ist wieder gewachsen und noch größer geworden als sie 2008 schon war, wie die US-Aufsichtsbehörde Office of the Comptroller of the Currency (OCC) zuletzt im März 2018 feststellte. Demnach hielten im 1. Quartal 2018 alleine die in den USA zugelassenen und aktiven Finanzinstitute sogenannte Derivate von sage und schreibe 203 Billionen US-Dollar. Gegenüber dem davor liegenden Quartal war das ein Anstieg von über 18 Prozent. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) in Basel (Schweiz) bezifferte im Mai 2018 die Gesamtsumme der im zweiten Halbjahr 2017 weltweit gehandelten Derivate auf die Summe von kaum noch vor- und darstellbaren 531 Billionen US-Dollar. Andere Analysten gehen davon aus, dass die Derivateblase sogar doppelt so groß ist.

    Zum Vergleich: Die BIS hatte das weltweite Volumen der Derivate 2007, also ein Jahr vor der Lehman-Pleite, mit rund 500 Billionen US-Dollar beziffert. Die Marktkapitalisierung aller börsennotierten Unternehmen der Welt betrug im Januar 2018 nach Angaben der World Federation of Exchanges (WFE) gerade einmal 89 Billionen US-Dollar (Page 2).

    Das de facto kostenlose Zentralbankgeld, das in den letzten Jahren in die Märkte gepumpt wurde, ist eben nicht, wie immer beteuert wurde, in Kredite für Unternehmen und Verbraucher gesteckt worden, sondern diejenigen Zocker, die schon vor 2008 auf Teufel komm raus spekulierten, zocken nun wieder fröhlich und weitgehend unkontrolliert mit noch mehr Geld als 2008. Verzweifelt suchen die virtuellen Billionen nach einem vergleichsweise sicheren Hafen. Deshalb beispielsweise auch die explosionsartig steigenden Immobilienpreise in Deutschland und das komplett planlose Zubauen auch noch der letzten Baulücke bzw. das Umwandeln von Miethäusern in Eigentumswohnungen. Deshalb auch die schon wieder zu beobachtenden aggressiven Werbekampagnen für „easy“ Kredite und für Kredite „wie für mich gemacht“ der Targobank, hinter der sich die ehemalige Citibank verbirgt, die schamlos mit den gleichen kundentäuschenden Versprechen beworben werden wie vor Jahren.

    „Grauer Kapitalmarkt“ in Deutschland nach wie vor unreguliert

    Der sogenannte graue Kapitalmarkt in Deutschland hat bis heute keine einzige signifikante Regulierung erfahren. Die BaFiN kontrolliert diese Zocker und Anlagebetrüger bis heute nicht. Jüngstes Ergebnis dieses Staatsversagens ist der Anlageskandal der Firma P&R, die eine Million – in Zahlen 1 000 000 – Container an Kleinanleger verkauft hat, die überhaupt nicht existierten.

    Schon wieder wird multimedial das Klagelied angestimmt, die Deutschen würden zu wenig in Aktien investieren, und werden dann in Investmentfonds gelockt, deren Geschäfte und Risiken die meisten Kleinanleger nicht abschätzen können.

    Noch eine Bankenrettung wie 2008 nicht finanzierbar

    Die meisten Analysten gehen davon aus, dass beim Platzen der nächsten Blase milliardenschwere staatliche Rettungspakete nur noch zum Preis bürgerkriegsartiger Unruhen zu haben sein werden. Beobachter vermuten auch, dass gerade auch aufgrund der unkalkulierbar gewordenen Risiken Staaten darauf drängen, das Bargeld soweit wie es geht zurückzudrängen, um beim Platzen der nächsten Blase, leichter die Vermögen der sogenannten kleinen Leute zu plündern oder zu eliminieren bzw. Negativzinsen verhängen zu können, vor denen man dann nicht mehr mit Bargeld ausweichen kann.

    Wie das funktioniert, war andeutungsweise 2013 in Zypern zu sehen, wo rigoros alle Bankkunden zur Kasse gebeten wurden, indem ihnen der Zugang zu Bargeld versperrt wurde und am Ende alle mit einer Zwangssteuer belegt wurden. Wohlgemerkt für das hemmungslose Zocken einer Minderheit.

    Es geht wie immer darum, dass diejenigen, die echte Vermögen besitzen, wenn auch vergleichsweise kleine und diese tapfer zusammenhalten, angezapft werden, damit am Ende wieder die alte Weisheit stimmt, ihr Geld ist nicht weg, es hat nur ein anderer.

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    Tags:
    Bargeld, Bank, Rettung, Spekulationsblase, Krise, Finanzsystem, Kauf, Anleihen, Zweiter Weltkrieg, Europäische Zentralbank (EZB), AFP, Lehman Brothers, Deutschland