01:30 25 September 2018
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    Niedriglöhne für Mehrheit ungerecht – Leistungsverweigerung und Wahlboykott drohen

    Niedriglöhne für Mehrheit ungerecht – Leistungsverweigerung und Wahlboykott drohen

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    Wirtschaft
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    Andreas Peter
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    Eine überwältigende Mehrheit empfindet Niedriglöhne als ungerecht. Das ist einer der Kernbefunde einer Studie, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin vorgelegt hat. Die Forscher warnen die Politik, eine als ungerecht empfundene Entlohnung erhöhe das Risiko der Entfremdung von Menschen von der Demokratie.

    Seit 1984 wird in Deutschland jährlich das sogenannte Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ermittelt. Seit 1990 auch gesamtdeutsch. Seit 2009 wird alle zwei Jahre zusätzlich auch danach gefragt, wie gerecht man das eigene Einkommen empfindet. Mit einer Datenbasis von 12.000 Haushalten, die fast 20.000 Personen repräsentieren, darunter rund 6.000 Kinder, gilt diese Langzeitbeobachtung inzwischen als eine der repräsentativsten, qualitativ erstklassigsten Studien weltweit, wenn es um Fragen geht wie Haushaltseinkommen, Erwerbsverläufe oder Erwerbsbeteiligung, bis hin zu Gesundheit und Lebenszufriedenheit.

    Das SOEP umfasst am DIW in Berlin eine eigene Forschungsabteilung. Dort hat man für die nun vorliegende Studie auch eine andere Befragung einfließen lassen, das sogenannte LINOS-Projekt. Die Abkürzung steht für „Legitimation of inequality over the life span“ (Strukturelle Bedingungen von Gerechtigkeitseinstellungen über den Lebensverlauf). Das Geld hierfür kommt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). In zwei sogenannten Wellen wurden 2012 und 2013 sowie 2017 Erwerbstätige nach ihren „Erwartungen an Wirtschaft und Gesellschaft“ befragt. Ausgewählt wurden sie auf der Basis von Meldungen an die Sozialversicherungen. Befragt wurden auch sie zu ihren Empfindungen über Gerechtigkeit bei der Verteilung von Einkommen, Lasten und Gütern sowie gesellschaftlichen Regeln und Normen, mit denen Einkommen und Güter verteilt und legitimiert werden. An der zweiten Befragungswelle nahmen 2.400 Probanden teil.

    Mit diesen Datenmengen und Grundvoraussetzungen haben die Forscher des DIW für ihre Studie über gerechte oder ungerechte Einkommensverteilung drei Gruppen definiert, niedrige Einkommen mit einem monatlichen Durchschnittsverdienst von 1.200 Euro brutto, mittlere mit einem Durchschnitt von 2.700 Euro und hohe Einkommen mit einem Mittelwert von 6.100 Euro brutto im Monat. Gefragt war zum einen, wie gerecht die Probanden ihr eigenes Einkommen empfinden, und andererseits, wie gerecht entlohnt sie die anderen Einkommensgruppen betrachten. Dafür wurden beispielhaft Berufe ausgewählt, wie zum Beispiel Reinigungskräfte, Krankenpfleger oder Ärzte.

    Unerwartete genauso wie wenig überraschende Ergebnisse

    Die Ergebnisse sind sowohl unerwartet als auch bezeichnend in ihrer Deutlichkeit. So stellte das DIW-Team beispielsweise fest, dass es grundsätzlich kaum Abweichungen gab zwischen der tatsächlichen Ausdifferenzierung der Arbeitseinkommen und dem, was die Befragten als gerecht empfanden: „Das Muster der Verteilung ist in einer ‚gerechten‘ Welt dem Muster der realen Welt auffallend ähnlich“, kommentierte Jule Adriaans, Ko-Autorin der Studie, die Antworten der befragten Personen. Und ergänzt, dass die Probanden sich auch in einem anderen Befund sehr einig waren:

    „Aus Sicht fast aller befragten Beschäftigten sind Menschen in Deutschland am unteren Ende der Einkommensverteilung unterbezahlt, und das empfinden alle als ungerecht. Auch mittlere Einkommen finden sehr viele unfair. An hohen Einkommen wiederum stören sich viel weniger, rund ein Drittel der Befragten — vielleicht auch, weil nicht die Topeinkommen Gegenstand der Frage waren, zu denen die Wahrnehmung sicherlich nochmal eine andere ist."

    Der Direktor des SOEP am DIW und ebenfalls Ko-Autor der Studie, Stefan Liebig, erklärt in einem Gespräch mit Sputnik dazu:

    „Ungleichheit der Einkommen ist in Deutschland akzeptiert. Die bestehende Ungleichheit ist von ihrer Struktur her in gleicher Weise akzeptiert. Von daher können wir davon ausgehen, dass das Gefüge, was wir hier in Deutschland haben, Tarifsysteme, Arbeitsgesetzgebung, dass das offenbar dazu geeignet ist, für die einzelnen Personen, für die Beschäftigten die Einkommensunterschiede tatsächlich zu begründen und auch als sinnvoll ansehen zu lassen.“

    Doch wie wir lernen, wenn das moderne Niedriglohnparadies Deutschland zur Sprache kommt, ist es mit diesem stillen Einverständnis vorbei. Die DIW-Forscher stellten in ihren Befragungen fest, dass Erwerbstätige sich gegen als ungerecht empfundene Entlohnung mit Leistungsreduzierung oder gar dem Rückzug aus dem demokratischen Willensbildungsprozess wehren, was nichts anderes als Wahlboykott bedeutet. Für Stefan Liebig ist das ein mehr als eindeutiges Warnsignal an Politik und Unternehmungsführungen.

    Bei niedrigen Erwerbseinkommen besteht der größte Handlungsbedarf

    Weshalb sich dem Team um Stefan Liebig der Schluss geradezu aufdrängte, dass am unteren Ende der Lohnskala in Deutschland sozusagen Alarmstufe Rot herrscht. Denn zum einen hat die überwältigende Mehrheit der Befragten geantwortet, dass die unteren niedrigen Einkommen ungerecht sind. Zum anderen veröffentlichte das DIW passgenau zur Studie über das Gerechtigkeitsempfinden zur Einkommensverteilung auch neueste Forschungsergebnisse über die Zukunft der Gesetzlichen Renten in Deutschland. Und kommt dort zu niederschmetternden Erkenntnissen, die zwingend mit dem Thema heutiger Einkommen korrelieren, weil sie eine Tatsache bestätigen, die viele Politiker vor allem in CDU/CSU, FDP oder der AfD nach wie vor in ihren Rentenkonzepten verbissen bestreiten oder abzuwiegeln versuchen. Die Armutslöhner von Heute sind die Armutsrentner von Morgen.

    Armutslöhne sind ein Bumerang, der auf den Zusammenhalt der Gesellschaft zielt

    Und das ist keineswegs das einzige Damoklesschwert, das über der deutschen Gesellschaft schwebt. Unternehmen, die nur auf Profitraten und Dividenden schauen und dabei die Einkommen ihrer Beschäftigten aus dem Blick verlieren, verlieren über kurz oder lang ihr vielleicht wichtigstes Kapital, die Loyalität von Mitarbeitern, die nicht mehr das leisten, was sie könnten, offene oder versteckte Sabotage betreiben oder dem Unternehmen den Rücken kehren.

    Aber abgesehen davon – ein Rückzug aus dem demokratischen Alltag und Willensbildungsprozess von Menschen, die den Eindruck gewinnen, in dieser Gesellschaft wird Arbeitseinkommen ungerecht verteilt, genauso wie Lasten, egal, wie sehr man sich auch anstrengt, bedeutet im Zweifel auch, dass sich diese Menschen vielleicht irgendwann radikalisieren, weil sie den Eindruck gewinnen, mit demokratischen Mitteln können sie bis zum Sankt Nimmerleinstag auf die Berücksichtigung ihrer Interessen warten.

    Das Gespräch mit Stefan Liebig vom DIW hier zum Nachhören:

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    Tags:
    Löhne, Arbeitsmarkt, Sozialstaat, Spannungen, Wahlbeteiligung, Protest, Rentenversicherung, Rente, Armut, Altersarmut, Lohn, Partei Alternative für Deutschland (AfD), FDP, CDU/CSU, Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Deutschland