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    Farmbetrieb in Frankfurt (Symbolbild)

    BVMW-Geschäftsführer: Sanktionen können ostdeutsche Unternehmen in Insolvenz treiben

    © AP Photo / Michael Probst
    Wirtschaft
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    Sascha Konkina
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    Der Bundesgeschäftsführer des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft, Markus Jerger, plädiert seit langem für die Vertiefung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen. Im Interview mit Sputnik betont er, dass die Bundesregierung auf Kooperation statt Konfrontation setzen sollte, sonst wird man den Wirtschaftsstandort Deutschland schwächen.

    Rund die Hälfte der 2.700 Weltmarktführer sind deutsche Mittelständler. In Russland bilden deutsche Unternehmen die größten ausländischen Geschäftskreise. Was ist Ihrer Meinung nach der Schlüssel zum Erfolg?

    Die deutsche Kleinstaaterei bis Ende des 19. Jahrhunderts hat die Unternehmen bereits früh dazu getrieben, internationalen Handel zu verfolgen. Geschäfte wurden über Grenzen hinweg gemacht. Die Entwicklung der Hidden Champions ist deswegen auch historisch bedingt. Zusätzlich spielt die Spezialisierung natürlich eine Rolle: auf ein bestimmtes Produkt, eine Zielgruppe, eine Dienstleistung. Auch die Investitionsbereitschaft im Bereich Innovation und bei den Mitarbeitern ist ein entscheidender Faktor: Fachkräfte und Spezialisten werden im Mittelstand eher gehalten und nicht am laufenden Band ausgetauscht. Hidden Champions halten generell nicht nur mit der Entwicklung Schritt, sondern sind immer einen Schritt voraus.

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    Der deutsche Mittelstand ist von den Sanktionen in besonderem Maße betroffen. Wann und vor allem unter welchen Voraussetzungen kann man die Sanktionspolitik beenden und zu neuen Ufern aufbrechen?

    Deutschland ist nach China zweitwichtigster Lieferant Russlands. Im Jahr 2016 kamen circa zehn Prozent der russischen Importe aus Deutschland. Die wichtigsten Importgüter sind Maschinen, Nahrungsmittel, Kraftfahrzeuge und Elektrotechnik. Viele mittelständische Betriebe, insbesondere in Ostdeutschland, haben traditionell gute Geschäftsbeziehungen mit Russland. Weil sie ihre Produkte nun nicht mehr liefern dürfen, geraten immer mehr von ihnen in Schwierigkeiten – bis hin zur Insolvenz. Das schwächt den Wirtschaftsstandort Deutschland insgesamt. Eine Lösung der Ukraine-Krise kann nur mit Herrn Putin gelingen, nicht gegen ihn. Die Bundesregierung sollte deshalb auf Kooperation statt Konfrontation setzen. Es wäre wichtig, dass Brüssel mit Moskau schnellstmöglich einen Kompromiss aushandelt.

    Laut einer Umfrage der Außenhandelskammer planen die deutschen Unternehmen trotz der Sanktionen keinen Abgang vom russischen Markt. Wie stabil ist diese positive Tendenz?

    Viele deutsche Unternehmen sind in Russland tätig und haben in den vergangenen Jahren dort Produktionsstandorte aufgebaut. Ein Drittel der Mitgliedsunternehmen im Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) unterhält ein Exportgeschäft nach Russland. Bei fast 1/7 der gesamten Mitgliedsunternehmen wirken sich die Sanktionen negativ auf die Geschäftstätigkeit aus! Trotz dieser deutlichen Auswirkungen ist auch mir kein Rückzug vom russischen Markt bekannt. Das sollte aber trotzdem kein Polster zum Ausruhen sein. Es deutet einfach auf die Flexibilität der mittelständischen Unternehmen hin. Eine Einigung ist dringend notwendig, sonst können die Unternehmen ihre Wirtschaftskraft auf Dauer nicht halten.

    Welche Themen sind heute im Business-Dialog „Deutschland-Russland“ am wichtigsten?

    Neben den Russland-Sanktionen und einer Stabilisierung der Handelsbeziehungen sollten natürlich auch die Investitionsbedingungen beider Länder diskutiert werden. Dabei sollten vornehmlich mittelstandsfreundliche Wirtschaftsstrukturen geschaffen werden. Die Konzerne helfen sich selbst, sie brauchen keine gesonderten Hilfen.

    Sollte die Politik dem Business Gehör schenken? Gibt es diese Erscheinung in Deutschland und in Russland?

    Die Politik sollte den kleinen und mittleren Unternehmen und generell ihren Netzwerken viel mehr Gehör schenken. Wir erheben stetig den Status Quo innerhalb unserer Mitgliedschaft (Unternehmerumfragen) und tragen ihn in Publikationen und Gesprächen an die Politik heran. Außerdem stehen wir mit unserer Außenwirtschaftsabteilung als Ansprechpartner zur Verfügung. Es gibt Gespräche und Termine mit relevanten Akteuren, z.B. Treffen mit dem russischen Präsidentenberater Anton Kobjakow in Moskau. Die Netzwerke sind also da, um die Meinung der Unternehmen zu bündeln. Deswegen sollte die Politik dieser starken Meinung auch Gehör schenken. Der BVMW hofft auf eine langfristige Entspannung der wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland und fordert die Bundesregierung dazu auf, sich für diese Entspannung mit Nachdruck einzusetzen.

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    Worin besteht Ihrer Meinung nach die Bedeutung des russischen Investitionsforums in Sotschi?

    Die Bedeutung dieser Netzwerkveranstaltung steigt. Vor allem im Hinblick auf die schlechteren Rahmenbedingungen durch die Sanktionen wird der Austausch untereinander immer wichtiger.

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    Tags:
    Handelsbeziehungen, Geschäft, Unternehmen, Insolvenzgefahr, Wirtschaft, Handel, Import, Sanktionen, Investitionsforum in Sotschi, BVMW, Markus Jerger, Wladimir Putin, Ostdeutschland, Deutschland, Russland, China