21:58 22 April 2019
SNA Radio
    Handelshafen Qingdao in der chinesischen Provinz Shandong

    Chinas Seidenstraße: „Russland wird wenig profitieren“ – Arktis-Route wäre Option

    © REUTERS / Stringer
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    Alexander Boos
    309925

    Die russische Wirtschaft wird „nur kaum“ von der Neuen Seidenstraße der Chinesen profitieren. Das sagt Vladislav Belov, Vize-Direktor des Moskauer „Europa-Instituts“, im Sputnik-Interview. Russland bekomme zwar Mehreinnahmen aus dem chinesischen „Belt-and-Road“-Projekt, stellt er klar. „Aber nicht in dem Maße, wie es sein könnte.“

    Vladislav Belov, Ökonom und Vize-Direktor des „Europa-Instituts“ in Moskau, erläuterte gegenüber Sputnik seine Analyse.

    Im Vergleich zur gesamten Länge des chinesischen Mammut-Projekts, „ist es nur eine kurze Strecke, die Russland berührt. Die gesamte Strecke wird von Chinesen gebaut, sie wird von Chinesen bewirtschaftet. Da sind die chinesischen Mitarbeiter, da sind die chinesischen Güter. Im Grunde genommen kann keiner von den Staaten oder Teilnehmern, über dessen Territorien die Autobahnen, Zugstrecken und Zulieferwege laufen, etwas an Mehrwert kriegen. Das ist ein chinesisches Projekt, an dem die anderen aus chinesischer Sicht nichts zu suchen haben.“

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Wieso die EU zum „Industrie- und Handels-Krieg“ gegen China rüstet<<<

    Das als „One Belt, One Road“ gestartete Projekt wird mittlerweile von Peking als „Belt-and-Road-Initiative“ (BRI) bezeichnet, wie Belov im Interview darlegte.

    „Eis-Seidenstraße wäre sehr gute Option für Russland“

    „Viele haben gedacht – darunter auch die Europäer, dass sie etwas davon haben. Was Russland vielleicht anbieten kann, wäre eine Eis-Seidenstraße.“ Diese könnte nördlich über Russland durch das Europäische Nordmeer, die Barentsee, die Karasee bis hin zur Ostsibirischen See verlaufen und würde dann direkt den Arktischen Ozean (auch Nordpolarmeer genannt) streifen. 

    Karte vom Nordpolarmeer
    © Sputnik /
    Karte vom Nordpolarmeer

    „Das sind russische Gewässer, das Eis ist da. Russland verfügt über hoheitliche Rechte und über technisch hochwertige Eisbrecher. Das Projekt wäre das zusätzliche Element für die Chinesen bei der BRI. Die Belt-Road-Initiative betrifft so nicht nur den Süden, sie kann auch im Norden sein. Das wäre für Russland interessant. Die Stärke von Russland besteht darin: Wenn die Chinesen in dieses Projekt einsteigen möchten, dann sollten die Spielregeln von Russland geschrieben werden. Das kann dann durchaus international sein, da können auch die Europäer mitmachen.“

    Ein wichtiger Stützpunkt dieser Nord-Route wäre die Jamal-Halbinsel in Nordwest-Sibirien, nordöstlich über dem Uralgebirge.

    Karte der Jamal-Halbinsel

    „Nur Peanuts für Russland und Europa“

    Bei der derzeit geplanten Form des BRI sieht der russische Wirtschaftsexperte „keine Wertschöpfungsmöglichkeit für Russland und Europäer. Da bleiben nur Peanuts oder Brotkrumen übrig. Die Europäer, Russland und die russischen Nachbarn haben sich verspätet. Die Chinesen haben das perfekt gemacht. Die haben alle Teilnehmer davon überzeugt, dass es zu ihren Nutzen ist. Aber sie haben letztlich alle über den Tisch gezogen – ob uns das gefällt oder nicht.“

    Chinas Volkswirtschaft würde maßgeblich von der BRI profitieren. „Es entstehen zusätzliche Vorteile, was das chinesische Bruttoinlandsprodukt weiter steigen lassen wird. Die Chinesen wären noch stärker und die anderen werden in diesem Wettbewerb schwächer.“ Belov sieht einen klaren Nachteil für viele andere Wirtschaftsregionen der Welt. „Es geht um die weitere Sinisierung der Weltwirtschaft und darunter leiden beispielsweise Sri Lanka, die afrikanischen Staaten oder die Baltikum-Staaten.“

    Tallinn-Helsinki-Tunnel: „Estland wird den Chinesen Geld nie zurückzahlen“

    Im baltischen Estland soll mit chinesischem Geld ein Transport-Tunnel zwischen der estnischen Hauptstadt Tallinn und der finnischen Hauptstadt Helsinki unter der Ostsee gebaut werden. Die Investitionssumme von etwa 17 Milliarden Dollar dazu kommt von dem chinesischen Konsortium „China’s Touchstone Capital Partners“, das auch für Infrastruktur-Investments in Pekings Belt-and-Road-Initiative verantwortlich ist. Das meldete die Nachrichtenagentur Reuters im März 2019.

    Estland sei ein Beispiel, so Belov, wie „die Chinesen die Finanzierung der von ihnen selbst geführten Projekte anbieten. Also: Estland wird niemals das Geld zurückzahlen. Das heißt, Estland wird gezwungen sein, etwas (an Souveränität oder ähnliche Werte, Anm. d. Red.) an China abzugeben.“

    BRI: „Größtes Wirtschaftsprojekt der Menschheit“

    Die Neue Seidenstraße werde die handelspolitischen Positionen der beiden Wirtschaftsmächte kaum tangieren. Die Handelsbeziehungen zwischen Russland und China seien aktuell „geregelt. Mit Kasachstan und Kirgistan, den Nachbarn von Russland, ist alles geregelt.“ Das BRI stehe sozusagen in seinem Fundament bereits fest.

    One Belt One Road
    © Sputnik /
    One Belt One Road

    „Die ‚Belt-and-Road‘-Initiative ist das größte Wirtschaftsprojekt in der Menschheitsgeschichte“, erklärte Finanz-Experte Folker Hellmeyer, Volkswirt und Chef-Analytiker der Fondsboutique „Solvecon Invest“ in Bremen, bereits in einem früheren Sputnik-Interview.

    >>>Neue „Silk Road“: Wie China Europa spalten kann – Medien<<<

    Das Radio-Interview mit Dr. Vladislav Belov zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Neue Seidenstraße, Handelsbeziehungen, Handelswege, Profit, Wirtschaft, Transport, Handel, One Belt, One Road, EU, Europa, Asien, Jamal, Arktis, Russland, China