21:22 18 November 2018
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    US-Börse in New York (Archiv)

    Börsen-Beben im Oktober: Die wahre Krise kommt erst noch

    © AP Photo / Richard Drew
    Wirtschaft
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    Natalja Dembinskaja
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    Im Oktober beliefen sich die Gesamtverluste auf den Aktienmärkten in den USA, Asien und Europa wegen großangelegter Ausverkäufe auf mehr als fünf Billionen Euro. Das ist der größte Absturz seit dem Crash von Lehman Brothers 2008.

    Der US-Index S&P500 sank im Oktober um acht Prozent – die schlechteste Kennzahl seit zehn Jahren. Der Nasdaq verlor 9,2 Prozent und stellte damit einen Negativrekord seit November 2008 auf. Der Börsenindex MSCI World mit Wertpapieren, die in 23 Ländern der Welt gehandelt werden, sank seit Jahresanfang um 15 Prozent. Die Talfahrt der Börsen gilt für Experten als größter Faktor einer möglichen neuen Krise. Die Großbanken warnen: Der Markt tritt in eine Phase einer hohen Volatilität ein, die Weltwirtschaft kann bereits 2020 in einen Abgrund stürzen.

    Was ist passiert?

    Warum begann an den US-Börsen der Ausverkauf? Der Markt wurde von Nachrichten über einen möglichen EU-Austritt Italiens sowie vom Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi im saudi-arabischen Konsulat in der Türkei erschüttert.

    Der Hauptgrund sind aber die Befürchtungen der Investoren wegen des Wachstums der Zinssätze in den USA und die Zuspitzung der Handelsbeziehungen zwischen Washington und Peking. Die Verschärfung der Fed-Politik (der Leitzins wurde in diesem Jahr dreimal angehoben) führte zum Anstieg der Hypothekensätze und folgend den zurückgegangenen Zahlen der Immobilienkäufe. Die Handelskriege bremsten die chinesische Wirtschaft.

    Analysten warnen: Die Zinssätze werden weiter steigen, was durch die Inflation gefördert wird. Laut Einschätzung von Wirtschaftsexperten der Yale University beginnt jetzt im Inflationszyklus der USA eine Wachstumsphase, darunter wegen der sich zuspitzenden Widersprüche im Handelsbereich. Das heißt, dass der Leitzins auch weiter steigen wird.

    Zinssätze und Handelsprotektionismus

    Dass die Verschärfung der Geld- und Kreditpolitik der USA ein Antrieb für eine neue Krise sein wird, darauf wurde früher von einer der größten Investmentbanken der USA Bank of America Merill Lynch hingewiesen. Das gesamte Jahr verkaufen Investoren Papiere der sich bildenden Märkte. Der Grund ist das Wachstum der Zinssätze der Fed, was ein Erstarken des Dollars fördert.

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    Die protektionistische Politik Washingtons wird als eine weitere Bedrohung für die globale Finanzstabilität betrachtet. Die Handelskriege schaden dem internationalen Handel enorm, weil sie sich auf die Preise und die Zugänglichkeit der Produkte in den Lieferketten auswirken, was die globale Wirtschaft stark trifft.

    Besonders stark leide unter diesen Bedingungen der globale Lebensmittelmarkt, so Experten des Internationalen Forschungszentrums für Entwicklung der Lebensmittelpolitik IFPRI. Wie die Forscher in ihrem jüngsten Bericht betonten, untergraben die Handelskriege die wichtigsten Grundlagen der Lebensmittelsicherheit – das Vorhandensein von Lebensmitteln, deren Zugang zu den Märkten und stabile Lieferungen.

    „Die Einschränkungen werden im Ergebnis zum Anstieg der Verbraucherpreise führen und den Zugang zu den Märkten für Hersteller in den Entwicklungsländern erschweren, was zusätzlichen Druck auf die Lebensmittelsicherheit bedeuten wird“, hieß es in IFPRI.

    Der US-Wirtschaftsexperte und Investmentbanker James Richards äußerte, dass das jetzige rasante Wachstum der Wirtschaft der USA und europäischer Länder einen großen Börsenkrach  wie im Jahr 1929 auslösen könne. Dann wäre eine lange Rezession in der ganzen Welt unvermeidlich.

    Gerade diese Befürchtungen werden von Experten als einer der Hauptgründe für die Talfahrt auf den Märkten im Oktober bezeichnet.

    „Die Besorgnisse, dass die US-Wirtschaft am Rande einer Überhitzung ist, führten zum Wachstum der Einträglichkeit der Staatsanleihen und lösten eine starke Welle von Volatilität auf dem Börsenmarkt aus“, so „The Wall Street Journal“.

    Das Schlimmste kommt noch

    Wie allerdings JP Morgan Chase meint, steht ein wahrer Crash auf dem US-Börsenmarkt noch bevor. Der Markt wird wegen zahlreicher Index-, Börsen- und anderer passiv gesteuerter Fonds einbrechen. Derzeit entfallen bis zu 80 Prozent aller Aktiva auf passiv gesteuerte Aktiva, während ihr Anteil vor der Krise 2008 nur 30 Prozent ausmachte.

    Goldman Sachs schätzte bereits den Einfluss einer Reihe von Talfahrten auf den Fondsmarkt ein. Laut der Investmentbank wird der Ausverkauf andauern, die Aktienwerte werden im vierten Quartal um weitere zehn Prozent nach unten gehen, die Wirtschaft wird zum zweiten Quartal 2019 rund 0,75 Prozent des BIP verlieren.

    Laut Goldman Sachs wird Fed zum Ende 2019 den Leitzins weitere fünf Mal anheben, was doppelt so viel ist, wie der Markt derzeit erwartet.

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    Wie geht es weiter?

    Laut JP Morgan Chase könnte es 2020 zu einer globalen Krise kommen, der eine Reihe von Abstürzen der US-Indexe vorausgehen wird. Analysten der Bank zufolge stürzte der Index S&P500 bei der globalen Krise 2007-2008 um 54 Prozent im Vergleich zu den Höchstwerten ein.

    Obwohl die Entwicklungsländer in der Regel als erste von negativen globalen Prozessen betroffen werden, zeigte eine jüngste Harvard-Studie, dass die Wirtschaften dieser Länder nicht so ungeschützt gegen äußere Erschütterungen sind.

    Die Staaten mit einer großen Schuldenlast haben es geschafft, die Tilgung der Verpflichtungen um weitere Jahrzehnte zu verschieben. Zudem wurden die Entwicklungsländer mit einem hohen Default-Risiko resistenter in Bezug auf die Verschärfung der Geld- und Kreditpolitik wegen der Kürzung des Handels- und Haushaltsdefizits.

    Damit würde eine Krise in einer einzelnen Wirtschaft, selbst so einer großen wie die amerikanische, keine unkontrollierbare Kettenreaktion mehr auslösen. Staatsbankrotte werden weniger umfassend, mehr isoliert sein und nicht zu systemischen Folgen wie in der Vergangenheit führen.

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    Tags:
    Crash, Krise, Entwicklung, Kredit, Handel, Investitionen, Markt, Börsen, Lehman Brothers, JP Morgan, S&P, USA