08:03 13 Dezember 2018
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    Generaldirektor von Claas Krasnodar: „Die Deutschen sind den Russen ähnlich“

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    Wirtschaft
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    Alexandra Konkina
    Deutsche Firmen in Russland: Zwei Nationalitäten - ein gemeinsames Ziel (5)
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    Am 7. und 8. Oktober findet in Moskau der 17. Petersburger Dialog statt. Unter dem Dachthema „Vertrauen bilden, Partnerschaft stärken: Zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland als Impuls für den zwischenstaatlichen Dialog“ treffen sich die Arbeitsgruppen zur Erörterung aktueller Fragen.

    Im Laufe des Forums bereitet Sputnik eine Serie von Interviews mit den Managern der deutschen Firmen vor, die in Russland tätig sind. Heute reden wir mit Dr.-Ing. Ralf Bendisch, Generaldirektor des deutschen Landmaschinen-Herstellers Claas in Krasnodar.

    Herr Bendisch, Guten Tag. Deutsche Unternehmen bilden eine große ausländische Handelsgemeinschaft in Russland. Was ist Ihrer Meinung nach das Erfolgsrezept des Handels in Russland?

    Ja, deutsche Unternehmen sind in der Tat schon viele Jahre hier, und es gibt so viele – über 5000, die deutsches Kapital in ihrem Gründungskapital haben. Das Erfolgsrezept ist wahrscheinlich, dass wir hierher kommen, mit unseren eigenen Werten, mit denen wir auch in Deutschland leben. Das ist Zuverlässigkeit, hohe Technologie, das ist Knowhow, das ist auch Vertrauen. Und ich denke, das passt sehr gut in die Umwelt hier, in die Geschäftsumwelt der Russischen Föderation. Wir sind den Russen ähnlich. Da gibt es keine großen Schwierigkeiten, wenn der Handel in Russland floriert.

    Welche Themen sind heute im Businessdialog Deutschlands und Russlands am wichtigsten?

    Ich denke, Vertrauen. Vertrauen und Kommunikation. Wir wollen uns natürlich so wenig wie möglich in die Politik einmischen. Aber Russland ist ein sich sehr stark dynamisch entwickelnder Markt – das haben wir nur in wenigen Regionen der Welt. Aus diesem Grunde ist Russland interessant, höchst interessant für uns.

    Viele Jahre Tradition verbinden uns mit dem Land. Es gibt Unternehmen, die seit 160 Jahren in Russland sind, mit kleinen Pausen, und es gibt jetzt viele, viele Unternehmen, die seit 25 Jahren in Russland sind – also seit Beginn der 90er Jahre. Wir sind mit unserem Unternehmen Claas seit 1992 in Russland und fühlen uns hier wohl, haben uns hier angepasst an bestimmte Sachen, und wir können hier eigentlich unser Businessmodell umsetzen.

    Laut einer Umfrage der Außenhandelskammer planen deutsche Unternehmen trotz der Sanktionen keinen Abgang vom russischen Markt. Wie stabil ist diese positive Tendenz?

    Ich habe den Eindruck, dass sie sehr stabil ist. Wir haben einen ganz leichten Rückgang festgestellt, aber das sind sicherlich Unternehmen gewesen, die, denke ich, nicht diesen seriösen Stempel hier in Russland hinterlassen wollen, sondern die Vertretungen hier hatten, die von bestimmten politischen Bedingungen abhängen. Diese Unternehmen haben einen kleinen Rückzug gemacht. Aber die großen Unternehmen sind sehr stabil. Die erklären das auch offen, dass sie hierbleiben wollen. Als wir vor drei Jahren hier in Krasnodar ein wichtiges Investitionsprojekt eröffnet haben, hat unsere Gesellschafterin, Cathrina Claas-Mühlhäuser, gesagt: „Wir sind nach Russland gekommen, um zu bleiben.“ Und das sagt, glaube ich, alles.

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    Welche Schwierigkeiten gibt es bei der Geschäftsführung auf dem russischen Markt?

    Das einzige Stabile in Russland ist die ständige Veränderung. Das ist eigentlich das, worin wir alle einig sind, die hier arbeiten. Das ist auch eine besondere Herausforderung, dass immer versucht wird, die gesetzlichen Bedingungen weiter zu korrigieren, die Gegebenheiten anzupassen – vielleicht auch ein bisschen an die internationalen Bedingungen. Das führt auch zu sehr viel Unruhe – in der Steuergesetzgebung, im Business überhaupt, und daran muss man sich auch gewöhnen. Das erfordert sehr viel Flexibilität. Aber letztendlich – wie man hier sagt – „man kommt nicht mit seinen eigenen Statuten in ein fremdes Kloster“, sondern wir leben in einem anderen Gesetzumfeld, unter Bedingungen, die durchaus businessfreundlich sind.

    Vor einem Jahr traf sich der russische Präsident Wladimir Putin mit Vertretern der deutschen Geschäftskreise. Wäre auch in diesem Jahr ein solches Treffen notwendig?

    Natürlich, natürlich. Die Kommunikation und der Dialog sind absolut wichtig, äußerst wichtig. Interessant war bei diesem Treffen vor einem Jahr – unsere Gesellschafterin war auch mit dabei – das Gespräch. Das Gespräch war sehr freundschaftlich, partnerschaftlich orientiert, mit vielen Angeboten auch, sehr offen. Offen war der russische Präsident, der die Empfindlichkeiten der russischen Geschäftsleute aufnimmt und auch reagiert.

    2015 hat Claas 120 Millionen in den Bau einer Produktionsstätte hier in Krasnodar investiert. Warum wurde die Entscheidung getroffen, die Produktion hier in Russland anzusiedeln?

    Ja, das ist in der Tat die größte Investition in der über 100-jährigen Geschichte unseres Unternehmens, die wir in einem ausländischen Land getätigt haben, also ein wirklich historisches Ereignis, das wir aber auch lange vorbereitet haben, muss ich sagen. Wir sind seit 1992 hier in Russland – da haben wir Maschinen geliefert. Seit 2003 haben wir eine eigene Fabrik, in der wir montiert haben, aus kompletten Komponenten, die jetzt hier Maschinen produziert. Und wiederum 10 Jahre später, ungefähr 2015, haben wir eine Fabrik eröffnet, wo wir heute einen kompletten technologischen Ablauf darstellen können.

    Das heißt, die beginnen mit der Metallbearbeitung, mit Blech, und in den einzelnen Produktionsschritten wird daraus dann ein kompletter Mähdrescher. Das heißt, ein kompletter Durchlauf: mit Schweißen, Biegen, Laserschneiden, Farbgebung sogar. Und diese Entscheidung haben wir getroffen aus rein unternehmerischen Gründen, aus wirtschaftlichen Gründen.

    Wir wollten Transportkosten optimieren, Logistikkosten optimieren, auch Zollkosten optimieren. Dass die großen Baugruppen, die viel Volumen beim Transport einnehmen, hier produziert werden können, das war die Kraft, die uns bewegt hat und der Grund, warum wir das getan haben.

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    Im Vorjahr erhielt Claas den Status eines russischen Herstellers. Was hat dieser Status für Claas mitgebracht?

    Erstmal war für uns sehr wichtig, diesen Status zu bekommen, hier unseren Mähdrescher wirklich als russisches Produkt auch anbieten zu dürfen, das war wichtig. Und die gleichen Wettbewerbsbedingungen zu haben wie die russischen Wettbewerber. Heute ist es so, dass der russische Staat natürlich viel dafür unternimmt, dass im Land produziert wird, lokalisiert wird. Es hat auf jeden Fall dazu geführt, dass mehr im Land produziert wird, dass man sich mehr auf die eigenen Kräfte besinnt. Aber für die ausländischen Unternehmen im Land wie uns zum Beispiel hat es auch dazu geführt, dass wir noch mehr hier ansiedeln, als wir ursprünglich geplant haben. Dieser hohe Lokalisierungsgrad bedeutet, dass man Anspruch auf den Status „Russisches Produkt“ haben kann.

    „Russisches Produkt“ heißt gerade in unserer Branche, dass die Käufer und die Landwirte auch auf Subsidien rechnen können. Subsidien sind in Russland sehr wichtig, weil sie eben die Investition stützen. Das ist das Geld, das der Staat für den Landwirt an den Hersteller bezahlt. Und das sind in unserem Fall immerhin 25 Prozent des Preises für eine Maschine, also viel Geld.

    Und wie schätzen Sie das landwirtschaftliche Potential Russlands ein?

    Enorm. Enorm groß, denn wir sehen jetzt in den letzten Jahren, also von Jahr zu Jahr, wenn das Wetter mitspielt, dass Russland Rekordernten erzielt. Die Produktion von Getreiden und Weizen ist über 40 Millionen Tonnen gestiegen. Es ist schon das dritte Jahr infolge, in dem Russland den ersten Platz bei Getreide- und Weizenexporten in der Welt einnimmt. Das ist ein Erfolg, auf den der russische Staat, das Landwirtschaftsministerium auch stolz sind. Und man will diese Position auch weiter ausbauen. Es gibt in Russland noch sehr viele brachliegende landwirtschaftliche Flächen, die zu Sowjetzeiten noch bearbeitet wurden. Das ist ein zusätzliches Potential in der extensiven Landwirtschaft und auch in der intensiven. Denn mit neuen Technologien, mit Technik, wie wir sie produzieren, mit Chemie, Düngemitteln und so weiter kann man noch sehr viel tun.

    Ich glaube, Russland kann in der Zukunft durchaus einer der wichtigsten Produzenten von Lebensmitteln für den enorm wachsenden landwirtschaftlichen Markt auf der Welt werden.

    Ich hoffe das auch. Ich glaube, die Sanktionen sind für Sie keine Überraschung gewesen. Haben Sie einen „Plan B“ gehabt?

    Einen „Plan B“ haben wir nicht gehabt, muss ich schon sagen. Die Sanktionen sind ein unangenehmes Mitbringsel oder Anhängsel der gegenseitigen internationalen Situation in der Wirtschaft und in der Politik. Und Russland stellt sich darauf maximal ein und versucht natürlich, den Schaden, der dadurch entsteht, so gering wie möglich zu halten. Es hat auch dazu geführt, dass alle Branchen in der Russischen Föderation präsent sind und der Staat das auch sehr stark unterstützt. Das heißt, von der Wirkung der Sanktionen her erstarkt die Russische Föderation wirtschaftlich. Das ist auf jeden Fall so.

    Man kann nicht sagen, dass es nicht zu Schäden oder Ausfällen führt oder dass nicht an bestimmten Stellen Außenhandelsumsätze sinken. Wir haben das gesehen, was bei Gegensanktionen mit unserer Landwirtschaft passiert, die in breitem Maß von Lebensmittel-Exporten nach Russland abhängig war. Das hat sich alles einigermaßen in eine Balance zurückentwickelt. Aber für uns war das natürlich eine Herausforderung, die wir, glaube ich, meistern. Wir haben unser ursprüngliches Businessmodell verändert. Wir hatten vor, viel weniger in Russland zu lokalisieren, rein aus wirtschaftlichen Gründen. Wir produzieren jetzt eine Reihe von zusätzlichen Komponenten hier in Russland. Das werden wir jetzt, step by step, umsetzen, was unsere Fabrik rein physisch an den Rand der möglichen Kapazitäten heranbringt und die Notwendigkeit von weiteren Investitionen zeigt. Wenn der Umsatz und das Ergebnis stimmen, dann kann man noch weiter investieren.

    Welche Pläne hat Claas in Russland für die Zukunft?

    Auf jeden Fall wollen wir unseren Marktanteil stabilisieren und ausbauen. In den vergangenen Jahren, vor zwei, drei Jahren, ist es uns gut gelungen. Wir haben enorme, sehr starke Zuwächse im Umsatz verzeichnen können. Wir wollen viel stärker noch exportieren. Wir haben seit zwei Jahren einen starken Export von Komponenten nach Deutschland, der ursprünglich eigentlich gar nicht geplant war. Wir wollen natürlich auch Anrainen-Länder von Russland bedienen. Es gibt hier die Wirtschaftsunion, die eine gute Basis ist, dass man keine Zollbarrieren zwischen den Ländern hat. Und wir stellen uns auch darauf ein, dass wir innerhalb des Konzerns und Produktionsnetzwerkes noch mehr Aufgaben erfüllen werden, die wir im Moment noch nicht genau formulieren können, die aber die weiter Entwicklung unseres Unternehmens sehr stark sichern werden.

    Unterscheiden Sie zwischen der deutschen und der russischen Mentalität?

    Ich glaube, im Unternehmertum wenig. Wir sind sehr, sehr ähnlich. Die russischen Menschen schätzen an den deutschen Menschen sehr die Verlässlichkeit, die hohe Technologie und die Sicherheit, zum Beispiel, für das gegebene Wort. Das ist, glaube ich, eine sehr erfolgreiche Basis für das Arbeiten hier in Russland. Die Menschen selbst – die sind sehr ähnlich. Wichtig ist, dass man in Russland Humor hat. Ich denke, Deutsche haben auch Humor, und die haben den Humor, den die Russen verstehen, und wir verstehen auch den Humor der Russen.

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    Themen:
    Deutsche Firmen in Russland: Zwei Nationalitäten - ein gemeinsames Ziel (5)
    Tags:
    Kommunikation, Vertrauen, Unternehmen, Bau, Produktion, Dialog, Investitionen, Sanktionen, Deutschland, Russland