10:37 18 Juni 2019
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    Einfahrt in die Stadt Davos

    Wirbel um Weltwirtschafts-Forum in Davos: Russland wird nun doch teilnehmen

    © REUTERS / Arnd Wiegmann
    Wirtschaft
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    Alexander Boos
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    Fast wäre es beim „Weltwirtschafts-Forum“ in der Schweiz zu einem Eklat gekommen: Russland wurde zunächst ausgeladen. „Die russische Delegation darf jetzt doch teilnehmen“, erklärt die Chefin der Schweizer-Russischen Handelskammer im Sputnik-Interview. Seit Jahren setzt sich ihre Organisation für Kooperation „auf Augenhöhe“ beider Länder ein.

    Am Dienstag beginnt in Davos das 49. Weltwirtschaftsforum. Das „World Economic Forum“ (WEF) lockt alljährlich die Welt-Elite aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft ins Schweizer Kanton Graubünden. Der abgeschiedene Ort Davos in den Alpen eigne sich hervorragend für Gespräche und Konsultationen, so Medien.

    „Nirgendwo sonst kommen so viele Führungspersönlichkeiten und Bosse auf so engem Raum zusammen wie in der Abgeschiedenheit der Schweizer Alpen“, berichtet der österreichische „Standard“ zum diesjährigen WEF. „Davos, das ist die Gala der selbsternannten globalen Elite.“ Doch, warum sollte dann zunächst die Delegation Russlands draußen bleiben?

    Nach Medwedews Intervention: Russland darf teilnehmen

    „Dieses Jahr war es so, dass Klaus Schwab (der Gründer des WEF, Anm. d. Red.) die Russen zunächst ausgeladen hatte“, erklärte Béatrice Lombard-Martin, Gründerin und Leiterin der Schweizer-Russischen Handelskammer „Swiss Russian Forum“ mit Sitz in Zürich, im Sputnik-Interview. Von der Ausladung betroffen waren die russischen Geschäftsleute Oleg Deripaska, Viktor Wekselberg sowie Andrej Kostin, Chef der zweitgrößten russischen Bank VTB.

    Die Organisation des Wirtschafts-Treffen „hatte vor allem die Milliardäre Deripaska und Wekselberg ausgeladen, die sich eben zum Teil hier in der Schweiz niedergelassen haben“, so die Schweizerin. „Die investieren hier auch in die reale Wirtschaft und betreiben nicht nur Handel. Die wurden ausgeladen und aufgrund dessen hatte dann Medwedew (der russische Ministerpräsident, Anm. d. Red.) verkündet, dass die Russen nicht kommen. Es wäre das erste Mal gewesen, dass Russland nicht teilnimmt. Dann hatte Klaus Schwab seine Meinung geändert und die Russen wieder eingeladen.“

    Grund für den Wirbel: Die US-Sanktionen gegen Russland

    Zum Hintergrund: „Wegen der US-amerikanischen Sanktionen galten drei russische Stammgäste beim diesjährigen WEF zunächst als unerwünscht.“ Das meldete das „Handelsblatt“ am Sonntag. „Dass sie nicht eingeladen wurden, zog den Unmut des Kremls auf sich. Russland drohte mit einem Boykott des WEF.“ Kurz darauf konnte doch noch eine Einigung erzielt werden: Die Russen dürfen teilnehmen – allerdings unter Auflagen.

    „Die Geschäftsleute sind nun angemeldet, sie kommen wie immer und unser ‚Russian House‘ wird wie immer durchgeführt“, zeigte sich Lombard-Martin erfreut.

    „Russisches Haus“ in Davos: „Unsere Tür ist geöffnet“

    Das „Russian House“ öffne alljährlich anlässlich des WEF in Davos seine Pforten und werde gemeinsam mit dem russischen Kongress-Veranstalter „Roscongress“ organisiert. Auch beim aktuellen Weltwirtschafts-Forum biete das Haus bis zum Ende der Woche ein umfangreiches Programm an.

    „Im ‚Russischen Haus‘ finden zahlreiche Veranstaltungen statt. Es gibt Runde Tische, kleine Konferenzen, ähnlich wie das auch beim WEF in Sankt Petersburg organisiert wird. Wir sind offizieller Partner von Roscongress, praktisch dessen Schweizer Ableger, wir unterstützen all ihre Anliegen hier und arbeiten zusammen.“

    Russland: „Großer Markt für die Schweiz“

    Das „Russische Haus“ in Davos wäre ohne das „Swiss Russian Forum“ undenkbar. „Diese Organisation habe ich ins Leben gerufen und 2006 gegründet“, erklärte die Leiterin. Sie habe als Stiftung und Nicht-Regierungs-Organisation (NGO) das Ziel, „sich für den Wissens-Transfer zwischen der Schweiz und Russland einzusetzen.“ Vor allem auf den Gebieten Finanzen und Recht, Technologie, Gesundheit sowie Politik und Gesellschaft. „Wir bieten unter anderem Seminare für russische Anwälte an“, nannte sie als Beispiel für ihre Arbeit.

    Die Russische Föderation „war und ist ein sehr großer Markt, auch für die Schweiz. Da die Schweiz nicht in der EU ist, muss man sich halt bilateral einigen.“ Die Zusammenarbeit erfolge auf Augenhöhe. „Wir haben auch den wissenschaftlichen Austausch bemüht in sehr vielen Gebieten. Zusätzlich wurden wir im Jahr 2016 zur offiziellen Handelskammer Schweiz-Russland. Man kann von allem profitieren: Vom Wissen, vom Netzwerk, von Kontakten, von Erfahrungen. Wir sehen uns wirklich als Brücke zwischen beiden Ländern.“

    Im Gesundheitsbereich exportiere die Schweiz sehr viele Pharma-Produkte nach Russland. Auch die Schweizer Maschinenbauer würden fleißig gen Osten liefern. „Wir exportieren auch viele Uhren aus der Schweiz nach Russland.“ Der Import von Russland in die Schweiz allerdings sei noch ausbaufähig und habe noch viel Potenzial zur Entwicklung.

    „Suworow-Preis“ zeichnet Innovationen aus

    Das „Swiss Russian Forum“ engagiere sich noch in vielen anderen Bereichen. So verleihe die Organisation seit 2010 den „Suworow-Preis“ an Teilnehmer aus der Schweiz und Russland für „marktfähige Innovationen“. „Wir hatten zunächst Universitäten zusammengeführt, darunter auch die ETH Zürich und die ETH Lausanne und diesen Preis für Start-Ups entwickelt.“ Die Auszeichnung werde seitdem jährlich in Russland vergeben. Zuletzt geschah dies im Oktober 2018 in Moskau, in der Kongress-Halle der Russischen Industrie- und Handelskammer.

    Der Preis ist benannt nach dem russischen General Alexander Suworow, der 1799 mit seinen Truppen im berühmten Alpenfeldzug im „Zweiten Koalitionskrieg“ gegen Napoleon den Gotthardpass überquerte. Suworow habe in der Schweiz und in Russland „einen sehr guten Namen. Wir haben das Suworow-Denkmal auf dem Gotthard. Er ist ein Brückenbauer.“

    Seit Jahren organisiert das „Swiss Russian Forum“ die sogenannten „Matrioschka-Gespräche“. „Wir hatten 2014 diese Gespräche begonnen aufgrund der Sanktionen und der Isolation, die aufgekommen ist, indem man Russland von verschiedenen Linien, auch finanziell, abgehängt hat.“ Diese seien wertvoll für einen offenen Dialog und zur Netzwerkpflege der russisch-schweizerischen Wirtschaftskontakte.

    Das Radio-Interview mit Béatrice Lombard-Martin („Swiss Russian Forum“) zum Nachhören:

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    Tags:
    Weltwirtschaft, Banken, Gipfel, NGO, Weltwirtschaftsforum (WEF) im Schweizer Ski-Ort Davos, Davos-Forum, Suworow, Oleg Deripaska, Dmitri Medwedew, Viktor Wekselberg, Davos, Russland, Schweiz