21:59 06 Dezember 2019
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    Handelshafen in Kalinigrad (Archiv)

    Trotz Sanktionen: Darum importieren EU, Ukraine und USA wieder mehr aus Russland

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    Wirtschaft
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    Nach Angaben des russischen Zollamtes ist der Handelsumsatz mit Ländern, die die Russland-Sanktionen befürworten, deutlich gewachsen. Westliche Analysten räumen ein, dass Washington und seine Verbündeten bei den Versuchen, Russland bei seinem Außenhandel Steine in den Weg zu legen, gescheitert sind.

    Sanktionen als Hilfe

    Analysten stellen fest, dass die Sanktionen Moskau geholfen haben, seinen Außenhandel auszubauen. Nach Angaben des Föderalen Zolldienstes sind im vorigen Jahr sowohl der Handelsumsatz als auch der positive Saldo gewachsen (um jeweils 17 und 62 Prozent).

    Besonders positiv entwickelt sich der Handel mit den Ländern, die von den USA dem Sanktionsdruck ausgesetzt worden sind. So ist der Umsatz mit der Türkei um 15 Prozent gewachsen, der Import aus dem Iran hat um knapp 36 Prozent zugelegt (der Export in die Islamische Republik ging um acht Prozent zurück, und deshalb ist der Umsatz im Allgemeinen nur unwesentlich größer geworden). Mit Kuba, dessen Beziehungen mit der Trump-Administration von Tag zu Tag schlimmer werden, legte Russlands Handel binnen eines Jahres um ein Drittel zu.

    Besonders beeindruckend ist die Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen mit China: ein Handelswachstum um 30 Prozent (nach 21 Prozent 2017). „Russland hat einen positiven Saldo mit China in Höhe von 11,1 Milliarden Dollar“, stellte der US-amerikanische Analyst Tom Luongo fest. „Vielleicht müsste Donald Trump Putin fragen, wie ihm das gelingt?“

    In Wahrheit ist die Antwort offensichtlich: Die von Washington entfesselten Handels- und Sanktionskriege gegen die meisten Länder der Welt zwingen sie quasi zur Entwicklung des gegenseitigen Handels. Und vor allem geht es um den Handel mit Russland, einem der größten Rohstofflieferanten weltweit.

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    Auf Öl, Gas und Kohle entfallen mehr als 60 Prozent des russischen Exports. Es gibt aber wichtige Nuancen: Der Rohstoffverkauf ins Ausland wuchs im vergangenen Jahr nur um drei Prozent, denn Russland konnte als Teilnehmer des so genannten „OPEC+“-Abkommens seine Ölförderung nicht wesentlich aufstocken.

    „Man kann sagen, dass der Zuwachs eher gering ist: Knapp 500.000 Barrel pro Tag, aber die einfachste Arithmetik gibt uns eine andere Vorstellung“, so Experte Luongo. „Da Erdöl im Durchschnitt 60 Dollar pro Barrel kostet, müssen wir 500.000 Barrel mit 60 und dann noch mit 30 (Tagen) multiplizieren – also wächst der Exporterlös um fast eine Milliarde Dollar monatlich.“

    Der Gasexport ist nur etwas mehr gewachsen: um 3,7 Prozent (um 27 Prozent im Geldausdruck). Er ist aber jedenfalls durch die Kapazitäten der funktionierenden Pipelines beschränkt. Also ließe sich ein richtiger Durchbruch auf diesem Gebiet erst im kommenden Jahr erwarten, wenn die Leitungen „Kraft Sibiriens“, „Nord Stream 2“ und „Turkish Stream“ in Betrieb genommen werden. Dafür hat der LNG-Export um 50 Prozent (um 67 Prozent im Geldausdruck) zugelegt.

    Allerdings habe Russlands Handelsbilanz seit November „einen Rekordstand erreicht“, so Tom Luongo weiter. Aktuell liegen sie bei etwa fünf Milliarden Dollar, „und das kann nicht nur aus dem Öl- und Gasexport resultieren“.

    Eine wichtige Rolle spielte ein weiterer Energieträger, nämlich die Steinkohle: plus neun Prozent in Tonnen und plus 26 Prozent im Geldausdruck. Hinzu kommt der Export von Agrarprodukten, vor allem der Weizenexport (Wachstum um 33 Prozent in Tonnen und um 45,5 Prozent im Geldausdruck).

    Russlands weitere wichtige Exportartikel sind und bleiben Chemikalien, Düngemittel und Holz – und sogar Personenfahrzeuge (Exportwachstum um zehn Prozent).

    Schmerzende Abhängigkeit

    Handelshafen, Hamburg (Archiv)
    © AFP 2019 / Daniel Bockwoldt / dpa
    Besonders auffallend ist, dass Russlands Handelsumsatz nicht zuletzt mit Ländern zugelegt hat, die die antirussischen Restriktionen unterstützen. Mit den USA erreichte der Zuwachs acht Prozent (auf 25 Milliarden Dollar). Der Export wuchs dabei um 17,8 Prozent, der Import um nur 0,5 Prozent.

    Dabei hat der Zolldienst vorerst keine Angaben zur Exportstruktur veröffentlicht. Vermutlich lässt sich der Exportzuwachs über den Großen Teich auf LNG-Lieferungen zurückführen. Laut dem russischen Außenministerium hatten die Amerikaner mindestens vier Tankschiffe mit Flüssiggas von der Jamal-Halbinsel gekauft, um die anomale Kälte zu überstehen.

    Mit der Europäischen Union ist Russlands Handelsumsatz um 19,3 Prozent gewachsen – auf knapp 295 Milliarden Dollar. Dabei legte sein Export um 28,3 Prozent auf 205 Milliarden Dollar zu, während der Import lediglich um 2,7 Prozent anstieg und mehr als 89 Milliarden Dollar betrug.

    Trotz des ständigen Geredes von der Senkung der Abhängigkeit von Russland im Energiebereich kaufen die Europäer immer mehr Öl- bzw. Ölprodukte, Erdgas und Kohle in Russland. Vor allem gilt das für Moskaus größte Kritiker wie Polen und die Niederlande.

    Aber der absolute „Spitzenreiter“ ist die Ukraine, deren Handelsumsatz mit dem „Aggressor“ um 16,6 Prozent auf 15 Milliarden Dollar gewachsen ist, darunter der Import um 20 Prozent auf 9,5 Milliarden Dollar. Hinzu kommt der russische Brennstoff, den Kiew in Weißrussland kauft, was der Minister für „provisorisch okkupierte Territorien“, Georgi Tuka, im Januar einräumte.

    „Wir haben kein Öl – ist das etwa ein Militärgeheimnis? Nein. Wir müssen es kaufen, und zwar viel. Den Brennstoff, den das ganze Land braucht, kaufen wir in Weißrussland, das ihn natürlich aus russischem Öl produziert – aber das ist nützlich für uns“, sagte der Beamte in einem Interview für den Fernsehsender „112 Ukraina“.

    Gleichzeitig verwies er darauf, dass es für Kiew aus wirtschaftlicher Sicht absolut ungünstig sei, Öl aus Europa zu importieren. „Die Alternative wäre für uns, europäisches Öl zu kaufen. Aber den Preis für den europäischen Brennstoff können wir nicht verkraften“, resümierte Tuka.

    „Russland ist und bleibt ein wichtiger Handelspartner der Ukraine, wobei unser Land von Russland in vielen Hinsichten abhängt“, stellte das Mitglied der Nationalen Akademie der Agrarwissenschaften der Ukraine, Pawel Gaiduzki, fest.

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    Nach seinen Worten kaufte die Ukraine in Russland im vorigen Jahr Erz, Öl und Ölprodukte. Noch kauft Kiew bei dem „Aggressor“ Schwarzmetalle bzw. Erzeugnisse daraus, Glas bzw. Glasprodukte, Kautschuk, diverse Arten von Plastik, Düngemittel, Salz, Schwefel usw.

    „Die Hälfte des Imports aus Russland entfällt auf Mineralprodukte, außerdem 22 Prozent auf Chemikalien“, führte das Akademiemitglied an. „Russland ist und bleibt der wichtigste Lieferant von Energieressourcen für die Ukraine: Sein Anteil an der Lieferung von Ölprodukten liegt bei 37 Prozent, an den Kohlelieferungen bei 66 Prozent.“

    Während Kiew bereits Ende 2015 auf russisches Erdgas verzichtet hatte, wird es hinsichtlich anderer Energieträger noch jahrelang auf Moskau angewiesen bleiben. „Die ukrainischen Häfen sind einfach nicht in der Lage, so viel Kohle zu empfangen, die für die normale Arbeit unserer Industrie nötig ist“, erläuterte Gaiduzki. „Aber der Hauptgrund ist, dass die beste und auch günstigste Kohle – Anthrazit – in Russland hergestellt wird, und das ist ein gewichtiges Argument.“ 

    Rubel und Yuan
    © Sputnik / Alexander Demyanchuk
    Eine weitere russische Ware, die für die Ukraine lebenswichtig ist, ist der Kernbrennstoff. Kiew hatte noch in den 1990er-Jahren verkündet, dass seine Kernkraftwerke lieber mit dem Brennstoff des amerikanisch-japanischen Konzerns Westinghouse betrieben werden sollten. Aber vorerst wurden nur sechs der insgesamt 16 Meiler entsprechend umgebaut.

    Deshalb hat der ukrainische Konzern „Energoatom“ 2018 seinen Vertrag mit dem russischen Kernbrennstoffkreislauf-Unternehmen TVEL wieder verlängert – vorerst bis 2025. „Leider werden wir noch mindestens fünf Jahre – oder noch länger – von TVEL abhängen“, konstatierte der Direktor für Sonderprojekte des ukrainischen Forschungszentrums „Psichea“, Gennadi Rjabzew.

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    Tags:
    Öl, Abhängigkeit, LNG, Handel, Wachstum, Sanktionen, Kraft Sibiriens, Nord Stream 2, OPEC, EU, Ukraine, Europa, China, Russland