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18:38 23 September 2019
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    Proteste gegen Brexit in London

    „Deutsch-russischer Brexit“: Warum Deutschland und EU sich nach Osten bewegen müssen

    © REUTERS / Henry Nicholls
    Wirtschaft
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    Sputnik-Recherchen haben ergeben, dass der Brexit enorme Folgen für die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Russland haben kann. „Der Brexit trifft die deutsch-russische Auto-Industrie“, erklärt Finanz-Analytiker Folker Hellmeyer im Exklusiv-Interview. „Wichtige Konzerne sollten sich vorbereiten“, so Russland-Experte Siegfried Fischer.

    Spitzenpolitiker und Lenker der Europäischen Union (EU) schlugen vergangene Woche vor, den Austritt des Vereinigten Königreichs Großbritannien aus dem EU-Staatenverbund noch einmal zeitlich zu verschieben. Für Premierministerin Theresa May sei das laut Medien wohl keine Option. Fakt ist: Beschlossen ist offiziell noch nichts. Der Brexit bleibt somit weiter aktiv und London wird höchstwahrscheinlich wie geplant am 29. März die Union verlassen.

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    Sputnik hat nachgehakt: Welche Auswirkungen, Folgen oder Konsequenzen wird der Brexit für die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen nach sich ziehen? Können dadurch verursachte Verluste der deutschen Wirtschaft durch einen verstärkten Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen mit Russland ausgeglichen werden? Sputnik auf Spurensuche.

    Deutsch-russische Wirtschaft: Eine Kooperation mit Potenzial

    In einer international und vor allem europäisch vernetzten Weltwirtschaft drängen sich Deutschland diese Fragen geradezu auf.

    Nach statistischen Angaben der EU-Kommission sind Russland und die EU – mit „Wirtschafts-Motor“ Deutschland – große und treue Handelspartner, schon seit vielen Jahren. „Russland ist der viertgrößte Handelspartner der EU und für Russland ist die EU sogar der größte Handelspartner“, so die Kommission in ihrer Statistik-Analyse.

    Laut der „Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK)“ ist im Jahr 2018 das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Russland im Vergleich zum Vorjahr um rund 8,4 Prozent gestiegen.

    „Der deutsch-russische Handel stieg 2018 auf 61,9 Milliarden Euro. Die deutschen Importe aus Russland legten im Vorjahresvergleich um 14.7 Prozent zu und betrugen rund 36 Milliarden Euro. Auch die Exporte nach Russland sind um 0,6 Prozent auf 25,9 Milliarden gestiegen. Insgesamt lässt sich im deutschen Außenhandel eine positive Tendenz feststellen.“ Mit einem Anteil von fast neun Prozent am Außenhandel ist Deutschland Russlands zweitgrößter Handelspartner, so das AHK-Papier.

    Warum der Brexit so folgenreich sein könnte: Die Bundesrepublik zählt vor den USA zum größten Handelspartner Großbritanniens. Das berichtete vor einigen Tagen die britische Zeitung „The Telegraph“.

    Folgen des Brexit für Deutschlands und Russlands Wirtschaft

    „Wenn wir uns Tendenzen aus dem letzten Jahr im deutsch-russischen Außenhandel anschauen, dann erkennen wir schon, dass dort trotz der Sanktionspolitik Wachstumsimpulse gesetzt sind“, erklärte im Interview mit Sputnik der Finanz-Experte Folker Hellmeyer, Volkswirt und Chef-Analytiker der Fondsboutique „Solvecon Invest“ in Bremen.

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    „Ich sehe keinen kurzfristigen, aber einen mittel- und langfristigen Effekt des Brexit auf die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen“, sagte er. Je „härter“ der Brexit („No-Deal“-Szenario) ausfalle, desto schwerer könne er Firmen oder Konzerne in Deutschland und Russland treffen. „Die Unternehmen in Deutschland orientieren sich an potentiellen Wachstumsmärkten. Der Brexit bedeutet, dass Großbritannien im Bereich von Stagnation und sogar Rezession landen könnte.“ England verliere deshalb an Attraktivität als Absatzmarkt. Russland dagegen entwickle sich als Absatzmarkt „nachhaltig und stabil“. Dies könnte nach dem britischen Ausstieg weitere deutsche Unternehmen nach Russland locken.

    „Wenn Sie sich die Weltwirtschaft anschauen: Deutschland und Europa ist ein sehr exportstarker Wirtschaftsraum.“ Die weltwirtschaftliche „Musik“ spiele immer mehr in Ostasien und im euro-asiatischen Raum. Deshalb sei es wichtig für Berlin und Brüssel, sich dieser Region zuzuwenden. „Um damit auch die Zukunft für das eigene Land, für die eigene Wirtschaftsregion, zu gestalten.“

    Gewappnet für den Brexit?

    Russland exportiert laut EU-Statistiken hauptsächlich Rohstoffe wie Öl oder Gas in die EU-Zone und nach Deutschland. Russische Agrar-Erzeugnisse wie Weizen werden ebenso europaweit gekauft. Aus Europa importiert das Land hauptsächlich ganze Maschinen oder Maschinenteile, Fahrzeuge, Traktoren, Transport-Equipment, Pharma- und Chemie-Produkte oder ähnliches.

    Der deutsch-russische Handel sei momentan auf einem guten Niveau, „aber leider immer noch weit entfernt von den Werten vor 2014, auch wegen der Sanktionen“, sagte Dr. Siegfried Fischer, Russland-Beauftragter des in Berlin ansässigen „Bundesforum Mittelstand“, im Sputnik-Studiointerview. „Boomen“ würde der deutsch-russische Wirtschaftsaustausch noch nicht.

    Der Brexit sei offiziell bei Vertretern der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen bislang noch kein Thema. „Ich staune darüber, dass man es noch nicht thematisiert hat“, gab er zu bedenken. „Das könnte aber damit zusammenhängen, dass man mittel- und langfristige Folgen erwartet. Offenkundig kann sich immer noch keiner vorstellen, was passiert. Es liegt alles noch in der Schwebe. Kein Mensch hat eine Ahnung, ob tatsächlich inner-europäische Flüge für britische Fluggesellschaften gestrichen werden. Oder ob es ein Zollregime geben wird, dass Im- und Exporte derart bremst, dass es bis zum kleinsten Zulieferer durchschlägt.“ Clevere und kluge Unternehmen in Deutschland und Russland sollten sich laut ihm auf mögliche Brexit-Szenarien vorbereiten.

    Ob vielleicht hinter verschlossenen Konzern-Türen bereits firmen-eigene Brexit-Szenarien durchgespielt werden? Überraschen würde es nicht.

    Deutscher Maschinenbau, Autos „Made in Germany“ und der Brexit

    Ein unkontrollierter britischer EU-Ausstieg bedeutet definitiv harte Einschnitte für die deutsche Autoindustrie. Diese ist einerseits eng mit der britischen Industrie verbunden, hat sich andererseits in letzter Zeit aber auch immer mehr Richtung Russland orientiert. Deutsche Auto-Hersteller exportieren nicht nur nach Russland, sondern bauen wieder verstärkt Werke und Produktionsstätten in der Russischen Föderation. Erst Mitte Februar gab Opel Deutschland bekannt, ein weiteres Werk in der russischen Oblast Kaluga errichten zu wollen.

    Opel
    © Sputnik / Olga Semenowa
    Auf deutsche Autozulieferer-Ketten, die mit der deutsch-russischen Wirtschaft verbunden sind, habe der Brexit „keine Auswirkungen“. Das erklärte ein Sprecher der deutschen Industrie-Vereinigung „Zulieferercluster Russland“ gegenüber Sputnik.

    Dieser Einschätzung widersprach Finanz-Experte Hellmeyer. Er sieht „durchaus einen generellen Einfluss“ des Brexit auf deutsch-russische Auto-Zuliefererketten. Der Automobil-Markt mache einen Großteil der deutschen Wirtschaftsleistung aus, betonte er.

    Russische Wirtschaft im Umbau lockt Daimler, BMW und Opel an

    Die der Auto-Industrie angeschlossenen, internationalen Zulieferer-Ketten seien von strategischen Entscheidungen wie dem Brexit betroffen, so der Bremer Volkswirt.

    „Das können Sie daran erkennen, dass BMW und Daimler jetzt Werke in Russland erstellen“, analysierte er. „Die Zulieferer müssen mitgehen. Das heißt: Sich hier nur die Import/Export-Daten anzuschauen, das greift zu kurz. Insgesamt sieht man an der Ausrichtung von BMW, Opel und Daimler, dass man in den russischen Märkten Zukunftsfähigkeit erkennt. Dasselbe gilt am Ende auch für den Maschinenbau. Die Restrukturierung, die wir derzeit in der russischen Wirtschaft sehen – nicht nur im Agrarsektor, Russland wurde vom Weizen-Importeur zum weltgrößten Weizen-Exporteur – ist nichts anderes, als dass dafür eben auch westliche Maschinen und Equipment gebraucht werden. Das erklärt dann auch in Teilen die Entwicklungen der Handelsbilanz zwischen Russland und Deutschland im letzten Jahr.“ Es gebe einen Bedarf auf russischer Seite nach deutscher Technik und Knowhow, Deutschland wiederum beziehe dafür unter anderem Rohstoffe aus Russland.

    Auch im Maschinenbau gebe es Verschiebungen. Allerdings schränkte er ein: „Quantitativ“ – also statistisch – könne die deutsche Volkswirtschaft diesen möglichen Schaden erst im Nachgang genau beziffern.

    „Weltwirtschaft verschiebt sich Richtung Ostasien“

    „Ein Brexit hat zur Folge, dass sich die Fokussierung der Unternehmen viel stärker auf die Märkte verlegt, die sich nachhaltig entwickeln und die eben als stabile Absatzmärkte perspektivisch erkannt werden. Das ist dann eben nicht Großbritannien, sondern der euro-asiatische Raum inklusive Russland.“ Das Gebiet Eurasiens entwickle sich prächtig, allein Kasachstan weise aktuell nationale Wachstumsraten über vier Prozent aus.

    „Der euro-asiatische Raum – und da inkludiere ich Russland ganz klar an primärer Stelle – ist der Raum, der übrigens auch losgelöst vom Brexit weiter wachsen wird.“

    „Berlin sollte kluge Russland-Wirtschaftspolitik forcieren“

    Fischer, erfahrener Kenner der russischen und deutschen Wirtschaft, bewertete im Interview die aktuelle strategische Industrie-Politik von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) mit Blick auf Russland.

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    Altmaier bemühe sich, „gute Miene zum bösen Spiel zu machen“, so der Russland-Beauftragte für den deutschen Mittelstand. Der Minister verkünde blumig, mit Russland zusammenarbeiten zu wollen. „Aber unter dem Strich wird bei all seinen Aussagen deutlich: Deutschland hat nicht die Kraft und an einigen Stellen sicher auch nicht den politischen Willen, sich scharf gegen die US-amerikanischen Bevormundungen und Einschränkungen deutscher Interessen zu wenden.“ Er betonte jedoch: „Das ändert nichts daran, dass die Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Investition in Russland – insbesondere für deutsche Mittelständler – nicht unbedingt so rosig sind, wie man das erwarten könnte.“

    Fischer wünschte den politischen Akteuren in Berlin und Brüssel sowie deutschen Wirtschaftslenkern „Mut und Kraft“, eine angemessene „Wirtschaftspolitik Ost“ auf den Weg zu bringen.

    Bisher schaue die EU Richtung Osten „an Russland vorbei nach China“. Es werde nach dem Ausstieg Großbritanniens „darauf ankommen, ob unsere Politiker, Manager und Firmeninhaber clever und agil genug sind, um zu begreifen, wo sie die durch den Brexit verursachten Verluste, die unausweichlich sind, wieder reinholen. Und unter Verluste verstehe ich nicht nur Geld. Sondern auch fehlende Produktionsketten, scheiternde Technologie-Transfers und so weiter.“

    Der russische Markt könne den weggebrochenen britischen allerdings noch nicht gleichwertig ersetzen. „Aber Russland ist eine Option – speziell im Zusammenhang mit Eurasien.“

    Experte fordert Handelsabkommen mit Russland

    Brüssel und Berlin sollten mehr Freihandelsabkommen in der Zeit nach dem Brexit schließen, forderte Finanzexperte Hellmeyer als „Fan des Freihandels“. Natürlich auch mit Handelspartner Russland.

    „Ich wünschte mir, dass wir Freihandelsabkommen mit Russland und China auf die Beine stellen. Das ist viel elementarer für die Nachhaltigkeit unserer eigenen Wirtschaftsentwicklung. Das ist zwar noch nicht in allen Köpfen angekommen, aber die normative Kraft des Faktischen führt immer dazu, dass ultimativ – manchmal leider erst ‚5 vor 12‘ – diese Erkenntnisse greifen.“

    Ähnliche Forderungen wurden in letzter Zeit häufig geäußert. So forderte erst im Januar 2019 der „Ost-Ausschuss des Osteuropavereins der Deutschen Wirtschaft“ im „Positionspapier Russland“ die EU- und Bundespolitik dazu auf, „gemeinsame Interessen für gemeinsame Projekte mit Russland zu definieren und umzusetzen.“

    Irland: Wirtschaftspolitischer Kurs Richtung Russland

    Die Regierung von Irland hat bereits angekündigt, nach einem „harten Brexit“ die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen zu Russland ausbauen zu wollen. Das Land ist geografisch wie traditionell gesehen enger britischer Wirtschaftspartner. Laut dem „Brexit Trade Monitor“ des Wirtschaftsberatungsunternehmens „PWC“ gehört Irland zu den Ländern, die am härtesten von einem Brexit betroffen sein würden.

    „Irland ist ein Beispiel und ich bin der festen Überzeugung, dass sich das Interesse der europäischen Länder wieder Richtung Russland orientieren wird“, antwortete der gelernte Bankkaufmann Hellmeyer auf die Frage, ob der irische Schritt ebenso ein möglicher Weg für Deutschland wäre. Aufgrund der vorliegenden Daten- und Faktenlage sehe der Bremer Volkswirt bei allen jetzigen potentiellen Brexit-Ausgängen Großbritannien definitiv „als Verlierer. Auf der anderen Seite sehe ich die Euro-Zone und Deutschland als Gewinner – in allen Brexit-Szenarien.“

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    Der Ökonom Paul Steinhardt kam im Sputnik-Gespräch zu einem anderen Fazit: „Ein Brexit entlang des ‚Withdrawal Agreements‘ wird kaum Auswirkungen haben“, so der Volkswirt beim Wirtschafts-Fachmagazin „Makroskop“. Großbritannien bleibe „faktisch weiterhin Mitglied der EU, wenn auch freilich ohne Mitspracherechte.“

    Das Radio-Interview mit Folker Hellmeyer (Solvecon Invest) zum Nachhören:

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