10:09 17 November 2018
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    Unternehmerkongress „Deutschland-Russland“ (Archivbild)

    Deutsche und russische Unternehmen für Kooperation statt Konfrontation

    © Foto: Wegweiser Media & Conferences GmbH/ Sera Cakal Photography
    Wirtschaft
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    Armin Siebert
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    „Zeit für Dialog!“ – das ist das Motto des 11. Deutsch-Russischen Unternehmerkongresses. Politische Entwicklungen und ihre Folgen sind dabei ebenso Thema wie die Chancen besserer Beziehungen. Vertreter aus Wirtschaft und Politik beider Länder suchen gemeinsam Antworten auf Fragen. Am ersten Tag hat auch die USA im Fokus gestanden.

    In Berlin wurde am Donnerstag der 11. Deutsch-Russische Unternehmerkongress eröffnet, der bis Freitag andauert. In Arbeitsgruppen von Raumfahrt bis Energie treffen sich führende Wirtschaftsvertreter beider Länder zu Gesprächen. Auch die Politik ist prominent vertreten. Hauptthema des ersten Tages waren die Sanktionen.

    Auch wenn die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen seit einigen Jahren bedingt durch Sanktionen und Gegensanktionen leiden, sind nach wie vor etwa 5000 deutsche Firmen in Russland aktiv. Immer mehr russische Unternehmen investieren in der Bundesrepublik. Die ist für Russland vor allem im Bereich Energieexport der wichtigste Partner. Der russische Markt ist für deutsche Konzerne wie VW oder Siemens immens wichtig und auch viele deutsche Mittelständler sind seit Jahren in Russland präsent.

    So ergibt es Sinn, einmal im Jahr einen großen deutsch-russischen Unternehmerkongress zu organisieren, nun schon zum elften Mal. Ausgerichtet wird das Treffen vom Verband der russischen Wirtschaft in Deutschland. Der Unternehmerkongress „Deutschland-Russland“ versammelt jährlich über 250 hochrangige Wirtschafts- und Politikvertreter aus beiden Ländern. Er bietet die Plattform, über die aktuellen Trends im Russland-Geschäft zu diskutieren und die Informationen aus erster Hand zu bekommen.

    Made in Russia

    Michael Harms, Geschäftsführer des Ost-Ausschuss-Osteuropavereins der Deutschen Wirtschaft, wies zur Eröffnung darauf hin, dass „Russland heute im Doing-Business-Index der Weltbank auf Platz 35 steht, im Vergleich zu Platz 132 noch vor fünf Jahren“. Das Geschäftsumfeld habe sich für ausländische Investoren in Russland in den letzten Jahren erheblich verbessert. Zu den vergleichsweise billigen und gut ausgebildeten Arbeitskräften sowie den Rohstoffressourcen kommen nun der Bürokratieabbau und eine schnelle Rechtsprechung hinzu.

    Harms ergänzte: „Das alte Motto ‚Deutschland liefert Technologien, Russland die Rohstoffe‘ ist gerade im Wandel. Auch Russland ist im technologischen Bereich auf dem Vormarsch.“

    Platz Sechs trifft auf Platz Fünf

    Die aktuellen deutsch-russischen Wirtschaftszahlen zeigen nach einer Durststrecke in Folge der Ukraine-Krise und den damit verbundenen Sanktionen sowie einer Rezession in Russland nun wieder ein positives Bild. Nach den Zuwächsen 2017 stieg der Handel zwischen Deutschland und Russland in beide Richtungen im ersten Halbjahr 2018 um über 20 Prozent. Allerdings ist der bisherige Höchststand von 2012 beim Handelsvolumen noch nicht wieder erreicht. Für Deutschland ist Russland im Moment nur auf Platz 12 der wichtigsten Exportländer. Allerdings ist der Import aus Russland im Energiebereich essentiell für die deutsche Industrie und für den privaten Heizungsbereich.

    Als Wirtschaftsnationen treffen sich Russland und Deutschland durchaus auf Augenhöhe. Deutschland ist die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt – Russland liegt knapp dahinter auf Platz 6.

    Noch kein Sanktionsende in Sicht

    Den ersten Kongresstag bestimmten Branchentreffen: Unternehmer aus den Bereichen Energie, IT und Digitalisierung oder Finanzierung trafen sich zu Rundtisch-Gesprächen. Es waren sowohl Vertreter russischer Staatsunternehmen als auch Partner des deutschen Mittelstandes anwesend. Sie kennen sich und ziehen gemeinsam an einem Strang.

    Die Sanktionen waren das große Thema des ersten Kongress-Tages. Die Wirtschaft will in erster Linie gute Geschäfte machen. Politische Differenzen oder gar Sanktionen sind Gift für die Wirtschaft.

    Klaus Ernst, Bundestagsabgeordneter der Partei Die Linke und Vorsitzender des Bundestags-Ausschusses für Wirtschaft und Energie, war der Top-Politik-Gast auf dem Kongress. Er schätzte in seiner Rede die europäische Politik in der Ukraine im Rückblick als „nicht sehr durchdacht“ ein. „Das sehen inzwischen viele Politiker so“, betonte Ernst.

    „Allerdings ist die Stimmung noch nicht so weit, die Sanktionen aufzuheben“, stellte er fest. „Aber es gibt immer mehr Stimmen durch alle Parteien, die die Sanktionen kritisieren. Vor allem wird bemerkt, dass sich an der Situation in der Ukraine durch die Sanktionen überhaupt nichts verändert hat.“

    Kritik an US-Politik

    Der Bundestagsabgeordnete kritisierte besonders die Russland-Sanktionen der USA. Diese seien gravierender als jene der Europäischen Union (EU), da diese nicht an ein konkretes politisches Ziel wie der Befriedung der Ukraine-Krise gebunden seien.

    Laut Ernst ist das Ziel der US-Sanktionen: „Die USA möchten die guten Beziehungen zwischen Deutschland und Europa und Russland stören, um die eigenen Interessen zu stärken. Das beste Beispiel ist der Energiesektor und die Diskussion um das teurere Flüssiggas.“

    Die EU-Sanktionen, die 2014 im Zuge der Ukraine-Krise verhängt wurden und seitdem halbjährig verlängert werden, wurden von den Kongressteilnehmern als eher symbolisch gesehen. Die meisten Firmen haben es anscheinend geschafft, sich an das neue Geschäftsumfeld anzupassen.

    Als problematischer könnten sich dagegen die Sanktionen der USA erweisen, sowohl für in Russland tätige deutsche Firmen als auch für Zulieferer in Deutschland. Washington hat eine exterritoriale Anwendung vorgesehen, die alle Firmen weltweit betreffen soll, die mit Russland Geschäfte machen.

    Alternative zu Dollar und Swift

    Alexander Frey von der größten russischen Außenhandelsbank VTB wies darauf hin, dass aktuell 58 verschiedene US-Sanktionsregelungen gegen Russland aktiv sind. Manche davon wurden noch unter Präsident Barack Obama eingeführt. Eine Konsequenz ist laut Frey nicht nur in Russland eine Tendenz, Geschäfte auf Dollar-Basis zu vermeiden.

    Swift-Hauptquartier in Brüssel (Archivbild)
    © AP Photo / Christian Weidemann, Ricardo Bofill Taller de Arquitectura

    In Russland werde an einer Alternative zum internationalen Swift-System gearbeitet, so der Finanzexperte. Das ist das bisherige Standardsystem für Bankunternehmen auf dem Weltmarkt, genutzt von etwa 10.000 Banken in mehr als 200 Ländern. Auch wenn es sich um ein unabhängiges Unternehmen mit Sitz in der Schweiz handelt, fürchtet Russland eine externe Einflussnahme. So wurde 2012 der Iran auf Druck der USA vom Swift-System abgekoppelt.

    Aufruf zu positiver Perspektive

    Ost-Ausschuss-Geschäftsführer Harms versuchte Optimismus zu verbreiten. Er rief dazu auf, sich „nicht nur auf die Sanktionen zu konzentrieren, sondern besser auf das viele Positive in unseren Wirtschaftsbeziehungen zu schauen.“

    Alexander Rahr (Deutsch-Russisches Forum), Klaus Ernst (Linke)
    © Sputnik / Armin Siebert
    Alexander Rahr (Deutsch-Russisches Forum), Klaus Ernst (Linke)

    Ein positives Beispiel lieferte Nikolay Testoyedov, Generaldirektor der Firma Reshetnev Information Satellite Systems, der führenden Firma zur Herstellung moderner Satelliten in Russland. Er wies darauf hin, dass der Kosmos ein Bereich ist, in dem transnationale Kooperationen üblich und weitverbreitet sind. Russische Satelliten hätten oft europäische oder japanische Bauteile. Die Zusammenarbeit seiner Firma mit Deutschland sei durch die Sanktionen bisher nicht eingeschränkt worden, erklärte Testoyedov. So beziehe die Firma beispielsweise deutsche Forschungskameras, ein Bereich, in dem die Bundesrepublik führend ist.

    Vertrauen verloren gegangen

    Zwischen der deutschen und russischen Politik ist eine Menge Vertrauen verloren gegangen. Das stellte Miguel Berger, Leiter der Abteilung für Wirtschaft im Auswärtigen Amt, fest. Er fügte hinzu: „Aber wir haben ein strategisches Interesse daran, ein gutes Verhältnis zu Russland zu haben.“ Die Bundesregierung begrüße den erneuten Anstieg deutscher Investitionen in Russland und sehe hier große Perspektiven.

    Zu den Sanktionen bemerkte der Vertreter des Auswärtigen Amtes: „Wir sehen mit Sorge, dass sich die Sanktionsdiskussion in den USA von dem entfernt hat, was wir hier diskutieren.“

    Politisch ist in diesem Jahr eine gewisse Entspannung zwischen der russischen und der deutschen Regierung zu spüren. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich vor wenigen Wochen in Meseberg mit Präsident Wladimir Putin getroffen. Zuvor war die Kanzlerin im Mai bereits zu Gast beim russischen Präsidenten in Sotschi.

    Auch der deutsche Wirtschaftsminister Peter Altmaier und Außenminister Heiko Maas waren in diesem Jahr bereits in Moskau. Maas wird am 14. September in Berlin wieder seinen russischen Amtskollegen Sergej Lawrow empfangen.

    Am zweiten Kongresstag soll es vor allem um rechtliche, vertriebliche sowie steuerliche Fragestellungen gehen.

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    Tags:
    Unternehmer, Kongress, Wirtschaft, Kooperation, Zusammenarbeit, SWIFT, Deutsch-Russisches Forum (DRF), EU, Angela Merkel, Sergej Lawrow, Wladimir Putin, Europa, Deutschland, USA, Russland