15:49 17 November 2018
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    Produktion in Genthin, Sachsen (Archivbild)

    „Nur eine Stunde von Berlin weg“: So wirbt Industrie im Osten um Arbeitskräfte

    © AP Photo / Eckehard Schulz
    Wirtschaft
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    Alexander Boos
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    Da momentan die Industrie in Genthin in Sachsen-Anhalt „boomt“, benötigt die dort ansässige Industrie qualifizierte Arbeitskräfte. „Diese wollen wir durch eine Kampagne gewinnen“, sagt Genthins Bürgermeister Matthias Günther. Im Sputnik-Interview erklärt er, warum die Initiative besonders Berliner Bürger und Unternehmen ansprechen soll.

    Genthin trennen 100 Kilometer von der Hauptstadt. Dennoch schaut die Wirtschaftspolitik der Stadt derzeit ganz genau auf Berlin. „Wir sind gerade in Vorbereitung einer Kampagne, wo es darum geht, Fachkräfte und Unternehmen – auch aus Berlin – für Genthin zu gewinnen“, erklärte Matthias Günther, Bürgermeister der Einheitsgemeinde Genthin, im Sputnik-Interview. „Ich hatte bisher aus einzelnen Gesprächen eine positive Resonanz erhalten. Darunter waren auch Berliner Bürger, die ein großes Interesse gezeigt haben, zu uns zu kommen.“ Seine Gemeinde sei ein idealer Lebensmittelpunkt für Familien mit Kindern „oder auch für Bürger mittleren oder höheren Alters. Wir haben sehr gute pädagogische Einrichtungen, Kindergärten sind da. Das ist ein Ort, in dem man gut leben kann.“

    Fast ein ganzes Jahrhundert lang wurde in der Kleinstadt in Sachsen-Anhalt Waschmittel hergestellt. Darunter die bekannte Marke „Spee“. Ein Ost-Produkt, das die Wende überlebt hat und auch im Westen der Republik beliebt ist. Obwohl die Waschmittelmarke des Düsseldorfer Konzerns „Henkel“ schon seit Jahren dort nicht mehr hergestellt wird, „boomt“ die Industrie aktuell in Genthin. Sputnik hatte darüber berichtet.

    „Unsere Industrie sucht Fachkräfte“

    Die Kampagne werde von der Kommune sowie einigen ortsansässigen Unternehmen getragen. „Das sind Betriebe aus dem Wohnungsbau sowie unsere Industrie-Unternehmen, die den Wunsch haben, mehr Fachkräfte zu gewinnen.“ Der Prozess sei schon angelaufen. „Jetzt wird das immer konkreter, so dass wir bald auch mit Aktionen in Berlin und in Genthin starten werden.“

    Das parteilose Stadtoberhaupt erhofft sich einen positiven Effekt für die Wirtschaftsregion. „Ich denke, dass dadurch Unternehmen Interesse für Genthin gewinnen werden. Auch wird die Nähe zu Berlin die Unternehmen reizen. Eine Stunde Zugfahrt ist keine weite Distanz. Wir haben als logistischen Knotenpunkt auch den Elbe-Havel-Kanal. Wir haben eben Dinge zu bieten, die man in den Großstädten nicht hat. Zum Beispiel Platz für Ein-Familien-Häuser, die auch noch bezahlbar sind.“

    Russischer Investor

    „Natürlich hätten wir auch Interesse, gern mit russischen Unternehmen zu kooperieren“, signalisierte Genthins Bürgermeister. „Traditionell haben wir hier viele Arbeitnehmer, die russisch sprechen können. Wir haben ebenso Umsiedler aus dem russischsprachigen Raum.“

    Im Januar 2017 übernahm ein russischer Investor eine technische Anlage samt Gebäude und Maschinen in Genthin. „Gekauft wurde das sogenannte Asset (Vermögenswert) der Gebäude und Maschinen von der Mitte 2016 gegründeten BVB Immobilien GmbH“, berichtete die regionale Tageszeitung „Volksstimme“ damals. „Neuer Eigentümer ist Investor Igor Kuznetsow, ein deutscher Unternehmer mit russischen Wurzeln. „Die iranischen Investoren Khodayar und Zolfaghar Alambeigi sind nicht mehr in Genthin engagiert.“

    Industrie-Standort Genthin

    Das Unternehmen füllt Haushaltsreiniger, Shampoos und Autoreinigungsmitteln in Flaschen ab. „Wir stellen die Inhalte in Genthin zusammen, füllen sie in Flaschen ab, etikettieren sie mit den Eigennamen und verpacken die Endprodukte in Kartons, die an den Großhandel geliefert werden“, zitierte die Zeitung einen Sprecher des Unternehmens. Da die Produkte unter den Eigennamen der Auftraggeber in den Handel kommen, sei die Genthiner Herkunft oft „unsichtbar“ für den Verbraucher.

    Das bestätigte auch Günther. Im Gegensatz zu früher, „wo man eben Produkte wie ‚Spee‘ oder ‚Persil‘ klar benennen konnte“, seien „die Produkte heute in der Regel Zwischenprodukte für Wasch- und Reinigungsmittel“. Eine Marke würden diese aber erst in einem weiteren Produktionsschritt erhalten – außerhalb von Genthin. „Das ist natürlich zur Identifikation etwas von Nachteil. Aber unsere Produkte, die finden Sie schon in jedem Regal.“

    Das Radio-Interview mit Genthins Bürgermeister zum Nachhören:

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    Tags:
    Neue Bundesländer, Qualifikation, Arbeitsmigration, blühende Landschaften, Lohn, Arbeitskräfte, Osten, Arbeitsmarkt, Anschluss, Wiedervereinigung, Westen, Zuwanderung, Wende, Spee, Persil, Henkel“-Konzern, Igor Kuznetsow, Matthias Günther, Genthin, Ostdeutschland, Magdeburg, DDR, Sachsen-Anhalt, Berlin, Deutschland