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04:07 22 Juli 2019
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    Gas (Symbolbild)

    Ukraine zahlt drauf für russisches Erdgas aus der EU

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    Wirtschaft
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    Armin Siebert
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    Die Ukraine zahlt mehr für russisches Erdgas als Deutschland. Die Ukraine weigert sich, Gas direkt aus Russland zu beziehen und kauft stattdessen russisches Gas mit Aufschlag aus der EU zurück. Die neuen Höchstpreise für das Gas führen zu drastischen Preiserhöhungen für die Verbraucher in der Ukraine.

    Der Preis, den die Ukraine für den Import von Erdgas zahlt, hat ein neues Allzeit-Hoch erreicht. Im November kostete die Ukraine der Import von 1000 Kubikmetern Erdgas 339 US-Dollar, wie das Ministerium für Wirtschaftsentwicklung der Ukraine mitteilte. Im September 2018 hatte der Preis noch rund 300 Dollar betragen. Zum Vergleich: Deutschland bezahlt geschätzt 250 US-Dollar für 1000 Kubikmeter russisches Erdgas; Weißrussland gar nur 129 Dollar.

    Der Preis für die Gas-Unabhängigkeit

    Die Ukraine hat den direkten Gasimport aus Russland aus politischen Gründen im November 2015 eingestellt.  Seitdem importiert das Land Gas aus EU-Ländern, vor allem aus den Nachbarstaaten Slowakei, Polen, Ungarn und Österreich. Dabei handelt es sich größtenteils auch um russisches Erdgas, das aber, nachdem es in die EU geliefert wurde, über die sogenannte Reverse-Flow-Technologie, bei der Gas entgegen der Fließrichtung zurückgepumpt wird, zu einem höheren Wiederverkaufspreis an die Ukraine zurückgeliefert wird. Die Ukraine möchte mit dieser Maßnahme eine größere Unabhängigkeit von Russland erreichen – allerdings zu einem höheren Preis.

    Die Europäische Union hatte der Ukraine nach Ausbruch des Konflikts mit Russland 2014 die Methode des „Reverse Flows“ vorgeschlagen und aktiv gefördert. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung stellte Kiew 300 Millionen Dollar für Reverse-Gaskäufe bereit. Experten zufolge zahlte Naftogaz, der ukrainische Gas-Monopolist, allein von Ende 2015 bis Ende 2017 eine bis 1,5 Milliarden Dollar mehr für Gas aus der EU im Vergleich zu den Direktpreisen aus Russland.

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    Umgehung der Ukraine als Gas-Transit?

    Hintergrund des Gasstreits zwischen Russland und der Ukraine ist nicht nur die politische Eskalation seit 2014. Es geht auch um handfeste wirtschaftliche Interessen. Die Ukraine ist noch immer das wichtigste Transitland für die Lieferung russischen Erdgases nach Europa. Auch wenn die Ukraine für den Eigenbedarf  im Moment kein Erdgas direkt aus Russland importiert, sorgt es über die drei noch zu Zeiten der Sowjetunion gebauten Pipelines "Union", "Brüderlichkeit" und "Transbalkan" noch immer für den Transport von jährlich  93,5 Milliarden Kubikmetern Gas in die EU. Dies bringt dem klammen Land Transitgebühren von jährlich etwa zwei Milliarden Dollar. Der Transitvertrag zwischen Russland und der Ukraine läuft allerdings 2020 aus. Die beiden Vertragspartner Naftogaz für die Ukraine und Gazprom für Russland sind außerdem hochverstritten und überziehen sich vor dem Stockholmer Schiedsgericht gegenseitig mit Klagen. Auch hier geht es um Gasliefer- und Transitverträge.

    Die Ukraine befürchtet, dass Russland durch den Ausbau von Alternativrouten die Ukraine zukünftig als Transitland umgehen könnte. Die russische Pipeline Nordstream liefert seit 2011 bereits 55 Milliarden Kubikmetern Gas über die Ostsee nach Europa. Mit Nord Stream 2 kommt Ende 2019 eine weitere Ostsee-Leitung unter Umgehung der Ukraine mit einer Kapazität von ebenfalls 55 Milliarden Kubikmetern Gas hinzu.

    Erfolgreiche Lobbyarbeit

    Die ukrainische Regierung betreibt mit Unterstützung Polens und der Baltischen Staaten vehement Lobbyarbeit in der EU und in den USA gegen die neue russische Pipeline. Mit Erfolg. Die USA haben Sanktionen gegen Nord Stream 2 angedroht. Bundeskanzlerin Merkel versprach, sich für eine Verpflichtung Russlands einzusetzen, nach Inbetriebnahme von Nord Stream 2 auch weiterhin die Ukraine als Transitland für russisches Erdgas zu nutzen. Die russische Seite macht dies von der Wirtschaftlichkeit abhängig. Die weitere Nutzung der maroden ukrainischen Leitungen trotz moderner Alternativen wie Nord Stream 2 oder Turk Stream dürfte wenig attraktiv sein für den russischen Gas-Monopolisten Gazprom.

    Allerdings gehen Experten von einem erhöhten Gasbedarf Europas in den nächsten Jahren aus, so dass auch der ukrainische Transit noch einige Jahre genutzt werden dürfte. Gleichzeitig soll der EU-Gasimport weiter „diversifiziert“ werden, unter anderem durch den verstärkten Einkauf von Flüssiggas aus Übersee. Die USA als größter Produzent von Schiefergas möchte diese Lücke gern füllen und hat 2017 in einem Gesetz Sanktionen gegen Nord Stream 2 angekündigt und den verstärkten Import amerikanischen Flüssiggases in die EU gefordert.

    Der höhere Gaspreis kommt beim Verbraucher an

    Die ukrainische Regierung hat zum 1. November 2018 die Gaspreise für die Verbraucher in der Ukraine um 23,5 Prozent angehoben. Entsprechend stiegen auch die Heizungspreise für die Bevölkerung in der Hauptstadt Kiew zum meteorologischen Winterbeginn am 1. Dezember um 32 Prozent. Die Erhöhung der Gaspreise war eine der Hauptbedingungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) für die Gewährung eines neuen Milliardenkredits an die Ukraine. Ursprünglich hatte der IWF sogar eine Erhöhung der Gaspreise um 60 Prozent gefordert.

    Die Verbraucherpreise für Gas hatten sich in der Ukraine bereits zwischen 2014 und 2016 verdoppelt bei gleichzeitig sinkenden Löhnen. Dies führt zunehmend zu Unzufriedenheit in der Bevölkerung.

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    Tags:
    Alternative, Preis, Erdgas, Import, Nord Stream 2, IWF, EU, Polen, Russland, Ukraine