12:37 17 Juni 2019
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    US-LNG-Tanker Independence beim Hafen in Litauen (Archiv)

    Rohrkrepierer: Litauen und Polen als europäischer Hub für US-Flüssiggas

    © AFP 2019 / PETRAS MALUKAS
    Wirtschaft
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    Litauen will laut Außenminister Linas Linkevičius das Tor für Lieferungen von US-Flüssiggas (LNG) auf den europäischen Energiemarkt werden. Der Außenminister teilte das im litauischen Radiosender Žiniu radijas mit.

    Wird Litauen als europäische Verteilerstation für US-Flüssiggas Polen herausfordern oder werden die beiden Länder ihre Kräfte bündeln, um gemeinsam den europäischen Energiemarkt zu erobern? Sputnik sprach mit dem Chefredakteur der Fachzeitschrift „Geoenergetika.ru“, Boris Marzinkewitsch, über die Aussichten Polens und Litauens bei den Flüssiggas-Lieferungen nach Europa und die Zukunft der beiden Länder in der Gasindustrie.

    Flüssiggas ist teurer

    Was würde passieren, wenn der Wunsch Litauens und Polens in Erfüllung ginge, zum größten Exporteur für Flüssiggas in Europa aufzusteigen? Welches Land wird das Tor für US-Flüssiggas nach Europa?

    Es liegt auf der Hand, dass US-Flüssiggas teurer sein wird, weil es nach einer anderen Technologie gefördert wird. Es ist ursprünglich kostspieliger. Um zur Pforte für US-Flüssiggaslieferungen nach Europa zu werden, sollte man auch etwas vorweisen können. Litauen ist jetzt über Gaspipelines mit Estland und Lettland verbunden. Sonst mit niemandem. Es hat noch eine Verbindung nach Weißrussland, die Pipeline Minsk-Vilnius, die Gazprom gehört. Gazprom wird kaum fremdes Flüssiggas aufnehmen. Estland und Lettland weigerten sich, Gas zu kaufen, nachdem Litauen 2014 einseitig den trilateralen Vertrag verletzt hatte.

    Keines der beiden Länder hat vor, teures Gas zu kaufen, um Litauen einen Gefallen zu tun. (2009 wurde ein dreiseitiges Abkommen zwischen Lettland, Litauen und Estland über die Verortung des Terminals in Lettland, näher zum unterirdischen Gasspeicher, unterzeichnet, das von Litauen einseitig verletzt wurde – Anm.d.Red). Die Idee, Ländern, mit denen die Beziehungen ohnehin schlecht sind, teures Gas anzubieten, wird fehlschlagen. Lettland und Estland kaufen deutlich billigeres Gas bei Gazprom. Wohin verflüssigtes Erdgas vom litauischen Terminal “Independence” am Hafen Klaipeda weiter fließen soll, ist unklar, vielleicht nur noch nach Litauen.

    Gibt es immer eine Chance?

    Welche Chancen hat Polen? Kann es diese Idee übernehmen und sie umsetzen?

    Bei Polen ist es dasselbe. Wohin führen die Gaspipelines aus Polen? Nirgendwohin. Es gibt eine Pipeline, die aus der Ukraine kommt, durch die Transitgas aus Russland strömt. Vielleicht wird es geschafft, US-Flüssiggas der Ukraine aufzudrängen. Doch dann stellt sich die Frage, ob dies wirklich ein lohnendes Geschäft ist. Eine weitere Pipeline in Polen ist die „Jamal — Europa“. Sie verläuft aus Russland via Weißrussland und Polen nach Deutschland. Polen besitzt diese Pipeline zusammen mit Gazprom. Gazprom wird durch sie kaum fremdes teures Gas fließen lassen. Deswegen ist auch unklar, welche Pforte Polen sein will.

    Polen hat auch ein LNG-Terminal in Świnoujście. Was geschieht damit?

    Das Terminal in Świnoujście ist mit dem polnischen Gasverteilungsnetz verbunden. Dort gibt es keine Gaspipelines mehr. Die Röhren führen von dort zum Chemiekombinat im nahegelegenen Stettin.  Mit diesem Gas werden mehrere Stromkraftwerke in Polen versorgt, doch sie führen nirgendwo sonst hin. Um ein Tor für einen Markt zu werden, sollte man über deutlich längere Verbindungen verfügen.

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    Alles außer Russland

    Für Gazprom ist es demnach egal, an wen es Gas liefert, während Litauen und Polen mit Verlusten rechnen können, um kein russisches Gas zu nutzen. Stimmt das?

    Das stimmt. Theoretisch hat die EU-Kommission Pläne, Litauen und Polen mit einer Interconnector-Pipeline zu verbinden, nachdem die Baltic Pipe fertig gebaut ist, wenn es überhaupt dazu kommt. Diese Pipeline hätte weiter in den Norden, nach Litauen, via sowjetische Rohrsysteme nach Estland und dann nach Finnland führen sollen. Dort wird jetzt eine 83 Kilometer lange Doppel-Pipeline Baltic Interconnector gebaut. Doch ob Finnland dann dieses Gas kaufen will und ob eine Verbindung zwischen Świnoujście und der Baltic Pipe umgesetzt wird? Die Situation ist absolut unklar.

    Gazproms Lieferungen an die europäischen Länder beliefen sich 2018 auf mehr als 200 Mrd. Kubikmeter. Der Tanker, der am Hafen Klaipeda steht, kann vier Mrd. Kubikmeter pro Jahr fassen. Wenn er also irgendwie am europäischen Markt auftaucht, werden es zwei Prozent der Liefermenge von Gazprom sein. Doch das wird erst möglich, wenn das Netz fertiggestellt wird, das das Terminal in Klaipeda mit dem EU-Gasmarkt verbinden soll.

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    Zur Freude Litauens

    Es geht also gar nicht darum, dass Litauen bzw. Polen zum Anführer bei der Verteilung des Flüssiggases in Europa aufsteigen können, oder?

    Um etwas zu verteilen, sollte man über Verbindungen mit diesem Markt verfügen. Im Fall Gas muss man Pipelines verlegen. Es gibt sie nicht. Vielleicht werden sie in Zukunft gebaut. Sie brauchen neue Pipelines. Wenn es Geld für sie gibt, um anschließend zwei bis drei Mrd. Kubikmeter Gas pro Jahr zu pumpen, sollte man viel Glück bei der Suche nach Abnehmern wünschen, die Gas kaufen wollen, das um 30 bis 40 Prozent teurer als russisches Gas ist.

    Kann man in diesem Fall über ein gemeinsames polnisch-litauisches Projekt sprechen, um zumindest irgendeinen Ausweg aus der entstandenen Situation zu finden?

    Sie können zwischen den beiden Ländern eine Gaspipeline verlegen. Als die Pipeline zur Gasspeicherung in Klaipeda gebaut wurde, übernahm Litauen die finanziellen Verpflichtungen in Höhe von 200 Mio. Euro (Pipeline-Länge – ca. 180 Kilometer). Woher soll Litauen das Geld für die Umsetzung dieses Projektes nehmen? Wird sich die neue Pipeline überhaupt rentieren? Das ist unklar. Dazu muss es stabile Partner für langfristige Verträge geben. Die Pipeline kann die Investitionen nur rechtfertigen, wenn sie genutzt wird. Doch dazu braucht man Abnehmer, die damit einverstanden sind, deutlich teureres Gas als russisches Gas zu kaufen. Ob es in Europa solche Länder gibt, die zur Freude Litauens 30 Prozent teureres Gas kaufen werden, und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Litauen auch etwas daran verdienen will — knapp 50 Prozent teurer —,  wird die Zeit zeigen.

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    Tags:
    LNG, Abhängigkeit, Abkommen, Gaslieferung, Gazprom, Estland, Litauen, Polen, Lettland, USA