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20:55 15 Juli 2019
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    Plattenbau in Ost-Berlin (Archivbild)

    Studie: Blühende Landschaften? Der Osten hinkt weiter hinterher

    © AFP 2019 / JOHN MACDOUGALL
    Wirtschaft
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    Armin Siebert
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    Dreißig Jahre nach dem Mauerfall hängt der Osten bei der Kaufkraft, dem Lohn und der Produktivität noch immer hinter dem Westen zurück. Das ergab eine neue Wirtschaftsstudie. Grund für die mangelnde Produktivität sollen ausgerechnet die Ost-Subventionen sein. Auch sollte der Staat nicht zu viel in ländliche Gegenden investieren.

    Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) präsentiert am 6. März die neue Studie „Vereintes Land – drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall.“ Die Analyse, die bereits auf der Website des Instituts einzusehen ist, kommt zu dem Ergebnis, dass die Produktivität der ostdeutschen Betriebe im Jahr 2017 nur 82 Prozent des westdeutschen Durchschnitts betrug. Im Schnitt wirtschaften ostdeutsche Firmen also um knapp ein Fünftel weniger produktiv als Unternehmen aus den alten Bundesländern. IWH-Präsident Reint Gropp veranschaulichte dies gegenüber dem MDR mit den Worten: „Das heißt, mit der gleichen Mitarbeiteranzahl 20 Prozent weniger Produkte produziert." Im Vergleich mit den alten Bundesländern bedeutet das, nicht ein ostdeutsches Bundesland reicht an das westdeutsche Land mit der geringsten Produktivität – das Saarland – heran.

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    Mehr Subventionen – weniger Produktivität?

    Als Begründung für die geringere Produktivität sieht Gropp ausgerechnet die Ost-Subventionen:

    “Die einzige Erklärung, die wir im Moment haben, ist tatsächlich, dass die Subventionspolitik dazu geführt hat, dass am Ende zwar mehr Arbeitsplätze erhalten wurden, diese Arbeitsplätze aber eben weniger produktiv sind als im Westen", so der IWH-Präsident gegenüber MDR.

    Kaufkraft im Osten nicht viel höher als in Tschechien

    Auch Subventionen konnten die ostdeutsche Wirtschaft bisher nicht auf Westniveau bringen, heißt es in der IWH-Studie. Die Kaufkraft liegt in Ostdeutschland nur knapp über der in den osteuropäischen Nachbarstaaten:

    „Allerdings ist Ostdeutschland trotz der innerdeutschen Transfers seit dem Jahr 2000 im Schnitt deutlich langsamer gewachsen als die vier Visegrád-Staaten Polen, Slowakei, Tschechien und Ungarn. Tschechien kommt, gemessen in Kaufkraftstandards, der Wirtschaftskraft in Ostdeutschland schon sehr nahe.“

    Auch beim Lohn im Osten zwanzig Prozent weniger

    Der Rückstand in der Produktivität ostdeutscher Betriebe zeigt sich analog auch im Lohngefälle: Der Medianlohn liegt in Ostdeutschland bei 81,0 Prozent des Bundesdurchschnitts. Selbst in der Bundeshauptstadt Berlin liegt das Lohnniveau nur bei 97,4 Prozent des Bundesdurchschnitts. In Ostdeutschland reicht die Spanne – wenn Berlin unberücksichtigt bleibt – von 68,0 Prozent in Görlitz bis 95,5 Prozent in Jena.

    Lieber in die Stadt investieren, als ins Land?

    Produktivitätsunterschiede gibt es in Deutschland auch zwischen Stadt und Land, und zwar sowohl in West- als auch in Ostdeutschland, so die IWH-Studie. In beiden Landesteilen liegt die Produktivität im städtischen Raum über jener im ländlichen Raum.

    Allerdings ist dies kaum überraschend aufgrund der geballten Infrastruktur in Städten. Rund 50 Prozent der Erwerbstätigen im Osten sind in städtischen Räumen beschäftigt, in Westdeutschland sind es rund drei Viertel. Die Hallenser Wissenschaftler  kommen daraufhin zu dem bemerkenswerten Schluss, dass der Staat mehr in Städte investieren  und ländliche Gebiete nicht künstlich subventionieren sollte.

    Ostdeutsche Ministerpräsidenten sauer

    Dies erregte bereits vor Veröffentlichung der Studie den Protest ostdeutscher Ministerpräsidenten. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff, der die Studie persönlich am 6. März im Leibniz-Institut in Halle mit einem Eröffnungsvortrag vorstellen wird, sagte dem MDR, dass er so eine Subventionsverteilung für falsch hält. In Sachsen-Anhalt seien 80 Prozent des Landes ländlicher Raum. Und gerade im ländlichen Raum gäbe es Erfolgsgeschichten, wie man an den Chemie- und Industrieparks sehe, so Haseloff.

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    Thüringens Regierungschef Bodo Ramelow ging noch weiter und bezeichnete die Forderung des IWH gegenüber dem MDR als „verantwortungslos“. Der linke Politiker warf den Forschern vor, sich bei ihren Schlussfolgerungen ausschließlich auf Statistiken zu beziehen. Das mache „die Menschen wütend“, so Ramelow.

    Abwanderung gestoppt, aber Millionen Fachkräfte verloren

    Die massive Abwanderung der Bevölkerung von Ost nach West konnte laut der IWH-Studie bereits 2012 gestoppt werden. Unterm Strich hat Ostdeutschland jedoch Millionen Bürger vor allem im ländlichen Raum verloren. Auch ziehen Zuwanderer aus dem Ausland in erster Linie nach Westdeutschland.

    „Alles in allem ist die Bevölkerungszahl in den Alten Ländern von 1990 bis 2015 um beinahe 6,6 Millionen Personen gestiegen, in den Neuen Ländern einschließlich Berlin ist sie um 2,1 Millionen gesunken.“

    Qualifizierte DDR-Bürger gehen in Rente

    Zu der Abwanderung von Fachkräften kommt im Osten auch eine Abnahme der Qualifikation hinzu. Der Anteil der Beschäftigten mit Hoch- oder Fachhochschulabschlüssen ist laut EU-Arbeitskräfteerhebung in sämtlichen ostdeutschen Flächenländern im Vergleich der Jahre 2000 und 2017 zurückgegangen. Der ursprüngliche deutliche Vorsprung bei Hochqualifizierten in den Neuen Ländern ist also, abgesehen von Berlin, verlorengegangen. Bei Beschäftigten, die ihre Bildung in der DDR erworben hatten, lag der Anteil von Hoch- und Fachhochschulabsolventen höher als in Westdeutschland. Inzwischen verlässt Jahr für Jahr altersbedingt ein Teil dieser Menschen den Arbeitsmarkt.

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    Tags:
    Produkt, Lohn, Kaufkraft, Arbeitsplätze, Unternehmen, Studie, Subventionen, Wirtschaftswachstum, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), MDR, Reiner Haseloff, Bodo Ramelow, Ostdeutschland, Saarland, Thüringen, Slowakei, Ungarn, Tschechien, Sachsen-Anhalt, Polen, Berlin, Deutschland