18:15 20 Juni 2019
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    Zufall? – „Wirtschaftsweisen“-Prognose zeitgleich mit zwei Pro-Zuwanderungsstudien

    © REUTERS / Ralph Orlowski
    Wirtschaft
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    Andreas Peter
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    Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – im allgemeinen Sprachgebrauch als „die Wirtschaftsweisen“ bekannt, hat seine aktuellen Konjunkturprognosen für 2019 und 2020 vorgestellt. Sie wurden nach unten korrigiert. Mit diversen Begründungen, was Kritik und Zweifel an den Gutachten des Rates erneuert.

    Es ist ein Ritual geworden. Im November 2018 prognostizierte der fünfköpfige Rat der Wirtschaftsweisen noch 1,5 Prozent Wachstum für das Jahr 2019. Nun ist es um fast die Hälfte weniger. Das ist zwar ein immenser Unterschied, der sich in Milliarden Euro und tausenden Arbeitsplätzen, in deutlich schlechteren Rahmenbedingungen für Lohn- und Gehaltsverhandlungen und nicht zuletzt in den Haushalten von Bund und Ländern widerspiegelt. Doch wissenschaftlich gesehen ist es nicht wirklich dramatisch, denn Wissenschaftler können nun einmal nicht zuverlässig die Zukunft vorhersagen, abgesehen von der einen, dass das Entzünden eines Feuers schwerlich keine Brandschäden hinterlassen wird.

    Auch Wirtschaftswissenschaftler können keine belastbaren Zukunftsvorhersagen vorlegen

    Nicht anders ist es mit den Wirtschaftswissenschaften, denn auch hier fließen jede Menge Einzelfaktoren in die Gesamtrechnung ein, die sich jederzeit ändern können, oftmals aus irrationalen Gründen. Die Vorgänge an einer durchschnittlich normalen Börse basieren zu einem erheblichen Teil auf irrationalen Entscheidungen der Marktteilnehmer, die von Wissenschaftlern nur schwer kalkulierbar sind, denn Spekulation ist zwar Kalkulation, aber oftmals mit voller Absicht gegen Trends gerichtet.

    Doch während Zocken an Börsen, die inzwischen zu größeren Wettbüros geworden zu sein scheinen, denn inzwischen wird in vielen Medien wie selbstverständlich davon berichtet, dass an der Börse „gewettet“ werde, während diese Casinomentalität durchaus als Risikofaktor in unternehmerische Entscheidungen und damit auch volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen und ihre Prognostizierungen berücksichtigt werden können, entzieht sich die Natur dieser Berechenbarkeit vollständig.

    So kann man im aktuellen Gutachten des Sachverständigenrates nachlesen:

    „26. Zusätzlich kam es in der zweiten Jahreshälfte 2018 im Verarbeitenden Gewerbe überraschend zu erheblichen Problemen infolge des Niedrigwassers im Rhein. Hierdurch wurden die Binnenschifffahrt eingeschränkt, die Lieferung von Rohstoffen und Vorprodukten verzögert und die Produktion insbesondere in der Chemieindustrie spürbar behindert. Die Effekte des Niedrigwassers dürften gesamtwirtschaftlich bedeutend gewesen sein. Ademmer et al. (2019) schätzen für das Verarbeitende Gewerbe, dass die Produktionszuwächse aufgrund des Niedrigwassers um 0,8 Prozentpunkte im dritten Quartal und um 0,4 Prozentpunkte im vierten Quartal gedämpft wurden.“

    (Konjunkturprognose 19. März 2019, Seite 16; der Hinweis auf Ademmer et al. bezieht sich auf den Artikel „Niedrigwasser bremst Produktion“, aus „Wirtschaftsdienst“, 99. Jahrgang, 2019, Heft 1, Seite 79-80)

    Natur lässt sich noch weniger vorhersagen

    Wenn also schon Niedrigwasser im Rhein derartig unvorhergesehene Auswirkungen hat, wieso sollten wir dann die derzeitigen Prognosen des Rates wie eine Art göttliche Offenbarung betrachten? Zumal der Sachverständigenrat „vergisst“ zu erklären, dass solche Wetterkapriolen auch deshalb so folgenreich sind, weil durch die profitorientierte „Just-in-Time“-Maxime der allermeisten Unternehmen bereits kurzzeitige Störungen in den Transportketten von Rohstoffen und Vorprodukten zu kompletten Produktionsausfällen führen können, die nicht mehr auffangbar sind, weil aus Kostengründen keine Lager- und Vorratshaltung mehr betrieben, keine eigenen vollständigen Produktionsketten mehr unterhalten werden. 

    Nicht zuletzt bedeutet die Globalisierung, die eine exportorientierte Nationalökonomie wie die deutsche mit den entferntesten Winkeln des Planeten verbindet, auch eine erhöhte „Anfälligkeit“ für so genannte Schmetterlingseffekte. Und spätestens seit im Weißen Haus in Washington D.C. ein Präsident die Amtsgeschäfte führt, der glaubt, ein Staat wie die USA lasse sich wie ein Unternehmen führen, insbesondere nach seinen „Regeln“, die mit Berechenbarkeit oder internationaler Kooperation nur wenig zu tun haben, können internationale Einflüsse auf die deutsche Wirtschaft noch weniger wirklich vorhergesehen und in eine Prognosezahl gegossen werden. 

    Sachverständigenrat relativiert schon jetzt seine Prognose für 2020

    Insofern sollte man auch nicht allzu viel auf die Prognose der „Wirtschaftsweisen“ von 1,7 Prozent Wachstum für das Jahr 2020 geben, denn schon bei der Vorlage in Berlin hat der Rat erklärt, dass durch einen „positiven Kalendereffekt“ das Wachstum 2020 „bereinigt“ eigentlich nur 1,3 Prozent betragen dürfte. Der „positive Kalendereffekt“ bedeutet, dass Feiertage, also arbeitsfreie Tage 2020 nicht so häufig wie in anderen Jahren auf Werktage fallen. Bedauerlich für die Arbeitnehmer, erfreulich für die Arbeitgeber.

    Absurde Spreizungen bei wissenschaftlichen Prognosen

    Betrachtet man dann noch die derzeit vorliegenden Prognosen, die Entwicklung des deutschen Bruttoinlandsproduktes (BIP) betreffend, dann muss jedem durchschnittlich ökonomieinteressierten Beobachter klar werden, dass Gutachten wie das jetzt vorgelegte des Sachverständigenrates, interessante Zustandsbeschreibungen sind, aber eben auch nicht mehr. Die Tagesschau hat verdienstvoller Weise jetzt aufgelistet, wie die Prognose der Wirtschaftsweisen einzuordnen ist. Denn die Spannbreite der Vorhersagen für das BIP 2019 reichen von 0,7 Prozent (OECD), 1,0 Prozent (Bundesregierung), 1,6 Prozent (Bundesbank und DIW) bis hin zu 1,8 Prozent (Europäische Kommission) und sogar 1,9 Prozent (Gemeinschaftsdiagnose der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute).

    Bemerkenswert daran ist nicht nur die enorme Spannbreite der Zahlen. Vor allem ist interessant, dass zu den fünf Instituten, die die „Gemeinschaftsdiagnose“ erstellen, auch das RWI in Essen gehört. Dessen Präsident Christoph Schmidt ist auch Vorsitzender des Sachverständigenrates. Somit hat Prof. Schmidt innerhalb eines halben Jahres gleich drei deutlich voneinander abweichende Prognosen für das deutsche BIP 2019 zu verantworten: September 2018, Gemeinschaftsdiagnose: 1,9%, Dezember 2018, RWI: 1,4% und März 2019, Sachverständigenrat: 0,8%. Dennoch werden seine jeweiligen Äußerungen zu den Wachstumsprognosen der deutschen Wirtschaft weiterhin multimedial mit einer Ehrfurcht verbreitet, als ließen sich darauf Burgen bauen.

    Konjunkturgutachten werden zur Begründung für politische Grundsatzentscheidungen

    Soweit also alles wie gehabt. Wirklich dramatisch ist, dass aufgrund der Vorhersagen der „Wirtschaftsweisen“ politische Entscheidungen begründet werden, die mitunter Richtungsentscheidungen sind, die eben nicht mit der nächsten Änderung der Konjunkturprognose mitkorrigiert werden. Der Rat selbst schreibt in seine Gutachten keine expliziten Handlungsaufforderungen an die Politik. Aber alleine eine Kapitelüberschrift wie „5. Öffentliche Finanzen: Hohe Überschüsse nicht von Dauer“ (Konjunkturprognose 19. März 2019, Seite 26) wirkt wie eine Mahnung an die Politik, die gerade vom derzeit amtierenden Bundesfinanzminister natürlich umgehend als wissenschaftliche Begründung für ein Festhalten an der so genannten schwarzen Null interpretiert wird. Die aktuellen Debatten um Haushaltskürzungen bestätigen das.

    Konjunkturgutachten „zufällig“ begleitet von Zuwanderungsgutachten?

    Der „dezente“ Hinweis an mehreren Stellen im aktuellen Sachverständigengutachten, dass die Verlangsamung der „Grunddynamik“ der deutschen Wirtschaft auch durch „Arbeitskräfteengpässe“ (Konjunkturprognose 19. März 2019, Seite 1) entstanden sei, korrespondiert hervorragend – und rein zufällig selbstverständlich! – mit zwei zeitgleich veröffentlichten Umfragen, die erneut die alternativlose Erforderlichkeit von Arbeitskräftezuwanderung nach Deutschland propagieren.

    Zum einen hat die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) pünktlich zur Konjunkturprognose des Sachverständigenrates ihre repräsentative Umfrage „Das pragmatische Einwanderungsland“ veröffentlicht. Zum anderen veröffentlichte die „Research“-Abteilung der bundeseigenen Bank KfW eine Befragung, ebenfalls zeitgleich zur Konjunkturprognose des Sachverständigenrates, mit der Überschrift „Erwerbsbevölkerung sieht Bedarf an ausländischen Fachkräften – Unterschiede nach Bildung, Einkommen und Region“.

    Beide Veröffentlichungen wurden durch ihre Institutionen in einem beinahe gleichen Tonfall beworben und verbreitet: „Umfrage: Mehrheit der Deutschen sieht Einwanderung als Chance“ (FES-Pressemitteilung vom 19. März 2019) und „Verstärkte Zuwanderung von Fachkräften hat in Deutschland doppelt so viele Befürworter wie Gegner“ (KfW-Pressemitteilung vom 19. März 2019).

    Konjunkturprognosen ignorieren oft technologischen Fortschritt

    Es sei dahingestellt, wie zufällig dieser Zufall ist. Viel entscheidender ist, dass eine Unlogik erneut kommentarlos einfach im öffentlichen Raum stehen bleibt. Einerseits wird das Konjunkturgutachten des Sachverständigenrates mit düsteren Schlagzeilen angekündigt wie „Hochkonjunktur ist vorüber“ (Tagesschau), „Wirtschaftsweise blicken deutlich pessimistischer in die Zukunft“ (Manager Magazin), „Von der Wirklichkeit überholt“ (Süddeutsche Zeitung), „Es knirscht in der Konjunktur“ (DLF), „Kaum Wachstum in Deutschland“ (DW), „Wirtschaftsweise rechnen für Deutschland nur noch mit Mini-Wachstum“ (FAZ). Andererseits soll es dennoch unumgänglich sein, dass Fachkräfte in Größenordnung einwandern. Und wieder einmal wird mit keinem einzigen Wort wenigstens in Erwägung gezogen, dass möglicherweise auch der technologische Fortschritt, die viel zitierte vierte industrielle Revolution deutlich weniger Arbeitskräfte, auch Fachkräfte erfordern könnte.

    Übrigens gab es noch einen interessanten Zufall am Tag der Prognoseverkündung. Der frühere Wirtschaftsweise Prof. Peter Bofinger, der im März von dem gewerkschaftsnahen Volkswirt Prof. Achim Truger abgelöst wurde, war Gast in der Bundestagsfraktion der Partei Die Linke, als auf der anderen Spreeseite im Haus der Bundespressekonferenz die Konjunkturprognose seiner ehemaligen Kolleginnen und Kollegen präsentiert wurde. Bofinger plauderte etwas aus dem Nähkästchen und hatte wenig Nettes über seine Zunft zu berichten, als er den Abgeordneten der Linksfraktion erklärte: „Es gibt niemanden in Deutschland, der sich so oft geirrt hat wie Hans-Werner Sinn!“

    Wie stellte der unvergessene André Kostolany, der sich ehrlich und selbstbewusst immer einen Spekulanten nannte, einst so prägnant fest: „Die Experten sagen's, wissen's aber nicht.“

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    Tags:
    Fakten, Manipulieren, Wirtschaft, Marktwirtschaft, Recherche, Wirtschaftswachstum, Zuwanderung, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Bundesbank, Friedrich-Ebert-Stiftung, Tagesschau, DAX, Deutschland