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13:27 17 Juli 2019
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    Ölförderung in Montana (Archivbild)

    Prognose: „Schieferöl-Revolution“ wird ins Stocken geraten

    © AP Photo / Matthew Brown
    Wirtschaft
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    Was die Perspektiven der „Schieferöl-Revolution“ in den USA angeht, so lassen sie sich kaum richtig prognostizieren. Die Branche wird einerseits schon seit Jahren „begraben“, aber andererseits hält der Wachstumstrend an.

    Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer von ihnen ist die Bereitschaft der Marktteilnehmer, kurzfristig Verluste zu tragen. Und man kann zwar ewig über „marktuntypisches Verhalten“, über Subventionen mit Geld, das extra dafür immer weiter und weiter gedruckt wird, reden, aber faktisch wird das Angebot auf dem globalen Ölmarkt von Jahr zu Jahr größer – nicht zuletzt dank dem Schieferöl.

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    Allerdings gibt es gerade jetzt gewisse Gründe für die Prognose, dass das Wachstumstempo der Schieferölbranche ins Stocken geraten wird.

    Davon zeugt beispielsweise die jüngste Prognose der Internationalen Energieagentur (IEA), der zufolge die Schieferölförderung bis 2024 um drei Millionen Barrel pro Tag (und um vier Millionen für das gesamten Öl in den USA) wachsen würde. Zum Vergleich: Allein im vergangenen Jahr war die gesamte Ölförderung in Amerika um zwei Millionen Barrel täglich (von zehn auf zwölf Millionen) gewachsen.

    Es ist aber gefährlich, Prognosen zu vertrauen, und deshalb wenden wir uns lieber den aktuellen Nachrichten zum Thema Schieferöl zu.

    Da gibt es ziemlich viel Kritik. Noch Ende 2018 wurde bekannt, dass Schieferölgesellschaften immer weniger Kreditmittel heranziehen. Wie das „Wall Street Journal“ unlängst hervorhob, führt die Aufstellung von immer neuen Bohranlagen dazu, dass die Bohrlöcher immer näher zueinander liegen und einander Öl „entwenden“ – dadurch wird aus den jeweiligen Bohrlöchern immer weniger Öl gewonnen. Aber dabei geht es um konkrete Einzelfälle, deren Beitrag zu den allgemeinen Perspektiven sich kaum wirklich einschätzen lässt.

    Wenn man die Situation aber doch verallgemeinert, so hat die Firma Rystad Energy nachgezählt, dass die Kapitalausgaben für die Förderung des Schieferöls in diesem Jahr um etwa fünf Prozent zurückgehen könnten.

    Die Zahl der Ölbohranlagen wird schon seit drei Wochen kleiner. Wegen einer gewissen Volatilität kann man von einem neuen Abwärtstrend wohl nicht sprechen, aber ein weiteres Wachstum kommt ebenfalls nicht infrage.

    Natürlich gibt es verschiedene Prognosen und Faktoren, aber entscheidend wird jedenfalls der Ölpreis sein, und alle Prognosen könnten eventuell korrigiert werden, falls er weiter steigen sollte. Bei teurem Öl könnten auch „schlechte“ Bohrlöcher rentabel werden. Die IEA verwies beispielsweise darauf, dass bei einem Preisverfall um 20 Dollar pro Barrel langfristig die Ölförderung sinken würde (das ist auch kein Wunder), und bei einem Preis von 70 bis 80 Dollar pro Barrel wäre das Wachstum größer, als die Bassprognose vorsieht.

    Von der entscheidenden Bedeutung der Ölpreise zeugte auch die jüngste Umfrage von Vertretern von Schieferölunternehmen, die von der Federal Reserve Bank of Dallas durchgeführt wurde. Der Preis, bei dem sie bereit wären, neue Löcher mit Profit zu bohren, liegt zwischen 47 und 55 Dollar pro Barrel (es geht um die amerikanische Ölsorte WTI, die um etwa zehn Dollar billiger als die Brent-Sorte ist).

    Aber auch diese Zahlen sind nicht gerade eindeutig: Erst vor einem halben Jahr wurde darüber diskutiert, dass manche Unternehmen bei ihren Einschätzungen der Selbstkosten einen Teil der Ausgaben nicht berücksichtigt hätten, um ihre eigene Situation besser darzustellen. Dennoch liegt die Rentabilität der Schieferölförderung selbst laut dieser Umfrage um die Null, und falls die Ölpreise um zehn Prozent sinken sollten, wäre sie nicht mehr rentabel. Es ist also kein Wunder, dass verschuldete Unternehmen sehr vorsichtig ihre Mittel investieren.

    Vor diesem Hintergrund entwickelt sich ein neuer Trend: Der Markt wird von großen transnationalen Ölkonzernen erobert.

    Wie gesagt: Die Prognosen der Kapitalausgaben für Bohrlochabteufung sind in diesem Jahr zurückgegangen. Aber sie wären jetzt noch tiefer, wenn ein Teil dieses Rückgangs nicht von so genannten „Majors“ – internationalen Ölriesen – ausgeglichen worden wäre, die inzwischen intensiver in die Schieferölförderung investieren. Ursprünglich hatten sich vor allem relativ kleine Unternehmen mit Schieferöl beschäftigt, während sich Großkonzerne auf Megaprojekte konzentrierten. In den USA sind vor allem ExxonMobil und Chevron an der Schieferölförderung beteiligt.

    Aktuell konzentrieren sich die Marktteilnehmer vor allem auf das Vorkommen Permian in Texas. Dieses Gebiet ist schon seit längerer Zeit für sein Schieferöl bekannt, aber jetzt, da die Unternehmen zur Ausgabenkürzung neigen und deshalb nur aussichtsreiche Ölfelder ausbeuten wollen, wäre es wohl keine Übertreibung, zu sagen, dass Permian das einzige Vorkommen ist, das die Marktteilnehmer immer noch attraktiv finden. Und gerade dort sind die Selbstkosten der Förderung laut der erwähnten Umfrage die niedrigsten.

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    ExxonMobil hatte übrigens noch 2009 das Schieferölunternehmen XTO gekauft, und 2017 erwarb der Konzern neue Permian-Abschnitte. Jetzt soll die Förderung dort bis 2024 auf eine Million Barrel pro Tag aufgestockt werden. (Aktuell liegt diese Zahl bei etwa 200.000 Barrel.)

    Chevron will seinerseits die Schieferölförderung auf dem Permian-Ölfeld bis 2023 auf 900.000 Barrel täglich (gegenüber den jetzigen 350.000 Barrel) erhöhen.

    Das Interesse der Großkonzerne ist nachvollziehbar. Erstens müssen sie die schrumpfende Ölförderung in anderen Regionen der Welt ausgleichen. Unter den aktuellen Bedingungen haben die Giganten Angst, nur in Megaprojekte zu investieren (die jahrzehntelang umgesetzt werden könnten), und wollen ihre Aktiva durch „kurzlebige“ Schieferölbohrlöcher diversifizieren.

    Zweitens haben die Großkonzerne immer noch die Möglichkeit, billigere Kredite zu bekommen: gegen zwei oder drei Prozent Jahreszinsen (gegenüber mindestens fünf Prozent für kleine Schieferölunternehmen).

    Drittens können die Selbstkosten der Ölförderung bei den Riesen geringer als bei Kleinunternehmen sein – dank dem Umfang ihrer Projekte. Mehr noch: Laut Rystad Energy kann ein nachhaltiger positiver Effekt in der Schieferölbranche nur bei größeren Umfängen und bei größerer Zahl von Bohrlöchern erreicht werden. Wegen der unterschiedlichen Effizienz verschiedener Bohrlöcher wird die Schieferölförderung bei deren geringer Zahl zu einer Art „Roulettespiel“.

    Fazit: Bei den aktuellen Ölpreisen wird sich das Wachstum der Schieferölförderung voraussichtlich verlangsamen, und in den kommenden fünf Jahren dürfte es bei etwa drei Millionen Barrel pro Tag liegen. Das ganze Interesse der Ölproduzenten wird vor allem dem Permian-Feld gelten, und die Schlüsselrolle bei seiner Erschließung werden Großkonzerne spielen: Allein auf ExxonMobil und Chevron werden etwa 50 Prozent der ganzen Schieferölförderung entfallen.

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    Kleinere Unternehmen werden ihrerseits versuchen, ihre Schulden zu tilgen und möglicherweise ihren Aktienbesitzern gewisse Dividenden zu zahlen. Und welche Folgen das Interesse der Branchenführer für Schieferöl haben wird, steht in den Sternen.

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    Tags:
    Ölpreise, Wachstumstempo, Perspektiven, Konzern, Förderung, Schieferöl, Ölförderung, Prognose, ExxonMobil, Rystad Energy, Internationale Energieagentur (IEA), Wall Street Journal, Chevron, USA