04:14 11 Dezember 2018
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    Produktion von Röhren für Pipeline Nord Stream 2 im Ural (Archivbild)

    Die Schlacht um Europas Gasmarkt

    © Sputnik / Sergej Gunejew
    Wirtschaft
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    Natalia Pawlowa
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    Wie Europa zum Spielplatz verschiedener Weltkräfte wird, die um die Gaslieferungen nach Europa kämpfen, erläutern Diplom-Ingenieur Oleg Nikiforow und Diplom-Journalist Gunter Hackemesser in ihrem bei Springer erschienenen Sachbuch „Die Schlacht um Europas Gasmarkt“. Über seine wichtigen Aspekte sprach Nikiforow mit Sputnik.

    Laut den Autoren spielt heute Erdgas als wichtigster Energieträger für viele Länder der Welt eine herausragende Rolle. Es bietet eine gute Ergänzung zur Anwendung alternativer Energien. Die moderne Wirtschaft und die Bevölkerung können auf  diese Energiequelle nicht verzichten — in der nahen wie langfristigen Perspektive. Nach Angaben der International Energy Agency (IEA) lag in den europäischen OECD-Ländern 2016 der Gasverbrauch bei 51,5 Mrd. Kubikmetern und wuchs damit im Vergleich zu 2015 um 6,8 Prozent.

    Im Interview mit Sputnik berichtete Oleg Nikiforow, dass im Buch Folgendes bestätigt werde: unter Berücksichtigung des Übergangs Deutschlands zu alternativen Energiequellen, der nach Experteneinschätzungen mehrere Jahrzehnte dauern wird, können Kohle und Atomkraft durch umweltfreundlicheres Erdgas ersetzt werden.  

    Anders als viele Politiker und Experten ist Nikiforow der Meinung, dass Europa nicht vom russischen Erdgas abhängig sei. Es gebe aktive Lieferungen von Erdgas aus Algerien und von Flüssiggas aus Katar nach Südeuropa. Russland ergänze seinerseits diese Lieferungen, welche größtenteils auf Mittel- und Nordeuropa entfallen.

    „Heute steigen neue Gasproduzenten, unter anderem aus dem Kaspischen Raum und aus Afrika, in den Weltmarkt ein. Das ist zum Beispiel Nigeria, das sowohl Festland- als auch Unterwasser-Gaspipelines nach Europa verlegen möchte. Dazu haben wir jetzt noch Flüssigerdgas (LNG – Liquefied Natural Gas). Das heißt, dass der Energiemarkt global wird, was auch Konkurrenz zur Folge hat. Unter diesen Bedingungen ist amerikanisches LNG, von dem so viel gesprochen wird, für Europa nicht wettbewerbsfähig. Selbst wenn es zum politischen Verbot für russische Erdgaslieferungen nach Europa kommen würde, würden die USA mit katarischem Gas konkurrieren müssen, weil letzteres billiger ist und seine Transportwege kürzer sind als die aus den USA“, ergänzte Nikiforow.

    Ein anderes Thema ist die Entwicklung der russischen Gasindustrie, beginnend mit Gazprom, sowie die Entstehung von privaten LNG-Produzenten wie Gazproms Konkurrent NOVATEK:

    „Novatek liefert bereits LNG nach Europa und, obwohl das im Buch nicht beschrieben wird, der Energiekonzern errichtet schon ein Flüssiggas-Terminal in Deutschland. Novatek hat mit Flüssiggas-Lieferungen aus Jamal über die Ostsee begonnen, unter anderem auch nach Europa. Im Buch werden Zahlen genannt, die bestätigen, dass diese Lieferungen noch wachsen werden.“

    Es geht nicht nur um den wirtschaftlichen Aspekt. „Gerade die Fragen der Energieversorgung berühren heute mehr als gestern die Problematik der politischen Sicherheit und der Kräfteverhältnisse in der Welt“, heißt es im Buch. Als Beispiele werden der Ukraine-Konflikt und der Krieg in Syrien angeführt.

    Das große Kapitel „Ukrainische Sackgasse“ ist den Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine gewidmet. Ob der Gastransit durch die Ukraine nach Beendigung des Vertrags mit Naftogaz beibehalten wird, hängt davon ab, welche Bedingungen die Ukraine Gazprom anbietet. „Allerdings wird weder Nord Stream 1 noch Nord Stream 2 den Ukraine-Transit stilllegen“, meint Nikiforow. 

    Interessant ist auch eine neu veröffentlichte Analyse dessen, wie die Skripal-Affäre die russischen Gaslieferungen nach Großbritannien über Rohrleitungen in den Niederlanden und Belgien beeinflusst. Die Autoren kommen zum Schluss, dass die Affäre diese Lieferungen nicht beeinträchtigt habe. Außerdem schreiben sie über die Gründe des Syrien-Krieges. Es gibt eine Version, die vom bedeutenden amerikanischen Journalisten John Fitzgerald Kennedy als grundlegend bezeichnet wurde. Ursprünglich soll Katar den Bau einer Pipeline zum Mittelmeer durch Syrien geplant haben, um Erdgas nach Europa zu liefern. Nachdem der syrische Präsident Baschar al-Assad dem Projekt nicht zugestimmt hatte, sei der Bürgerkrieg ausgebrochen.  

    „Die Welt ist also vielfältiger, als sie es zu sein scheint, und die Europäer sind von Gazprom nicht so stark abhängig. Europa hängt auch von Lieferungen anderer russischer Gasproduzenten, von Lieferungen aus Afrika und den möglichen Lieferungen aus Israel ab, da es dort auch große Gasvorräte gibt. Nur die Instabilität im Nahen Osten steht israelischen Gaslieferungen nach Europa bisher im Wege“, schlussfolgert Nikiforow. 

    Das Buch „Die Schlacht um Europas Gasmarkt“ erschien in gedruckter und elektronischer Form. Die Präsentation des Buches findet im Dezember dieses Jahres im Russischen Haus in der Friedrichstraße in Berlin statt.

    Diplom-Ingenieur Oleg Nikiforow studierte an der Moskauer Hochschule für Energie, publiziert in diversen Wirtschaftszeitungen und arbeitete für die Gesellschaft für Außenhandelsinformationen (GfAI).

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    Tags:
    Energiemarkt, Flüssiggas, LNG, Gaslieferungen, Rohstoffe, Gaspipeline, Nord Stream 2, EU, Gazprom, John F. Kennedy, Europa, Deutschland, USA, Russland