18:03 22 Oktober 2018
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    Handelshafen in Hamburg

    Anfang vom Ende des Wirtschaftsbooms? Bund senkt Erwartungen

    © REUTERS / Fabian Bimmer
    Wirtschaft
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    Paul Linke
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    Die Bundesregierung senkt ihre Konjunkturprognose – vor allem aufgrund von Handelskonflikten zwischen der EU und den USA. Das bestätigte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. Ist das der Anfang vom Ende des Wirtschaftsbooms? Der renommierte Finanzexperte Folker Hellmeyer hat einen Rat für deutsche Exporteure.

    Die Bundesregierung rechnet im laufenden Jahr mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,8 Prozent. Im Frühjahr hatte die Regierung noch ein Plus von 2,3 Prozent erwartet. Auch für 2019 wird in der Herbstprognose mit einem Wachstum von 1,8 Prozent gerechnet.

    Als Grund für den Rückgang des BIP sieht Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) unter anderem Handelskonflikte wie zwischen den USA und der EU. Außerdem hätten Probleme der Autoindustrie bei der Umstellung auf den neuen Abgas-Prüfstandard WLTP das Wachstum gedämpft. Es sei zu Lieferengpässen gekommen, Hersteller mussten die Produktion drosseln. Auch verhindere der zunehmende Fachkräftemangel ein höheres Wachstum. Die deutsche Wirtschaft werde jedoch trotz alledem im kommenden Jahr in ihr zehntes Wachstumsjahr gehen, beruhigte Altmaier.

    US-Aggression in der Handelspolitik

    Auch der Chefanalyst der „Fondsboutique Solvecon“, Folker Hellmeyer, sieht die Ankündigungen gelassen, warnt aber zugleich: „Bei der Abschwächung haben wir es damit zu tun, dass wir durch politische Störungen Ungemach in der Weltwirtschaft erwarten dürfen, weil die US-Aggression in der Handelspolitik, ob gegen die EU, ob gegen China, ob gegen Russland, die Unsicherheiten und die Wahrnehmung der Unsicherheiten verstärkt hat.“

    Doch das Risiko in der realen Wirtschaft bewertet Hellmeyer als „sehr überschaubar“: „Wir haben Dynamikverluste, aber diese Dynamikverluste sind nicht ausgeprägt“, betont der Finanzexperte gegenüber Sputnik und verweist auf die IWF-Prognose, die „geringfügig“ von 3,9 Prozent in der Spitze für das laufende und das kommende Jahre auf 3,7 Prozent gesenkt wurde. Damit bewege die Weltwirtschaft sich weiter auf dem höchsten Wachstumspfad mit 3,7 Prozent seit 2011, so der Experte.

    Trumps Angriff auf die WTO

    Trotzdem bewertet er die Korrektur des IWF als bedeutend. Vor allem Europa, welches stark vom Export-Geschäft abhängig ist, sei in den Prognosen zurückgestuft worden. Ausschlaggebend für den Wachstumsrückgang ist für Hellmeyer die Politik der US-Administration:

    „Die USA beweisen, dass sie als zweitgrößte Wirtschaftsnation der Welt in Fragen der Vertragstreue mindestens wankelmütig sind, und das ist ein Risiko nicht nur für die USA, sondern für die Weltwirtschaft.“

    So sei der Angriff, den die USA gegen das wirtschaftliche Organigramm und die Welthandelsorganisation WTO in Form von Aluminium- und Stahlzöllen fahren, ernst zu nehmen. „Die WTO stellt mit ihrer Rechtsprechung den Garanten für Zuverlässigkeit der globalen Arbeitsteilung dar. Wenn hier Angriffe gefahren werden, nehmen die Unsicherheitsfaktoren zu. Und was wir derzeit in der Risikowahrnehmung der Wirtschaftssubjekte erleben, spiegelt genau dieses Phänomen wider.“ Das gelte für alle Länder außerhalb der USA.

    Positiver für die EU – Negativ für die USA

    Jedoch müsse man bedenken, dass sowohl die Euro-Zone wie auch Deutschland weit über ihre Potenzial-Wachstumsrate wachse, erklärt der Finanzanalyst: „Die Wachstumsrate, die unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten laut Bundesbank oder EZB erreichbar ist, liegt für Deutschland und die Euro-Zone bei circa 1,2 Prozent. Damit ist das Bild mindestens unprekär.“ So nehme das Risiko in Deutschland oder der Euro-Zone ab, auf mittlere sowie lange Sicht Überhitzungserscheinungen zu produzieren.

    Mit der protektionistischen Politik werden sich die Vereinigten Staaten eher ins eigne Bein schießen, bestätigt der Wirtschaftsexperte. „Die USA werden auf Jahre weiterhin abhängig von Importen sein. Und die Restriktionen und Zölle, die sie dort auferlegen, haben vor allen Dingen belastende Preiseffekte für die US-Unternehmen und Verbraucher. Schlussendlich werden diese Maßnahmen, die jetzt im Rahmen stehen, wenn sie alle so umgesetzt werden, den Standort USA unter Kostengesichtspunkten verschlechtern“, warnt Folker Hellmeyer.

    Anfang vom Ende des Wirtschaftswachstums?

    Dass ein baldiges Ende des Wirtschaftswachstums bevorsteht oder gar eine globale wirtschaftliche Krise, hält der Finanzanalyst für unwahrscheinlich. Der globale Kapitalstock, die Unternehmen seien längst international aufgestellt. „Der Rahmen der Nationalstaaten, die das Rückgrat unserer Geografie bilden, passt nicht mehr zu dem Bild des Kapitalstocks.“ So sei die Welt, die der US-Wirtschaft mit 85 Prozent gegenübersteht, gut beraten, zusammenzuhalten, um die Wirtschaftsordnung, „die übrigens die Weltarmut deutlich minimiert hat“, zu erhalten.

    Rat an deutsche Exporteure

    In der aktuellen politischen Lage seien Investitionstätigkeiten außerhalb der USA interessanter: „Wer heute noch glaubt, dass die Welt in der Taktung der US-Wirtschaft funktioniert, irrt sich. Das ist seit acht Jahren ohnehin nicht mehr der Fall. Sondern die aufstrebenden Länder geben den Takt vor. Insofern ist der richtige Pfad für uns, dass wir uns gen Osten ausrichten“, rät der Analyst den deutschen Exporteuren.

    Das Interview mit Folker Hellmeyer zum Nachhören:

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    Tags:
    Wirtschaftskrieg, Strafzölle, Zölle, Handelskrieg, Konjunktur, Weltwirtschaft, Wirtschaft, Euro, Sanktionen, Eurozone, IWF, WTO, Donald Trump, Peter Altmaier, Deutschland, USA, Russland, China