12:40 15 Dezember 2018
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    Präsident von Bosch in Russland: „Man muss Russland lieben“

    © AFP 2018 / THOMAS KIENZLE
    Wirtschaft
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    Alexandra Konkina
    Deutsche Firmen in Russland: Zwei Nationalitäten - ein gemeinsames Ziel (5)
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    Am 7. und 8. Oktober findet in Moskau der 17. Petersburger Dialog statt. Unter dem Dachthema „Vertrauen bilden, Partnerschaft stärken: Zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland als Impuls für den zwischenstaatlichen Dialog“ treffen sich die Arbeitsgruppen zur Erörterung aktueller Fragen.

    Im Laufe des Forums bereitet Sputnik eine Serie von Interviews mit den Managern der deutschen Firmen vor, die in Russland tätig sind. Heute reden wir mit Hansjürgen Overstolz, Präsident und CEO von Bosch in Russland.

    Deutsche Unternehmen bilden die größte ausländische Handelsgemeinschaft in Russland. Was ist Ihrer Meinung nach das Erfolgsrezept für den Handel in Russland?

    Man muss Russland lieben und bereit sein, sich auch im schwierigen Umfeld zu bewegen. Hier ist nicht alles selbstverständlich. Die Zulieferindustrie entwickelt sich noch weiter, die administrativen Hürden sind manchmal noch hoch. Aber die Menschen sind begeisterungsfähig.

    Was zwingt deutsche Unternehmen zur verstärkten Platzierung der Produktion in Russland?

    Deutschland ist im Außenhandel nach China der führende Partner Russlands. Im vergangenen Jahr stieg der gegenseitige Handel um 22 Prozent auf 44 Mrd. Euro.

    Neben dem Grundinteresse am großen Markt in Russland hat auch das Importsubstitutionsgesetz in gewisser Weise als Impulsgeber für ein verstärktes Engagement gedient. Auch wenn es strategisch zweifelhaft für das zukünftige Entwicklungspotential des Landes ist, hat doch die Bevorzugung von russischen Anbietern bei öffentlichen Ausschreibungen sicher den einen oder anderen bewogen, über ein verstärktes Engagement in Russland nachzudenken. Dass die Weltwirtschaft sich suboptimal entwickeln würde, wenn jedes Land „my country first“ denkt, das ist aber auch eine Binsenweisheit!

    Welche Themen sind im Businessdialog „Russland-Deutschland“ am wichtigsten?

    Ja, der Dialog ist schon per se wichtig. Die Zusammenarbeit auf allen Ebenen und bei vielen Themen, angefangen von den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen bis zu den Ausbildungsystemen, insbesondere der dualen Ausbildung, wo erfolgreiche Initiativen von der deutsch-russischen Außenhandelskammer und russischen Bildungseinrichtungen gestartet wurden.

    Die duale Ausbildung erhöht die Arbeitsproduktivität der Mitarbeiter und die Prozessstabilität im Unternehmen, und sie erspart die wiederholte Suche und Umschulung des Personals und die kostenintensive Einschulung von Arbeitskräften mit höheren Bildungsabschlüssen. Es gibt bereits sieben Unternehmen mit zurzeit 130 Auszubildenden, die so den Unternehmenserfolg nachhaltig absichern. Und die AHK (Auslandshandelskammer) garantiert die Qualität der Ausbildung!

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    Laut einer Umfrage der Außenhandelskammer planen deutsche Unternehmen trotz der Sanktionen keinen Abgang vom russischen Markt. Wie stabil ist diese positive Tendenz?

    Zwar ist die Quantität der deutschen Firmen 2017 noch einmal leicht gesunken, nicht aber die Qualität des Engagements in Russland. Die knapp 5000 deutschen Unternehmen investieren nach wie vor stark in Russland und nutzen die Chancen, die sich aus dem niedrigen Rubelkurs und den verbesserten Investitionsbedingungen in einigen Bereichen ergeben. Trotz der westlichen Sanktionspolitik und der entsprechenden Außenhandelseinbußen besteht das Interesse an Russland. Die deutschen Direktinvestitionen sind weiter gestiegen, in drei Jahren um 70 Prozent auf 17 Milliarden Euro, vor Frankreich und der Schweiz. Im „Doing Business Index“ der Weltbank hat sich Russland von Platz 120 im Jahr 2012 auf Platz 35 verbessert. Fast zwei Drittel der von der AHK befragten Unternehmen wollen ihre Aktivitäten auf dem russischen Markt weiter ausbauen, geht aus der aktuellen Geschäftsklima-Umfrage der AHK Russland hervor. Kein einziges der Unternehmen gab an, das Engagement in Russland reduzieren zu wollen, und die deutschen Unternehmen beschäftigen rund 270.000 Mitarbeiter in Russland.

    Was haben die US-Sanktionen zwei Jahre nach ihrer Verhängung bewirkt?

    Verunsicherung, Verhärtung, Enttäuschung (auf allen Seiten), Gegenreaktionen, negative, aber auch positive Geschäftsentwicklungen (negativ für die Lebensqualität der russischen Konsumenten und für viele Unternehmen, positive zum Beispiel für den Ausbau von eigenen Strukturen oder Geschäftseinheiten).

    Aber vor allem hat es einige Fragen aufgeworfen: Welche Qualität und Begründung haben eigentlich die US-Sanktionen? Was ist eigentlich das Ziel? Wann und vor allem unter welchen Voraussetzungen kann man eine solche Politik auch beenden und zu neuen Ufern aufbrechen?

    Welche Schwierigkeiten gibt es für die Geschäftsführung auf dem russischen Markt?

    Im Wesentlichen sind es drei Themen, die uns Schwierigkeiten machen: Ein schwankender Wechselkurs, der jeweils Anpassungsprozesse im Hause auslöst. Dann regulatorische Hürden, wie wir sie zum Beispiel bei den Zertifizierungen antreffen. Und zuletzt die unzuverlässige oder zumindest nicht ausreichende Zulieferbasis, um die Wertschöpfungstiefe auszubauen.

    Vor einem Jahr traf sich Putin mit Vertretern deutscher Geschäftskreise. Wäre ein solches Treffen auch in diesem Jahr notwendig?

    Der Dialog mit der politischen Führung ist grundsätzlich wichtig. Umso mehr, als wir beide, Politik und Wirtschaft, das gleiche Interesse haben sollten, nämlich das Land weiterzuentwickeln und den Wohlstand der Menschen zu mehren. Die Politik setzt die Rahmenbedingungen, und die Wirtschaft organisiert die Wertschöpfung. Und das geht am Ende des Tages nur gemeinsam.

    Das Großunternehmen Bosch setzte von vornherein auf die Produktion vor Ort und wurde 1996 zum Mitbegründer eines gemeinsamen Unternehmens in Saratow.

    2015 eröffnete das Unternehmen gleich zwei Produktionsstätten: In der Region Samara und in Engels. Wie weit wird die Lokalisierung der Produktion in Russland gehen? 

    Grundsätzlich hat die Lokalisierung keine Grenzen. Es kommt auf die jeweiligen Produkte und Märkte an. Die Produktionsstückzahlen müssen sich für alle lohnen. Das gilt zum Beispiel für 2,6 Millionen ABS- und ESP-Systeme, die wir bisher gebaut haben, aber auch für Heizungen und für 1,3 Millionen Elektrowerkzeuge, die wir hier pro Jahr fertigen.

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    Bosch besitzt einige Produktionsstätten in Russland, in denen Waren sowohl für den russischen Binnenmarkt als auch zum Export hergestellt werden. Bedeutet das, dass Russland zu einer Art Plattform wird, wo deutsche Unternehmen Waren für den Weltmarkt produzieren?

    Unsere Strategie heißt, sehr knapp beschrieben, „local for local“. Wir tun grundsätzlich alles, was der positiven Entwicklung des Marktes im Land dient. Natürlich exportieren wir auch, wenn sich die Marktanforderung wie in der Automobilindustrie so ergibt (wie bei den Bremssystemen und ESP), oder wenn die Kostenposition das sinnvoll erscheinen lässt (wie bei den Elektrowerkzeugen und Zündkerzen). Aber bisweilen ist der europäische oder gar Weltmarkt räumlich etwas weit weg.

    Bosch nahm aktiv an der Vorbereitung der Fußball-WM in Russland teil. Worin genau bestand diese Teilnahme? Sind Sie mit den Ergebnissen zufrieden?

    Ja, wir haben natürlich unseren bescheidenen Beitrag zum Erfolg der Fußball-WM geleistet. Ich freue mich für alle Russen, dass sie ihr Land so exzellent haben präsentieren können. Auch meine persönlichen Gäste waren total begeistert von der Organisation und der Qualität der Stadien, die wir allesamt (alle 12) mit ausgerüstet haben.

    Die Hälfte unseres Engagements waren Konferenzsysteme (Conference Systems) und professionelle Lautsprecheranlagen (Professional Sound Systems), die andere Hälfte Heizungstechnik und Elektrowerkzeuge. 

    In einem Interview haben Sie gesagt: „Russland bleibt ein wichtiger Markt für die Unternehmen der Bosch-Gruppe. Was die Perspektiven fürs Jahr 2018 angeht, erwarten wir stabiles Wachstum, unter der Bedingung fortgesetzter politischen Stabilisierung.“ Hat das Jahr 2018 diese Erwartungen erfüllt?

    Das Jahr ist zwar noch nicht vorbei, aber die erste Hälfte ist, abgesehen vom Wechselkurs, bisher sehr zufriedenstellen gelaufen. Ob die US-Wahlen im Herbst und die übrige Weltpolitik in der zweiten Hälfte zur Stabilisierung beitragen können, bleibt abzuwarten. Ich setze langfristig auf die Vernunft der Menschen, und das hat die Geschichte bereits bewiesen.

    Bosch ist bereits seit 25 Jahren in Russland. Welche Bilanzen lassen sich ziehen?

    Engagement und Loyalität zahlen sich aus. 25 Jahre wirken wir in der Russischen Föderation, aber in Wirklichkeit sind wir seit 1904 in Russland aktiv. Robert Bosch setzte schon vor 114 Jahren auf Russland. Und seitdem sind die Aktivitäten trotz schwerer Zeiten immer gewachsen, auf heute knapp 4000 Mitarbeiter. „Technik fürs Leben“ gilt auch in Russland!

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    Themen:
    Deutsche Firmen in Russland: Zwei Nationalitäten - ein gemeinsames Ziel (5)
    Tags:
    US-Sanktionen, Unternehmen, Ausbildung, Zusammenarbeit, Handel, Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland, Wladimir Putin, Deutschland, Russland, China