20:17 16 Oktober 2018
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    Dr. Andreas Knaul, Niederlassungsleiter der Anwaltskanzlei Rödl&Partner in Russland

    Chef von Großkanzlei Rödl & Partner in Moskau: „Keine Angst vor Russland“

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    Alexandra Konkina
    Deutsche Firmen in Russland: Zwei Nationalitäten - ein gemeinsames Ziel (4)
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    Am 7. und 8. Oktober findet in Moskau der 17. Petersburger Dialog statt. Unter dem Dachthema „Vertrauen bilden, Partnerschaft stärken: Zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland als Impuls für den zwischenstaatlichen Dialog“ treffen sich die Arbeitsgruppen zur Erörterung aktueller Fragen.

    Im Laufe des Forums bereitet Sputnik eine Serie von Interviews mit den Managern der deutschen Firmen vor, die in Russland tätig sind. Heute reden wir mit Dr. Andreas Knaul, Niederlassungsleiter der Anwaltskanzlei Rödl&Partner in Russland.

    Guten Tag, Herr Knaul. Meine erste Frage: Deutsche Unternehmen bilden die größten ausländischen Geschäftskreise in Russland. Was ist Ihrer Meinung nach das Erfolgsrezept des Handels in Russland?

    Ja, vielen Dank. Die deutsche Kaufmannschaft ist in der Tat mit nahezu 5000 Unternehmen in irgendeiner rechtlichen Form in Russland präsent. Das kann eine Vertretung sein, eine Filiale oder häufig eine GmbH (OOO). Wir sind zwar vom Umfang des Geschäfts mit Russland nur die zweitgrößte Kaufmannschaft, aber von der Zahl der Unternehmen die stärkste. Die große Zahl deutscher Unternehmen ist auch darauf zurückzuführen, dass viele kleine Unternehmen oder Mittelständler aus Deutschland hier sind, die im direkten Dialog mit den russischen Kunden deutsche Qualität rüberbringen. Das erfordert Nähe zum Kunden. Deswegen sind so viele deutsche Unternehmen direkt in Russland engagiert.

    Welche Themen sind heute im Business-Dialog „Deutschland-Russland“ am wichtigsten?

    Ein Thema, um das wir nicht herumkommen, sind natürlich die Sanktionen. Die Sanktionen haben zu Änderungen in der russischen Gesetzgebung und im Verhältnis zu ausländischen Investitionen geführt. Man bemüht sich in Russland insbesondere seit 2014 stärker, ausländische Unternehmen dazu zu bringen, sich hier zu lokalisieren. Lokalisieren heißt im Sinne eines Produktionsaufbaus, dass man nicht nur deutsche Waren aus Deutschland herüberbringt und hier vertreibt, Service leistet oder Ersatzteile liefert, sondern dass tatsächlich in Russland produziert wird. Und das ist die Herausforderung, vor der viele unserer Mandanten stehen – mittelständische Unternehmen aus Deutschland und aus anderen Ländern, aber im Schwerpunkt aus deutschsprachigen Ländern, die sich fragen: „Ist es wirtschaftlich möglich für mich, kann ich wirtschaftlich damit erfolgreich sein, wenn ich auch in Russland produziere?“ Die Gesetzgebung für die Lokalisierung beobachten wir und beraten unsere Mandanten auch kontinuierlich in diesem Sinne.

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    Vertreter von „Rödl & Partner“ berichten oft bei verschiedenen Konferenzen über Fragen der Lokalisierung. Aber wieso ist es für deutsche Unternehmen wichtig, auf dem russischen Markt präsent zu sein?

    Deutschland ist ein exportorientiertes Land. Ein Großteil unseres Wohlstands, gemessen am Bruttosozialprodukt, stammt aus dem Export. Viele Unternehmen, viele unserer Mandanten haben eine hohe Exportquote, das heißt, der Anteil ihrer Produktion, der ins Ausland geht, liegt über 50 Prozent. Das kann natürlich nur erreicht werden, wenn wir genau wissen, was der Kunde will und wenn wir genau das herstellen, insbesondere im Maschinenbau, in der Chemie, in der Pharmazie, wenn der deutsche Unternehmer, der Mittelständler weiß, was sein Kunde in Russland haben möchte. Das ist ein permanenter Dialog. Diesen Dialog muss man vor Ort führen. Die Herausforderung zur Zeit ist der politische Rahmen, der mit sich bringt, dass Russland gewisse Importbeschränkungen eingeführt hat, um Unternehmen dazu zu veranlassen, dass sie direkt vor Ort in Russland produzieren und die Wirtschaft in Russland vorantreiben. Jedes deutsche Unternehmen, jedes ausländische Unternehmen muss sich fragen: „Ist das profitabel für mich, kann ich damit noch Gewinn machen, sind die Produktionsfaktoren in Russland, die Personalkosten, die Einschiffung der Rohstoffe, die ich brauche, die Transportkosten und alles, was in das fertige Produkt eingeht, ist das so, kann ich das so kalkulieren, dass ich dann immer noch einen Gewinn mache? Einen Gewinn muss jedes Unternehmen erzielen, und diese Herausforderung besteht auch in einer Gesetzgebungslage, in einem gesetzgeberischen Rahmen, der sich auch immer wieder etwas ändert. Wir kennen die Tendenz der russischen Gesetzgebung, und wir versuchen natürlich, deutsche Unternehmen darauf auszurichten, dass sie genau wissen, was die Situation hier ist.

    Laut einer Umfrage der Außenhandelskammer planen die deutschen Unternehmen trotz der Sanktionen keinen Abgang vom russischen Markt. Wie stabil ist diese positive Tendenz?

    Das ist auch meine Erfahrung. Als Unternehmen arbeiten wir seit Jahren mit zirka 250, vielleicht 300 Unternehmen im Jahr zusammen. Wir stellen fest, dass die Unternehmen, insbesondere diejenigen, die schon länger hier sind, zehn Jahre, 15, vielleicht 20 Jahre, dass die in der Tat nicht daran denken, aus Russland herauszugehen. Man hat viele Krisen, Schwankungen in der Wirtschaftslage durchgemacht. Man weiß, nach einem Abschwung gibt es auch immer wieder einen Aufschwung. Es hat sich auch bewahrheitet, dass diejenigen am erfolgreichsten sind, die sich nicht von etwaigen kurzfristigen Problemen ablenken und abschrecken lassen, die hier bleiben, ihre Kundenbeziehungen pflegen, auch in schwierigen Zeiten. Daher ist auch mein Eindruck, dass diejenigen, die hier sind, bleiben werden. Einige der Unternehmen, die hier sind, überlegen sich vielleicht, ob jetzt ein guter Moment ist, vom Import und vom reinen Vertrieb der Produkte überzugehen zu einer Lokalisierung im Sinne der Produktion, und tatsächlich Grundstücke zu erwerben, Maschinen aufzustellen und hier vor Ort noch mehr für die russischen Kunden zu produzieren. Also in der Tat: Diejenigen, die hier sind, planen keinen Abgang. Aber es gibt auch nicht viele Neuzugänge. Das muss man auch sagen.

    Was haben die US-Sanktionen zwei Jahre nach ihrer Verhängung bewirkt?

    Genau das, was ich eben gesagt habe: Es kommen weniger neue Unternehmen. Die Unternehmen, die schon da sind, lassen sich nicht abschrecken, denn sie kennen den russischen Markt. Sie kennen auch den Rahmen, in dem sie sich hier bewegen. Der Rahmen ist in den letzten Jahren durch ständige Verbesserungen geprägt. Wir haben gesehen, dass Russland sich im „Global Doing Business Index der Weltbank“ entscheidend verbessert hat von einem Platz 120-130 auf jetzt Platz 35. Das ist eine wesentliche Verbesserung. Die Unternehmen, die hier sind, wissen das. Die amerikanischen Sanktionen haben dazu geführt, dass diejenigen, die überlegt haben, nach Russland zu gehen, von dieser Überlegung häufig Abstand genommen haben. Sie sagen: Ja, Russland ist jetzt in einer schwierigen Lage. Die Sanktionen behindern unser Amerika-Geschäft. Und wenn ich ein Mittelständler bin, und ich verkaufe vielleicht 20 Prozent meiner Produktion nach Amerika und vielleicht drei oder vier Prozent nach Russland, dann überlege ich natürlich, welches Geschäft ich in Gefahr bringe. Dann sorgt man in der Regel vorsichtshalber dafür, nicht das amerikanische Geschäft zu gefährden. In einem Satz zusammengefasst: Die amerikanischen Sanktionen über die letzten Jahre – und gerade in diesem Jahr, im April, und im August, im November steht eine weitere Sanktionsrunde bevor – das führt zu Verunsicherung. Und Verunsicherung ist Gift für jedes Geschäft.

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    Außer Verunsicherung und Sanktionen: Welche Schwierigkeiten gibt es für die Geschäftsführung auf dem russischen Markt?

    Es gibt natürlich immer die Herausforderung des Wettbewerbs. Auch für deutsche Unternehmen, für die deutsche Industrie, auch wenn sie "Global Champions" sind und erstklassige Produkte haben – der Wettbewerb ist ständig da. Der Wettbewerb muss zu Innovation führen, der Wettbewerb muss dazu führen, dass auch das Preis-Leistungs-Verhältnis sich beständig verbessert. Das ist das, was der Kunde fordert. Und dann gibt es natürlich spezifische Voraussetzungen am russischen Markt. Da ist die geografische Größe des Landes und die entsprechend manchmal schwierige Logistik. Da ist die Geschichte des Landes – wir wollen nicht vergessen, dass wir 70 Jahre kein marktwirtschaftliches System hier hatten, und das wirkt natürlich in manchen Köpfen fort. Was grundsätzlich kein Problem ist und was ich von vielen Menschen höre, die Russland nicht gut kennen: „Ah, Russland, das ist alles grob, das Rechtssystem ist korrupt, da kann man nicht sauber arbeiten.“ Das stimmt so nicht. Sondern im Gegenteil, deutsche Unternehmen, die sich an Recht und Gesetz halten, arbeiten hier sauber und erfolgreich. Und als Jurist und Rechtsanwalt führe ich an: In den letzten 25 Jahren, die ich die Rechtsentwicklung hier aktiv begleitet habe, hat sich das russische Recht, im Sinne des Zivilrechts, des Handelsrechts, Steuerrechts, also all der Rechtsbereiche, die für Unternehmen wichtig sind, stetig verbessert. Ich gehe davon aus, dass diese Verbesserung im gesetzlichen Rahmen weiterhin bleiben wird, was nicht heißt, dass nicht auch Probleme bestehen. Aber ich bin sicher, dass Russland auch diese Probleme konsequent angehen wird, wie gerade in den letzten Jahren, und es  damit auch zu einer weiteren Verbesserung der Wirtschaftsverhältnisse kommen wird.

    Vor einem Jahr traf sich der russische Präsident Wladimir Putin mit Vertretern der deutschen Wirtschaftskreise. Wäre ein solches Treffen auch in diesem Jahr notwendig?

    Notwendig würde ich nicht sagen. Es ist natürlich schön. Es zeigt, dass wir ein gutes Verhältnis haben zwischen der deutschen Wirtschaft und der Führungsspitze des Landes, in dem wir zu Gast sind. Das ist ein gutes Zeichen. Aber Präsident Putin hat sicherlich einen anspruchsvollen Terminkalender. Und ich fordere kein Treffen. Sondern woran mir gelegen ist, ist, dass die Grundlinie, die im Treffen mit der Wirtschaft aufgezeigt wurde, von der Regierung konsequent umgesetzt wird, dass auch die Arbeitsverhältnisse für russische Mittelständler verbessert werden, nicht nur für deutsche. Die arbeiten ja dann auch mit russischen Großunternehmen, aber auch mit Mittelständlern. Das würde, glaube ich, auch Russland nutzen. Von daher: Ein Treffen ist gut, ein Treffen ist schön, aber jedes Jahr muss es nicht sein. Aber wenn der Präsident Zeit hätte …

    Eine letzte Frage: Am Rande einer Wirtschaftskonferenz 2017 haben Sie gesagt: „Keine Angst vor Russland“. Bleiben Sie auch heute bei diesem Wort?

    Ja, dies ist im Grunde eine Zusammenfassung dessen, was ich zu Ihren vorherigen Fragen gesagt habe. Man muss vor Russland keine Angst haben als deutsches Unternehmen, als Österreicher oder als sonstiges ausländisches Unternehmen. Wir haben hier einen fast in allen Bereichen fairen Wettbewerb aufgrund gleicher Bedingungen, ein „level-playing field“ für Unternehmen aus Deutschland, aber auch aus China, aus Japan oder aus Korea. Auf diesem Markt bewegen wir uns. Und der russische Verbraucher ist kritisch. Er erwartet Qualität, und die deutschen Unternehmen bieten diese Qualität zum guten Preis und zunehmend auch nach dem Motto „Engineered in Germany, made in Russia“ – die Idee, die Technologie kommt aus Deutschland, die Produktion ist in Russland. Ich denke, in diesem Sinne wird die deutsche Wirtschaft mittelfristig und in jedem Fall langfristig, da habe ich keine Zweifel, auch in Russland eine gute Heimat haben und den gegenseitigen Wirtschaftsaustausch zwischen Deutschland und Russland ständig befördern.

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    Themen:
    Deutsche Firmen in Russland: Zwei Nationalitäten - ein gemeinsames Ziel (4)
    Tags:
    Unternehmen, Verbesserung, Recht, Partnerschaft, Sanktionen, Wladimir Putin, Europa, Deutschland, Russland