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    Rohre für Nord Stream 2

    US-Widerstand gegen die Pipeline, was steckt dahinter? Sputnik fragt Experten

    © Foto: Nord Stream 2 / Wolfram Scheible
    Wirtschaft
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    Die USA verschärfen den Ton gegen Nord Stream 2 und drohen nun auch deutschen Firmen. Sputnik fragt Experten und Politiker in der EU und in Übersee, was Amerika an dem Pipeline-Projekt so stört. Die Befragten sind fast einhellig: Den Staaten gehe es nur darum, Europa fester an sich zu binden – als Absatzmarkt und als politisches Einflussgebiet.

    Der deutsche Politologe Erhard Crome bezeichnete im Sputnik-Gespräch die jüngste Warnung des US-Botschafters in Deutschland, Richard Grenell, an verschiedene deutsche und europäische Firmen, die an der Realisierung des „Nord Stream 2“-Pipeline-Projekts beteiligt sind, als eine „offene Drohung“.

    Laut Crome „heucheln“ die USA nur Sorge um die Energieunabhängigkeit der EU und um die Transiteinnahmen der Ukraine.

    „Tatsächlich geht es ihnen um den Absatz US-amerikanischen Flüssiggases, das sie auf Grund der rabiaten und umweltfeindlichen Fördermethoden nunmehr in Mengen in den Weltmarkt drücken wollen. Bis 2025 wollen die USA mindestens fünfzig Prozent des europäischen Gasmarktes beherrschen. Das erreichen sie aber nicht, ohne Russland von einem erheblichen Teil dieses Marktes zu vertreiben.“

    Patrick Basham vom Washingtoner Thinkthank Democracy Institute sagte, die USA wollten verhindern, dass Russland durch eine erfolgreiche Umsetzung dieses Projekts Einflusshebel in Europa und insbesondere in Deutschland bekomme.

    Es handle sich um einen großen wirtschaftlichen Einfluss, der sich irgendwann, so fürchte es Amerika, zu einem politischen Einfluss auswachsen könnte, sagte der Experte. Die Folge davon könnte sein, dass es etwa Deutschland in einem hypothetischen Streit zwischen den USA und Russland schwerer fallen würde, die amerikanischen Interessen zu unterstützen, sagte Basham. Er glaube nicht, dass Amerikas Opposition gegen das Pipelineprojekt sich als wirksam erweisen werde.

    Dennoch würden die USA ihre Blockadepolitik gegen das Projekt fortsetzen, vor allem um Moskau Widerstand in Europa zu leisten, und könnten sogar zu Sanktionen greifen.

    Neben dem Absatz amerikanischen Flüssiggases in Europa verfolgen die USA laut Pierre-Emmanuel Thomann vom Forschungszentrum Eurocontinent das Ziel, eine geopolitische Annäherung zwischen Westeuropa und Russland zu verhindern. „Eine energetische Partnerschaft zwischen Westeuropa und Russland war für die USA schon immer ein Problem. Noch im Kalten Krieg waren die Amerikaner gegen Handelsbeziehungen zwischen Westeuropa und Russland, insbesondere gegen das  Erdgas-Röhren-Geschäft.“

    Ihm pflichtet der britische politische Kolumnist Marcus Godwyn bei: Nord Stream 2 sei ein „Albtraum für US-Eliten“. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts hätten die USA die Bolschewiki finanziert, um zu verhindern, dass Russland und Deutschland sich verbünden oder auf irgendeine Weise miteinander zusammenarbeiten. „Ich halte es sogar für möglich, dass (die USA – Red.) versuchen könnten, die Pipeline physisch zu sabotieren. Russland muss darauf gefasst sein.“

    Der polnische Experte Konrad Rękas äußerte, dass Amerikas Blockadehaltung gegen die Pipeline nicht so gegen Russland wie gegen Europa gerichtet sei: „Washington kämpft gegen alles an, was Europa unabhängig von den USA machen kann.“

    Damit erklärten sich der US-Druck gegen eine engere Energiezusammenarbeit Europas mit Russland, gegen eine Kooperation mit dem Iran und der Kampf gegen die neue Seidenstraße aus China. „Denn: Je stärker Europa, desto schwächer das US-Diktat und weniger Chancen, den Europäern teures US-Gas aufzubinden und ihnen ‚Schutzgeld‘ abzuverlangen.“

    Bau der Nord Stream 2 - Pipeline
    © Foto : Nord Stream 2 / Paul Langrock
    Der französische Europaabgeordnete Nicolas Bay (Rassemblement National) warnte die USA, „ihr Exterritorialitäts-Recht zu missbrauchen, um die Europäer amerikanisches Schiefergas kaufen zu lassen, statt des billigeren umweltsichereren russischen.“ Laut Bay gibt die EU diesem Druck systematisch nach.

    Francis Perrin, Energieexperte der französischen Denkfabrik IRIS, lobte seinerseits die deutsche Regierung, die dem US-Druck trotze: „Angela Merkel stellte nur eine politische Bedingung: Deutschland wird Nord Stream 2 nicht behindern, wenn die russische Regierung diese Pipeline nicht dafür nutze, um den russischen Gastransit durch die Ukraine zu stoppen.“

    Der frühere tschechische Botschafter in Russland und der Ukraine, Jaroslav Bašta, glaubt, dass das Projekt nicht mehr über den Haufen geworfen werden könne. „Zuviel hat man schon darin investiert.“ Zugleich warnt Bašta vor einem Handelskrieg mit den USA. „Die USA führen schon einen Handelskrieg gegen China und die Russische Föderation“, sagte der Ex-Diplomat. Nun scheine Europa dran zu sein.

    Der italienische Politikwissenschaftler Graziani Tiberio urteilte, dass die USA sich gegen das Pipelineprojekt stemmen, um Europa politisch und wirtschaftlich noch enger an sich zu binden. „Die Vereinigten Staaten nehmen jede Gelegenheit wahr, um Europa zu zersplittern, es schwächer zu machen und zu zwingen, wieder Schutz bei seinem Verbündeten, den USA, zu suchen.“ Ziel Nummer zwei sei es, Europa amerikanisches Schiefergas zu verkaufen. Russland hingegen sei an einem starken Europa als Wirtschaftspartner interessiert, ihrerseits brauche die europäische Wirtschaft russische Rohstoffe.

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    Nord Stream 2, Gazprom, Deutschland, Russland