18:08 18 Februar 2019
SNA Radio
    Röhre für die Nord Stream 2-Pipeline in Deutschland (Archiv)

    Energiesicherheitsexperte: Deutschland konnte seine nationalen Interessen verteidigen

    © Foto: Nord Stream 2
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    Nikolaj Jolkin
    8705

    Der Experte für Energiesicherheit Matthias Dornfeldt ist der Meinung, dass die Kompromissfindung zur russisch-europäischen Erdgaspipeline Nord Stream 2 für Deutschland und seine Partner gut verlaufen ist, um die EU-Gasdirektive bezüglich der Trennung von Transport und Produktion von Erdgas abzuschwächen.

    Im Sputnik-Interview sagte Dornfeldt, dass das Land, wo die entsprechende Pipeline-Infrastruktur im Falle von Nord Stream 2 anlande – und das sei Deutschland – das nationale Recht gelte und Russland Verhandlungen mit dem Herkunftsstaat der Pipeline führe. „Es ist klar, dass Deutschland die bisherige Position beibehalten wird.“

    Auch für Dornfeldt ist die Meinungsänderung der Franzosen, um dieses Projekt bei der Abstimmung während der rumänischen EU-Ratspräsidentschaft zu blockieren, etwas überraschend gekommen –  „wobei man auch sagen muss, so überraschend ist es vielleicht doch nicht, wenn man sich das genau anschaut. Denn Frankreich hatte sich doch in der Vergangenheit etwas zurückgehalten, obwohl es seit der Zeit der Sowjetunion über viele Jahre lang vom russischen Gas auch ein Importeur war und ist und von den niedrigen Preisen profitiert.“

    >>>Mehr zum Thema: Deutschland wird zum wichtigsten Gas-Hub für Europa<<<

    Der Experte glaubt aber, dass Frankreich aus zwei Gründen seine Anti-Nord-Stream-Position einnahm. „Zum einen, hat Macron versucht, sich den mittel-osteuropäischen Staaten wie dem Baltikum und der Visegrad-Gruppe anzunähern, nachdem einer seiner Vorgänger, Jacques Chirac, in Bezug auf die Mittel-Osteuropäer eine deutlich negative Sprache verwendete. Jetzt sucht Macron den Ausgleich.“

    Zum anderen sei die jetzige Lösung für Frankreich, die durch französische, deutsche, rumänische und EU-Diplomaten ausgehandelt wurde, vorteilhaft, „denn Frankreich kann das Gleiche jetzt mit der geplanten Pipeline, die aus Norwegen in Frankreich anlandet, machen. Es ist auch ein sogenannter Drittstaat. Und so gibt es Frankreich die Möglichkeit, die neu gefassten Kriterien umzusetzen.“

    Strategischer Sieg Angela Merkels?

    Man könne davon sprechen, ist sich Dornfeldt sicher, „auch wenn es nicht immer so deutlich rüberkam. So wie die SPD und andere Akteure in Deutschland hat Merkel das Projekt größtenteils unterstützt. Dabei hat sie klargemacht, dass das Projekt zur Diversifizierung der europäischen Energieversorgung dient.“

    Denn es sei günstiges russisches Gas, so der Energiesicherheitsexperte, das auf den Markt komme. „Glauben Sie mir, wenn Sie eine Firma in Ludwigshafen wie die BASF haben, die einen Energiebedarf wie das Königreich Dänemark mit knapp sechs Millionen Einwohnern hat, dann brauchen Sie eine günstige, sichere und langfristige Energieversorgung, also preiswertes Erdgas. Das ist bei dem russischen Gas über Nord Stream 2 ohne Frage gegeben.“

    Angela Merkel habe aber auch klargemacht, fährt Dornfeldt fort, „dass es nach wie vor auch einen Energietransit durch die Ukraine geben sollte. Wie es ausschaut, wird das russische Erdgas auch in Zukunft über das Territorium der Ukraine Richtung Europa weiter fließen. Das hatte eine Verhandlungsdiplomatie mit dem Wirtschaftsminister Altmaier im vergangenen Jahr zwischen Putin und Poroschenko ergeben.“

    Außerdem habe die Bundeskanzlerin klargemacht, so der Experte, „dass wir in Deutschland einen Ausbau der Energieinfrastruktur brauchen, ob da jemand das um 20 Prozent teurere amerikanische Gas kauft oder nicht, das ist eine andere Frage, aber gibt es zumindest die Infrastruktur, dass man das diversifizieren kann. Dadurch hat Merkel auch alle Argumente der Gegner entkräftet. Wir als Deutsche können schon unsere Energiepolitik selbst bestimmen, natürlich in Abstimmung mit den europäischen Partnern, aber wir haben auch unsere nationalen Interessen.“

    Dornfeldt regt an:

    „Zwar ist es ein privatwirtschaftliches Projekt, ohne Frage, denn die beteiligten Firmen bezahlen entsprechend die Infrastruktur, aber für Angela Merkel ist es ganz klar, dass sie in Bezug auf die Realisierung des Projektes keine Konzessionen macht. Die Verlegung der Pipeline ist schon vorangeschritten. Die deutsche Firma Uniper hat hier schon 600 Millionen Euro investiert. Die anderen Projektpartner, wie beispielsweise die russische Gazprom haben auch schon hohe Beträge in das Projekt fließen lassen.“

    Bei der Energieversorgung einer der größten Volkswirtschaften in der Welt, Deutschland, brauche man diese Versorgung durch Nord Stream, urteilt der Energiesicherheitsexperte. „Und da hat sich Merkel, deutlich durchgesetzt und bei dem Projekt ganz erheblich die Interessen Berlins vertreten. Und mit diesem Kompromiss sollte man in allen Hauptstädten der Europäischen Union zufrieden sein.“

    Nord Stream wurde schon genehmigt, und insofern sei das eine ganz klare Sache, fügt Dornfeldt hinzu, dass die Pipeline genauso umgesetzt werde, wie andere Projekte, die geplant seien, wie Turkstream Richtung Türkei und später Südosteuropa. „Dafür hat man schon die Fundamente gelegt. Bei Nord Stream steht allerdings die dänische Genehmigung noch aus, ob man jetzt die ursprünglich geplante Strecke um Bornholm beibehalten kann, oder ob man eine andere Strecke wählen muss, wird noch zu entscheiden sein.“

    Die Frage sei auch, so der Experte, „wie die Amerikaner vorgehen. Drei US-amerikanische Botschafter in Deutschland, Dänemark und bei der EU haben sich unlängst nochmal deutlich gegen das Projekt ausgesprochen. Ich glaube, dass von Seiten der US-Politik der Druck auf das Erdgasleitungsprojekt hoch bleiben wird. Nichtsdestotrotz wird Nord Stream 2 implementiert.“

    Das komplette Interview mit Matthias Dornfeldt zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Energie, Pipeline, Gaslieferung, Handel, Turkish Stream, Nord Stream 2, EU, Gazprom, Emmanuel Macron, Angela Merkel, Baltikum, Ostsee, Deutschland, USA, Frankreich, Russland