20:30 16 Dezember 2018
SNA Radio
    Bau der Turkish Stream - Pipeline

    Gastransit: Wo Bulgarien profitiert und Mazedonien in die Röhre schaut

    © Foto : Gazprom
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    31183

    Gleichzeitig mit dem Abschluss der Verlegung des Meeresabschnitts der Gaspipeline Turkish Stream klärt sich nun auch die Frage, über welche Routen Gas durch diese Pipeline an die europäischen Verbraucher fließen wird, schreibt das russische Internetportal fondsk.ru.

    Gazprom will 2020 Gas nach Bulgarien und Serbien, 2021 nach Ungarn und in der zweiten Hälfte 2022 in die Slowakei pumpen. Der bulgarische Pipeline-Betreiber Bulgartransgas will im Dezember eine Ausschreibung um die künftigen Kapazitäten der Gasleitung beim Einspeisen ins bulgarische System aus der Türkei und beim Ausgang nach Serbien ausloben.

    Die Idee für den Bau von Turkish Stream entstand Ende 2014, als Bulgarien unter Druck Brüssels und Washingtons auf das South-Stream-Vorhaben verzichtete (obwohl bereits Röhren geliefert wurden). Zur selben Zeit stieg Bulgarien ebenfalls aus einigen gewinnbringenden Projekten mit Russland aus, darunter zum Bau des AKW in Belen. Bulgarien musste damals wegen der Verletzung des Vertrags knapp 600 Millionen Euro an Rosatom zahlen.

    Obwohl mit Turkish Stream ein Ersatz für South Stream gefunden wurde, stellt sich nach wie vor die Frage nach den Routen der russischen Gaslieferungen auf den Balkan und weiter nach Ungarn und Österreich. Es lag auf der Hand, dass Mazedonien eine Alternative für Bulgarien sein könnte. Die Regierung mit Premierminister Nikola Gruevski an der Spitze reagierte positiv auf die Möglichkeit, Geld zu verdienen. Doch dann bekam auch Mazedonien Probleme. Am 9. Mai 2015 drang in Kumanovo, die inoffizielle „Hauptstadt“ der albanischen Minderheit in Mazedonien, eine Terroristengruppe ein, die überwiegend aus Einwohnern des benachbarten Kosovo und Mitgliedern der UÇK (Befreiungsarmee des Kosovo) bestand.

    Bei Zusammenstößen kamen acht mazedonische Polizisten ums Leben, weitere 37 wurden verletzt.  Eine Woche später brach in Skopje ein Aufstand aus, bei dem Gruevski gestürzt werden sollte. Hinter dem Sturzversuch standen Albaner und die Sozialdemokratische Liga mit Zoran Zaev an der Spitze. Bereits am 27. Mai musste Gruevski erklären, dass Mazedonien ein Land sei, das den Anschluss an die euroatlantische Gemeinschaft sucht und sich bei strategischen Beschlüssen nach diesem Ziel richtet. Zudem hob er hervor, dass das Land in den kommenden zehn Jahren keine Probleme bei der Gasversorgung haben werde.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Griechenland will Verlängerung von Turkish Stream bis zu seinem Territorium<<<

    Dennoch ging es nicht um die Deckung des inländischen Bedarfs, sondern um mögliche Transitgelder. Für ein kleines Land mit einem BIP von zehn Milliarden Dollar und Exporteinnahmen in Höhe von drei Milliarden würden 200 Millionen Dollar Transitgelder zusätzliche zwei Prozent zum BIP und sieben bis acht Prozent zu den Einnahmen aus dem Außenhandel bedeuten (es könnte auch zusätzliche Präferenzen wie einen privilegierten Zugang zum russischen Markt, Investitionen u.a. geben).

    Gruevski konnte sich trotz seines Bekenntnisses zum euroatlantischen Raum jedoch nicht im Amt halten. Nach einem üblichen Szenario für Staatsstreiche wurde eine Vereinbarung zwischen der Regierung und der Opposition geschlossen. Gruevski musste zurücktreten. Es wurde eine Interimsregierung gebildet. Nach einem Jahr wurde Zoran Zaev mit Unterstützung der Albaner zum Premier ernannt. Er nahm gleich Kurs in Richtung Westen, führte ein Referendum über die Umbenennung des Landes durch (ohne das Referendum ist die Zustimmung des benachbarten Griechenlands zum Nato-Beitritt Mazedoniens nicht zu bekommen). So wurde der Plan für die Verlegung der Pipeline Turkish Stream durch Mazedonien untergraben.

    In der Zwischenzeit änderte sich aber die Position Bulgariens. Im Frühjahr 2018 reisten Bulgariens Präsident Rumen Radew und Premier Bojko Borissow nach Moskau. Danach verkündete Russlands Präsident Wladimir Putin, dass die Verhandlungen mit der bulgarischen Seite mit ziemlich guten Ergebnissen endeten. Sofia und Moskau drückten ihr Bedauern wegen des Ausstiegs Bulgariens aus dem South-Stream-Projekt aus. Zudem wurde über eine mögliche Suche nach einer Formel zum Anschluss Bulgariens an die russischen Gaslieferungen nach Europa gesprochen.

    Bulgarische Medien titelten: „Putin hat uns verziehen“, „Turkish Stream biegt um nach Bulgarien“. Doch der Sprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, räumte ein, dass es de facto keine Vereinbarungen über Gaslieferungen via Turkish Stream nach Bulgarien gibt, dafür aber den Wunsch Bulgariens, eine Abzweigung des russischen Rohres zu bekommen. Zudem gibt es viele Fragen – woher, durch welchen Strang, durch welche Länder russisches Gas nach Europa fließen wird. „Wie bereits früher, behauptet Moskau weiterhin, dass die Umsetzung dieses Projektes ohne bestimmte Garantien seitens der EU-Kommission und Bulgariens unmöglich ist.“

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Welche Folgen hat Start von Turkish Stream? – Meinung aus Ukraine<<<

    Die notwendigen Garantien sollen nun erhalten worden sein. Dabei liegen die Vorteile der bulgarischen Variante auf der Hand – die Infrastruktur ist bereits vorhanden, über die Gas aus Russland über die Ukraine und Rumänien jetzt in die Türkei fließt. Nach einigen kleinen Nachbesserungen könnte die Pipeline im Reverse-Format funktionieren – aus der Türkei zurück nach Bulgarien. Optionen des weiteren Gasexports in die benachbarten europäischen Länder wurden bereits bei Besprechung des South-Stream-Projekts detailliert durchgearbeitet. Zudem muss Gazprom nicht auf eigene Kosten eine Pipeline auf dem Territorium der europäischen Länder bauen.

    Was das AKW Belen betreffe, habe Bulgarien jetzt zwei Reaktoren (im AKW Kosloduj) und eine Plattform für ein neues AKW, so der bulgarische Premier. Medien berichteten am 25. Oktober unter Berufung auf den Energieminister Bulgariens, dass bis zum Jahresende eine neue Ausschreibung für den Bau des AKW Belen angekündigt wird. Es ist wohl klar, auf wen die Bedingungen dieser Ausschreibung gerichtet sein werden, da sich Rosatom mit diesem Projekt befasst hatte. Russische Spezialisten haben bereits einen Teil der Arbeit absolviert. Ein Teil der Reaktoranlagen wurde bereits geliefert. Für diese Anlagen hat Bulgarien schon gezahlt, in Form von Vertragsstrafen. Für die Anlagen eines anderen Auftragnehmers hätte man das Projekt komplett umschreiben müssen.

    Die Vorteile für Bulgarien wären noch größer, hätte es nicht auf South Stream verzichtet. Doch lieber spät als nie. Dass die Vorteile der Hinwendung zur EU oftmals trügerisch sind, begriff selbst ein prowestlicher Politiker wie Boiko Borissow. Für Mazedonien ist alles vorbei. Moskau hat kein Interesse mehr an der Umsetzung des Transit-Projekts, das die Wirtschaft des kleinen Mazedoniens wiederbeleben könnte.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Gastransit, Projekt, Gaslieferung, AKW, Turkish Stream, Gazprom, EU, Dmitri Peskow, Wladimir Putin, Zoran Zaev, Ungarn, Mazedonien, Serbien, Bulgarien, Türkei