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    Nächster Schritt: Wird Russland Gas nach Europa in Rubel verkaufen?

    © Sputnik / Wladimir Astapkowitsch
    Wirtschaft
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    Alexander Sobko
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    Gazproms Gasverkauf auf einer elektronischen Handelsplattform ist ein viel diskutiertes Thema in russischen und internationalen Branchenzeitschriften. Warum zieht diese Initiative so viel Aufmerksamkeit auf sich?

    Bekannt ist, dass der größte Teil des russischen Gasverkaufs nach Europa auf langfristige Verträge mit Ölpreisanbindung entfällt. Das bereits seit vielen Jahren bestehende Verkaufssystem passte bis vor kurzem allen. Doch vor einigen Jahren entstanden in Europa Gashandelsbörsen. Die europäischen Importeure wollen nun, dass die Preisbildung auf der Basis der Preise auf diesen Plattformen erfolgt. Selbst in aktuellen Verträgen wurden Änderungen vorgenommen (es gibt Elemente mit der Anbindung an die Börsenpreise). Doch am wichtigsten ist, dass die jetzigen langfristigen Verträge allmählich ablaufen, obwohl sich dieser Prozess über mehr als zehn Jahre in die Länge ziehen wird. Neue Verträge wollen die Importeure dann unter neuen Bedingungen abschließen. Das ist bereits mit Norwegen geschehen – nun liefert Norwegen Gas an die EU mit Preisanbindung an die Gasbörsen im nordwestlichen Europa.

    Doch in diesem Fall stellt sich die Frage: Warum soll das zu liefernde Gas nur auf der Plattform des Käufers und nicht des Verkäufers gehandelt werden? Der Anteil des russischen Pipeline-Gases liegt beim europäischen Verbrauch bereits bei mehr als 35 Prozent. Dazu braucht Russland eine eigene Handelsplattform oder noch besser — eine Gasbörse.

    Man kann nicht sagen, dass in dieser Richtung keine Schritte unternommen wurden. So gab es in Russland vor einigen Jahren Börsen-Gashandel auf dem Binnenmarkt, wo der Handelsanteil einige Prozent vom russischen Gesamtverbrauch ausmacht. Es wurden nicht direkt solche Ziele gesetzt, doch es wurde angenommen, dass die Entwicklung dieser Plattform mittelfristig auch den Verkauf  auf äußere Märkte vorsehen wird.

    Doch nach einigen Jahren Handel wurde klar, dass es noch ein weiter Weg bis zur Anwendung auf dem Außenmarkt ist. Bislang sind nicht alle Probleme des inneren Gashandels gelöst. Für die Anwendung auf den internationalen Markt ist auch die Zulassung anderer Rohstoffhersteller zum Export, die Lösung der Frage der Berechnung der Exportgebühren u.a. erforderlich.

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    Zudem bleibt die Frage des Preisdumpings im Wettbewerb zwischen den russischen Herstellern offen. Mit anderen Worten: Die Nutzung der aktuellen Gasbörse für den Export ist eine Frage in ferner Zukunft.

    Zugleich soll die Schaffung einer eigenen Börse bzw. Plattform für Exportverkäufe nicht auf die lange Bank geschoben werden.

    Seit September des Vorjahres verkauft Gazprom einen Teil des Gases nach Europa über einen neuen Kanal – über die eigene elektronische Handelsplattform.

    Seitdem wurden mehr als zwei Milliarden Kubikmeter verkauft, der Verkaufsumsatz wächst schnell. Am 18. Januar wurden 72 Millionen Kubikmeter verkauft, was im Jahresausdruck 26 Mrd. Kubikmeter (13 Prozent der Exportmenge) ausmacht. Allerdings sind die Verkaufszahlen am darauf folgenden Tag stark gesunken – so lange Gazprom die Bestellungen gemäß den langfristigen Verträgen komplett deckt, hängt die Gasnachfrage von der elektronischen Plattform stark vom Wetter ab. Zugleich mehren sich die Varianten zu den Lieferfristen. Während die ersten Ausschreibungen für „dieses bzw. nächstes Quartal“ erfolgten, sind Verkäufe nun auch kurzfristig möglich – für den nächsten Tag, binnen einer Woche bzw. Monat.

    Die Gaslieferungen erfolgen über verschiedene europäische Gashubs bzw. Gashandelszonen. Bislang gab Gazprom keine Preisindikatoren bekannt. Das ist verständlich, weil die Liefermengen nicht groß  und die Fristen verschieden sind. Allerdings werden die statistischen Angaben über die Verkaufsmenge regelmäßig auf der Webseite der Firma Gazprom Export veröffentlicht.

    Die Entstehung der neuen Handelsplattform zog bereits große Aufmerksamkeit auf sich. Die Agentur Platts, die täglich über Neuigkeiten in der internationalen Gasindustrie berichtet, veröffentlicht regelmäßig Nachrichten über die Ausschreibungen auf der elektronischen Gazprom-Handelsplattform.

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    Diese Plattform könnte eine gute Lösung zur Schaffung eines eigenen Gashandelssystems werden. Denn die Ausschreibungen unterscheiden sich kaum  vom Börsenhandel, auf der Angebotsseite gibt es nur einen Akteur. Doch das Fehlen von anderen Akteuren seitens der Verkäufer wird durch den Einfluss äußerer Preisindikatoren (Preise der europäischen Gasbörsen bzw. Hubs) kompensiert, nach denen sich Gazprom bei der Erstellung des Angebots richten muss.

    So waren die Preise Anfang Herbst in den europäischen Hubs deutlich höher als die in Verträgen mit Ölpreisanbindung. Im Ergebnis wählten die Käufer die größten Mengen nach langfristigen Verträgen, zusätzliche Mengen wurden auf den elektronischen Handelsplattformen beschafft, wo die Preise höher als bei den langfristigen Verträgen, jedoch niedriger als die europäischen Börsenpreise waren.

    In der nächsten Zeit kann die Situation anders aussehen – die Spotpreise in Europa werden niedriger als die Gaspreise nach den Verträgen mit Ölpreisbindung sein. In diesem Fall werden die Kunden weniger an Verträge gebundene Gasmengen besorgen (die Mindestmenge nach dem Take-or-pay-Format liegt bei rund 80 Prozent von der gesamten Vertragsmenge) und den Rest auf der neuen Plattform erwerben, wo die Preise niedriger sind.

    Natürlich agiert Gazprom bereits seit langem auch auf den europäischen Gasbörsen und Hubs (durch eine eigene Trading-Einheit) mit eigenem und fremdem Gas. Doch wozu soll der gesamte Rohstoff auf fremden Börsen verkauft werden, wenn man einen Teil über die eigene Handelsplattform verkaufen kann.

    Damit ist angesichts des Verschwindens der Ölpreisanbindung bei Gas und der Entstehung von Preisindikatoren auf Grundlage der Gasbörsen die Schaffung einer eigenen Handelsplattform in Russland eine wichtige Aufgabe für Russland als größten Gaslieferanten für Europa.

    Dennoch muss verstanden werden, dass wir erst am Anfang dieses Weges stehen. Wir haben noch zehn bis 15 Jahre. Die alten Verträge werden langsam und schrittweise ablaufen. Auch der Prozess der Entstehung eines eigenen Gasverkaufssystems wird nicht rasch verlaufen, Europa brauchte dafür mehr als zehn Jahre. Mittelfristig kann man auch vom Verkauf des Rohstoffs in Rubel träumen (jetzt erfolgt der Handel auf elektronischen Plattformen in Euro), also die Schaffung eines vollwertigen russischen Börsenhandels mit Lieferungen nach Europa und Zahlungsverkehr in Rubel.

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    Tags:
    Wettbewerb, Preis, Handel, Pipeline, Verkauf, Gas, Gazprom, Russland