20:23 16 Oktober 2018
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    Exekutivdirektor von Rehau in Russland: „Deutsches Management für Russland perfekt“

    Exekutivdirektor von Rehau in Russland: „Deutsches Management für Russland perfekt“

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    Wirtschaft
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    Alexandra Konkina
    Deutsche Firmen in Russland: Zwei Nationalitäten - ein gemeinsames Ziel (4)
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    Am 7. und 8. Oktober findet in Moskau der 17. Petersburger Dialog statt. Unter dem Dachthema „Vertrauen bilden, Partnerschaft stärken: Zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland als Impuls für den zwischenstaatlichen Dialog“ treffen sich die Arbeitsgruppen zur Erörterung aktueller Fragen.

    Im Laufe des Forums bereitet Sputnik eine Serie von Interviews mit den Managern der deutschen Firmen vor, die in Russland tätig sind. Heute reden wir mit Andrej Belojedow, Exekutivdirektor für Vertrieb und Marketing in Osteuropa des Polymerunternehmens Rehau.

    Guten Tag. Vielen Dank, dass Sie unserem Treffen zugestimmt haben. Die erste Frage: Deutsche Unternehmen bilden eine der größten Business-Gemeinschaften in Russland. Worin besteht Ihres Erachtens das Geheimnis für erfolgreiche Geschäfte in Russland?

    Guten Tag. Mir scheint, dass das Geheimnis sehr einfach ist. Bei deutschen Firmen handelt es sich in der Regel um Familienunternehmen, weshalb man langfristig investiert und aus kleinen und großen Unternehmen Familienunternehmen macht. Das betraf unter anderem auch unsere große Firma. Zweitens: Das deutsche Management hat sehr starke Bereiche, in denen es planen und effektiv arbeiten kann – selbst auf Märkten mit viel Konkurrenz. Das war auch für Russland nützlich. Drittens, das ist meine Meinung, die technologische Führungsrolle Deutschlands, darunter beim Thema Industrie 4.0. Ich spreche nicht von den Frauen, die die Deutschen von hier mitnehmen. Ich habe fünf Bekannte, die auswanderten. Sie arbeiten dort, sind keine Hausfrauen.

    Das ist ein eindeutiges Erfolgsgeheimnis. Neben der Digitalisierung, von der jetzt aktiv gesprochen wird – welches sind die Hauptthemen im Geschäftsdialog Russland-Deutschland?

    Die Hauptthemen sind in der Tat die Basisthemen. Ich will nicht gleich über Digitalisierung, Innovationen, Technologien sprechen, die wir natürlich haben. Das haben auch andere Firmen. Russland entwickelt sich sehr aktiv. Wir brauchen Basisprodukte, Basislösungen. Deswegen ist das natürlich der Bau, die Landwirtschaft. Das sind die Basisbranchen, wo sich jetzt die Wirtschaften auch trotz verschiedenen negativen Trends entwickeln. Da haben die deutschen Firmen Führungspositionen.

    Laut einer Umfrage der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer haben die deutschen Unternehmen nicht vor, den russischen Markt zu verlassen – trotz Sanktionen. Wie ist Ihre Meinung dazu – inwieweit ist dieser positive Trend stabil?

    Ja, wir haben uns die Statistik und die Analysen der Auslandshandelskammer angesehen. Wir haben mehr als 5000 Unternehmen mit deutschen Wurzeln. In der Regel sind es Mittelunternehmen – die Grundlage einer wirtschaftlich starken Gesellschaft. Bei solchen negativen Trends in der Wirtschaft ist die erste Reaktion insbesondere bei Kleinunternehmen: die Kosten und die Präsenz abbauen. Doch ich denke nicht, dass das das Geschäft von großen und mittleren Unternehmen betrifft. Denn wir kommen für lange Zeit. Wir haben bereits mehrere Krisen überstanden. 1998, 2008-2009, 2015-2016. Krisen lösen einander ab. Doch die Unternehmen, die für lange Zeit kommen, die nicht einfach ihre Ambitionen, sondern das Potential umsetzen, über das das jeweilige Land verfügt, sehen natürlich Aussichten für sich. Und die Möglichkeiten, die wir jetzt bei der Konsolidierung und Umsetzung unseres Potentials haben, werden von uns begrüßt.

    Russlands Präsident Wladimir Putin traf sich vor einem Jahr mit Vertretern der deutschen Unternehmen. Hat es in diesem Jahr Sinn, ein solches Treffen abzuhalten?

    Ja, selbstverständlich. Mit den Behörden soll man ständig den Dialog aufrechterhalten. Denn besonders in Russland hat der Staatsauftrag immer mehr Bedeutung, besonders für große Unternehmen. Wir organisierten Olympische Spiele in Sotschi, bauten Stadien zur WM-2018, die Krim-Brücke. Es gibt sehr viele Baustellen, sie werden in der Regel vom Staat finanziert. Solcher Dialog hilft uns nur, richtige Lösungen zu finden und mit unseren Produkten und innovativen Lösungen in diesen Projekten zu helfen.

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    Erzählen Sie bitte ausführlicher über die Teilnahme der Firma Rehau an der Vorbereitung der Fußball-WM. Welche Eindrücke haben Sie?

    Man kennt die Firma Rehau vor allem als Fensterhersteller, doch das stimmt nicht ganz. Wir stellen nur die Fensterprofile her. Allerdings macht der Anteil der Fenstermarke seit 2013 mehr als 20 Prozent aus. Wir haben es geschafft, die Kenntnisse über die Fenstermarke auch auf die Rohre auszudehnen. Seit 2015 machten wir das Projekt „Das wichtigste im Haus“, womit wir geschafft haben, die Basisbedürfnisse im Haus durch unsere Produkte abzudecken. 2017 haben wir nicht nur die meisten verkauften Fenster, sondern auch Rohre. Die Rohre haben auch verschiedene Anwendung, nicht nur in einer Wohnung oder im Haus, sondern auch als Wasserleitung, Kanalisation beziehungsweise Heizung. Mit den Rohren können ganze Stadien beheizt werden. Die Rasenplatz-Heizung ist eine solcher Anwendungen – auf 12 Feldern der WM in elf Austragungsstädten. Auf neun von ihnen stehen Rehau-Heizungssysteme. Wir nahmen also sehr aktiv an der Vorbereitung teil. In Russland gibt es übrigens ein sehr großes Programm für zentrale Stadien für große Wettbewerbe sowie verschiedene Trainings-Fußballfelder. Wir liefern bis heute 10-15 Heizungssysteme für Fußballfelder pro Jahr.

    Das ist ein solides Ergebnis. Rehau hat auch eine eigene Produktion in der Stadt Gschel bei Moskau?

    Ja, wir haben die eigene Produktion 2001 aufgenommen, damals noch auf Mietflächen. 2005 bis 2007 wurde die zweitgrößte Rehau-Fensterfabrik gebaut. Sie funktioniert nur für unsere Region – Russland plus Länder Osteuropas. In unserer Region sind es Weißrussland, Kasachstan, Georgien, Armenien und Kirgisien. Die Länder der Zollunion. Das ist die Fabrik, die ziemlich große Investitionen und Vertrauen der Eigentümer und Unternehmensführung erforderte, weil Investitionen mehr als 70 Millionen Euro ausmachten. Im vergangenen Jahr begannen wir mit der Erweiterung des Logistik-Zentrums in dieser Fabrik. Wir machen also weiter. Das Werk entwickelt sich aktiv. Das betrifft auch die Logistik, auch solche Produktionsabschnitte wie Vorbereitung der Einrichtung und anderes. Diese Investitionen machten weitere sieben Millionen Euro aus. Das bestätigt die Absichten der Firma, sich weiter zu bewegen und am Bau in Russland und anderen Ländern, für die wir zuständig sind, aktiv teilzunehmen.

    Und was bewegt die deutschen Unternehmen zur lokalen Produktion in Russland?

    In erster Linie die Wirtschaft. Man kann natürlich über Sanktionen und Einschränkungen, Protektionismus reden. In jedem Land ist es verbreitet, die Eigenhersteller zu unterstützen. Doch wir sind auf dem Markt der globalen Arbeitsteilung, weshalb es vor allem die Wirtschaft ist. Also als die Möglichkeit auftauchte, den Rohstoff hier zu kaufen, den Stoff herzustellen, der für die Fenster und lichtdurchlässige Konstruktionen erforderlich ist, machten wir das ausgehend vom Potential des Marktes. Doch neben dieser Fabrik haben wir auch Abschnitte, wo die Produktion der Rohre und Möbelelemente zum Teil lokalisiert ist. Wir bewegen uns ständig in dieser Richtung. Doch die Hauptfrage ist doch die Wirtschaft: Rohstoff, Arbeitskraft, Bedingungen, die die Behörden zur Lokalisierung schaffen.

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    Rehau hat fast 200 Filialen rund um die Welt. Warum ist der russische Markt wichtig?

    Unsere Region Osteuropa bildet einen bedeutenden Anteil am Umsatz und dem Gewinn der Firma. Ja, da bestehen bestimmte Risiken – die Abhängigkeit von nur wenigen Ländern, unter anderem Russland, insbesondere was die Werke betrifft. Doch die Zahl der Menschen und der Aktivität, die die Baubranche und andere Branchen hier bieten, ermöglicht uns die Entwicklung des Geschäfts und des Umsatzes der Marke nicht nur in Fenstern und Rohren, sondern auch in anderen Richtungen. Im August lieferten wir 140 Meter Stromschienen für die U-Bahn. Diese Schienen ermöglichen, den Strom in der U-Bahn zu sparen. Das ist ein Infrastruktur-Pilotprojekt für uns, das ein großes Potential in Moskau, Sankt Petersburg und anderen Millionenstädten eröffnet. Das ist ein Beispiel der weiteren Entwicklung für uns. Wir blicken sehr positiv in die Zukunft.

    Rehau arbeitet bereits seit mehr als 20 Jahren auf dem russischen Markt. Welche Ergebnisse können Sie nennen? Welche Pläne für die Zukunft haben Sie?

    Ja, unsere erste Vertretung wurde 1995 eröffnet. Danach entwickelten wir sehr aktiv unser Filialnetz in ganz Russland. 1999 eröffneten wir eine Akademie – ein Branchen-Bildungszentrum, das heute 4000 Spezialisten in verschiedenen Richtungen ausbildet – Fenster, Rohre, Möbelelemente, und sowohl technische Spezialisten als auch Verkäufer. Wir haben mehr als 300 verschiedene Seminare. Wir haben drei angestellte Coaches, die kundenbezogenes Consulting für konkrete Bedürfnisse der Kunden organisieren. Mehr als 50 Mitarbeiter haben als Vortragende einen Zugang zu den jeweiligen Themen. Das ist ein sehr wichtiges Instrument im Verkaufsbereich. Wir haben Kenntnisse über die neuen Produkte, mit denen unsere Spezialisten früher nicht arbeiten konnten. 2001 begannen wir mit der Produktion der Fensterprofile. 2005 bis 2007 bauten wir ein großes Werk. 2013 belegte Rehau im Fensterbereich Platz eins nach dem Marktanteil und bleibt bis heute auf dem ersten Platz. 2015 starteten wir das Programm „Das wichtigste im Haus“. 2017 wurde der Online-Shop shop-rehau.ru eröffnet. 2017 stiegen wir zur Top-54 der besten Arbeitgeber in Russland auf. Das sagt wohl vieles.

    Rehau ist eine deutsche Firma, die auf dem russischen Markt tätig ist. Worin besteht Ihres Erachtens der Unterschied zwischen der russischen und der deutschen Mentalität?

    Den größten Unterschied sieht man wohl im Management-System. Wie im Märchen – bei den Deutschen gibt es das Aschenputtel mit den drei Nüssen. Es arbeitet hart und bekommt dann etwas vom Leben. In Russland gibt es Iwan den Dummen, der auf dem Ofen liegt und einen Hecht fängt, und dann geht es ihm gut. Das widerspiegelt vielleicht eine mentale Herangehensweise. Natürlich wollen wir alles auf einmal in Russland, doch so geht es nicht. Deswegen kann man bei den Deutschen vieles lernen – wie man arbeiten und Menschen leiten muss. Meines Erachtens gibt es polare Systeme – das amerikanische, wenn es vor allem um Projekt-Geschäfte geht, wenn man MBA-Spezialisten ausbildet, und ein asiatisches System mit Familienunternehmen, in denen die Menschen ihr ganzes Leben arbeiten. Wir haben ein europäisches Modell, das Management ist vorwiegend deutsch, er ist sehr populär in Europa und ist meines Erachtens besser für Russland geeignet. Wir haben ein deutliches Herangehen an die Sache, deutschen Fleiß, doch auch die russische Spezifik in Sachen Gastfreundlichkeit, Seele, Verhalten gegenüber Partnern, und wir glauben aufs Wort. Bei Deutschen oder Europäern geht im Prinzip ohne Verträge nichts. Die Russen, wenn sie ihr Wort geben, machen auch, was sie sagen. Ich denke, das sind die wichtigsten Unterschiede. Doch glauben Sie mir: Wir haben mehr Gemeinsames.

    Das glaube ich Ihnen gern. Vielen Dank für das Gespräch.

    Danke Ihnen.

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    Deutsche Firmen in Russland: Zwei Nationalitäten - ein gemeinsames Ziel (4)
    Tags:
    Firmen, Konkurrenz, Partnerschaft, Investitionen, Sanktionen, Rehau, Deutschland, Russland