23:47 24 April 2019
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    Bau der TAP-Pipeline in Griechenland (Archiv)

    Flüssiggas-Terminals und TAP – wie die EU Russland vom Gasmarkt verdrängen will

    © Foto: Trans Adriatic Pipeline AG, all rights reserved
    Wirtschaft
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    Armin Siebert
    2126201

    Während sich der Streit um die russische Gas-Pipeline Nord Stream 2 zuspitzt, arbeitet die EU bereits an Alternativen, um den Marktanteil Russlands in Europa zu verringern. Neben dem massiven Ausbau von Flüssiggas-Terminals lässt die EU auch eine eigene neue Pipeline bauen.

    Gerade erlebt Europa ein letztes konzertiertes Aufbäumen aller Gegner der russischen Gas-Pipeline Nord Stream 2. Seit Monaten betreiben die baltischen Staaten und Polen Lobbyarbeit gegen die Pipeline. Die USA haben Sanktionen gegen das Projekt erlassen und drohen regelmäßig mit deren Anwendung auf europäische Firmen. Zuletzt wurde Frankreich bearbeitet, in der EU gegen das Projekt zu stimmen.

    Kann Russland Europa den Gashahn zudrehen?

    Offiziell geht es den Kritikern darum, eine zu große Abhängigkeit von russischem Gas zu verhindern, um nicht zu riskieren, dass der Kreml aus politischen Gründen eines Tages den Gashahn zudrehen könnte, was allerdings in fünfzig Jahren noch nie passiert ist und in erster Linie Moskau politisch und wirtschaftlich schaden würde. Davon abgesehen ist der Gasmarkt in Europa inzwischen bereits so diversifiziert und durch Gasspeicher abgesichert, dass selbst bei einem Stopp aus Russland noch für Monate genug Gas vorhanden wäre beziehungsweise man schnell auf eine erhöhte  Versorgung mit Flüssiggas aus Überseetankern oder mit einer Erhöhung der Kapazität der anderen nach Europa führenden Gasleitungen, zum Beispiel aus Nordafrika, umschalten könnte.

    Flüssiggas-Terminals – erstes Problem gelöst

    Tatsächlich dürfte es den USA vor allem um einen erhöhten Export des eigenen Flüssiggases nach Europa gehen. In den letzten Jahren haben sich die Vereinigten Staaten dank der preiswerten, aber extrem umweltschädlichen Fördermethode „Fracking“ zum größten Gasproduzenten der Welt entwickelt. Diese Überkapazitäten will man nun auf beständiger Basis an den zahlungskräftigen europäischen Markt verhökern. Dafür braucht es erstens die nötige Infrastruktur und zweitens einen kaufwilligen Markt. Das erste Problem haben die USA bereits zum großen Teil gelöst: Die EU hat inzwischen mehr als ein Dutzend Flüssiggas-Terminals bauen lassen, die allerdings bisher größtenteils leer stehen.  Auch Deutschland hat sich als eine Art Ablasshandel für die enge Bindung an russisches Gas verpflichtet, im Zeichen der Diversifizierung, den Bau von Flüssiggas-Terminals in Deutschland zu fördern.

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    Zweites Problem – den Preis erhöhen

    Das zweite Problem — der kaufwillige Markt — ist schwieriger zu lösen, da russisches Pipeline-Erdgas auf absehbare Zeit billiger sein wird als amerikanisches Fracking-Gas. Übrigens ist russisches Erdgas auch bedeutend umweltfreundlicher in der Förderung und im Transport. Das Fracking-Gas muss in riesigen Spezialtankern über die Ozeane nach Europa gebracht werden. Das russische Gas strömt durch störungssichere Rohre am Grund der Ostsee.

    Nachdem also die Politik durch die Förderung des Baus von Flüssiggas-Terminals bereits zugunsten der USA in den Markt eingegriffen hat, wird nun versucht, den Konkurrenten Russland politisch aus dem Markt zu drängen oder zumindest die Rentabilität und damit den Preis russischen Gases durch Auflagen und Behinderungen in die Höhe zu treiben. Das widerspricht sowohl der Verpflichtung der Politik gegenüber den Bürgern, die die höheren Gaspreise zahlen müssten, als auch den liberalen Marktgesetzen, die sonst so gepriesen werden.

    TAP – noch nie gehört?

    Da selbst der EU klar ist, dass man erstens nicht ganz auf russisches Erdgas verzichten können wird und zweitens aber auch amerikanisches Fracking-Gas den europäischen Gasbedarf nicht vollständig decken kann, setzt die EU zunehmend auf eigene Zuliefer-Pipelines. So wird seit ein paar Jahren quasi unter dem Radar der Öffentlichkeit die „Transadriatische Pipeline (TAP)“ gebaut. Davon haben Sie noch nie gehört? Das ist erstaunlich, denn hierbei handelt es sich, bei Kosten von knapp vier Milliarden Euro, um das derzeit größte Infrastrukturprojekt Europas. Aber tatsächlich, es wird kaum darüber berichtet. Die Transadriatische Pipeline, kurz TAP soll auf 870 Kilometern von der türkischen Grenze aus durch Griechenland und Albanien verlaufen und in Süditalien an das italienische Gasnetz angeschlossen werden. Sie wird jährlich bis zu zehn Milliarden Kubikmeter Erdgas transportieren. Die TAP gehört zum Südlichen Gaskorridor, der das Schah-Denis-2-Gasfeld in Aserbaidschan an die Türkei und Europa anbinden soll.

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    Wo bleibt der Aufschrei der Grünen?

    Allein im europäischen Teil führt die Strecke durch insgesamt 19.060 Grundstücke von rund 45.000 Landbesitzern. Die Bauern in Albanien und Griechenland, die vom Anbau von Mais oder Soja leben, fürchten um ihre Existenz. Wo bleibt hier der Aufschrei von Nabu (Naturschutzbund Deutschland) & Co, die gegen Nord Stream 2, das am Ostseeboden niemanden stört, sogar klagen wollten?

    Lupenreine Demokratie vs. Putin-Pipeline

    Die TAP-AG, der Betreiber der Pipeline wird von europäischen Energiekonzernen und der staatlichen Energiegesellschaft Aserbaidschans finanziert. Die Europäische Investitionsbank und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung haben das Projekt mit Krediten in Höhe von 700 Millionen Euro unterstützt, die höchste Kreditsumme, die je in Europa gezahlt wurde. Auch darüber berichtet kaum jemand.

    Mehr als zwei Drittel der Röhren sind bereits im Boden. Anfang 2020 soll Gas durch die Rohre fließen. Es ist also ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Nord Stream 2.

    Bei diesem großen europäischen Projekt wird es sicher keine lästigen Diskussionen über Umweltschutz, politische Einflussnahme oder wirtschaftliche Dominanz geben wie bei der „Putin-Pipeline“ Nord Stream 2.

    Und mit Aserbaidschan hat die EU auch im Gegensatz zu Russland eine „lupenreine Demokratie“ als Partner gefunden.

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    Tags:
    Pipelinebau, LNG-Terminal, Lobbyismus, Abhängigkeit, Nord Stream 2, TAP-Pipeline, EU, Europa, Polen, USA, Russland