00:50 24 April 2019
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    Goldbarren

    Ob gegen Krisen oder Druckausübung: Warum kauften Notenbanken zuletzt so viel Gold?

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    Wirtschaft
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    Liudmila Kotlyarova
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    Die Notenbanken haben 2018 laut dem Bericht des World Gold Council weltweit so viel Gold gekauft wie seit 50 Jahren nicht mehr. Mit Blick auf die gesperrten venezolanischen Geschäfte und die Schuldenkrisen rückt das Edelmetall als wichtigster Indikator des Wohlstandes von Staaten und der Nachhaltigkeit der Landeswährung erneut ins Rampenlicht.

    Eigentlich wurde der sogenannte Goldstandart, das letzte Gold-gedeckte Währungssystem, weltweit schon 1971 durch US-Präsident Richard Nixon aufgehoben, der damit den steinigen Weg zur Weltdominanz für das ungedeckte Papiergeldsystem bereitete. Trotzdem halten sich alle Notenbanken der Welt weiter an Goldreserven. Warum eigentlich? „Weil das Gold seit mehr als 5000 Jahren als Wertspeicher und Wertanker anerkannt ist“, betont der Finanzkrisenanalytiker Marc Friedrich. Erwartet man eine Krise oder soll das Papiersystem kollabieren, soll laut Friedrich jeder Notenbanker wissen, dass das Gold da helfen kann.

    Mehr Unabhängigkeit von den USA — geht das?

    Nach der Bankenkrise 2008 begannen die Notenbanken, wieder aktiv Gold zu kaufen. Der Goldpreis stieg dadurch von circa 846 Dollar Anfang 2008 auf mehr als 1800 Dollar je Feinunze 2012. Besonders aktiv kauften Russland, die Türkei, China und Indien Gold auf. Während China von 2007 bis 2018 seine Goldreserven auf rund 1800 Tonnen fast verdreifachte, stiegen die russischen Vorräte von 450 auf 2113 Tonnen im Wert von 91,6 Milliarden US-Dollar.

    2018 stieg der Goldanteil bei den Zentralbanken nach Angaben des World Gold Council (WGC) innerhalb eines Jahres um 651 Tonnen im Wert von 27 Milliarden Dollar. Russland setzte mit 274,3 Tonnen Zuwachs den Trend. Allein Ungarn verzeichnete Ende 2018 den zehnfachen Anstieg seiner Goldreserven von 3,1 auf 31,5 Tonnen in einem Jahr. Darauf folgten die Zentralbank der Türkei mit den neu gekauften 18,5 Tonnen sowie Indien und Polen mit jeweils 13,7 Tonnen Gold.

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    Dagegen gibt es nur wenige Länder, die Gold verkaufen. In der EU wurde 2018 laut der WGC nur tschechisches (-0,5 Tonnen) sowie deutsches (-0,2 Tonnen) Gold verkauft. Seine neu geprägten Euro-Münzen verkauft Deutschland regelmäßig.

    Dabei blieben Deutschlands Goldreserven in den letzten Jahrzehnten mit 3370 Tonnen fast auf demselben Niveau. Die USA als Weltmeister unter den „Goldfans“ besitzen etwa 8133 Tonnen Gold. Doch seit 2014 begannen Deutschland, Österreich, Venezuela und die Niederlande ihre Goldreserven, die zum großen Teil in den USA und zu einem kleineren in Großbritannien lagerten, zurück in die Heimat zu holen. Allerdings  lagern 1.236 Tonnen Gold der Bundesbank im Wert von circa 50 Milliarden Euro immer noch bei der US-Notenbank Fed in New York.

    „Plünderung“ von Venezuelas Goldes

    Wie das Gold zum Mechanismus der Druckausübung auf Staaten werden kann, zeigt schon der Fall Venezuela. Im Januar 2019 hat die Zentralbank Englands die Übergabe des dort gelagerten venezolanischen Goldes im Wert von 1,2 Milliarden Dollar an Venezuela gesperrt. Kurz zuvor hatten der US-Außenminister Mike Pompeo und der Sicherheitsberater des US-Präsidenten, John Bolton, laut Bloomberg das „Abschneiden des venezolanischen Regimes von Vermögenswerten im Ausland“ gefordert.

    Das Volumen der Goldreserven Venezuelas sinkt schon seit Jahren und beträgt jetzt nur noch rund acht Milliarden Dollar. Aufgrund der rückläufigen Ölproduktion in der Republik sowie den zurückgegangenen Deviseneinnahmen des Staatshaushalts hatte die Regierung keine andere Möglichkeit, die lästigen Schulden im Wert von rund 60 Milliarden Dollar zurückzuzahlen.

    Anfang Februar plante Venezuela, einige heimischen Goldreserven an die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) zu verkaufen. Reuters berichtete unter Verweis auf einen Beamten Venezuelas, bis Ende Februar insgesamt 29 Tonnen Gold gegen Bargeld in die VAE liefern zu wollen. Ein Vertreter der US-Regierung soll den Export von Wertgegenständen aus Venezuela als „Plünderung“ bezeichnet und Russland und andere Länder vor Transaktionen mit venezolanischen Rohstoffen und Edelmetallen gewarnt haben. Am 1.Februar hat die Zentralbank von Venezuela den Verkauf der restlichen 20 Tonnen Gold an die VAE aufgrund der erhöhten Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit auf Eis gelegt. Die russische Zentralbank dementierte zugleich die Gerüchte über die Lagerung von etwa 30 Tonnen Gold Venezuelas in Russland.

    • Produktion der Goldbarren in Russland (Archiv)
      Produktion der Goldbarren in Russland
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    • Wladimir Putin hält einen Goldbarren (Archivbild)
      Wladimir Putin hält einen Goldbarren (Archivbild)
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    • Goldbarren der deutschen Bundesbank - Wo ist das deutsche Staatsgold?
      Ein Journalist hält einen deutschen Goldbarren bei der Pressekonferenz der Deutschen Bundesbank am 16. Januar 2013 in Frankfurt am Main
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    • Gold russischer Reservenbank (Archivbild)
      Gold russischer Reservenbank (Archivbild)
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    • Zehn Kilo schwerer Goldbarren (Archivbild)
      Zehn Kilo schwerer Goldbarren (Archivbild)
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    Produktion der Goldbarren in Russland

    Laut dem Präsidenten des Moskauer Zentrums für strategische Kommunikation, Dmitri Absalow, darf die venezolanischen Goldreserven nicht Maduro oder Guaido verwalten, sondern der Chef der Staatsbank Venezuelas. Aus rechtlicher Sicht sei der Wunsch der USA schon umstritten, das venezolanische Gold „bevormunden zu wollen“. Am 19. März hat die US-Regierung weitere Sanktionen gegen die Regierung Venezuelas erlassen. Betroffen sind das im Goldgeschäft tätige staatliche Bergbauunternehmen Compañía General de Minería de Venezuela (CVG) und dessen Präsident.

    Gold bald als „Staatseigentum“ in Italien?

    Seit mehreren Wochen spekulieren Medien, ob Italien seine Goldreserven doch verkauft, um ebenso die hohen Staatsschulden zu finanzieren. Eigentlich belegt das Land nach dem UWF den vierten Platz in der G4 der Goldbesitzer — 2451 Tonnen Gold. Mitte Februar nannte der Vize-Ministerpräsident Matteo Salvini das „eine interessante Idee“. Italiens Wirtschaftsminister Giovanni Tria distanzierte sich später von der „Idee“, Gold zu verkaufen, um Haushaltslöcher zu stopfen. Einzig die Europäische Zentralbank könne über Italiens Goldreserven für Finanztransaktionen verfügen, sagte Tria am 25. Februar dem Fernsehsender Rete4.

    Gold (Symbolbild)
    © Sputnik / Waleri Titiewskij

    Mit dem Verkauf des Edelmetalls hätte Italien im nächsten Jahr eventuell eine Erhöhung der Mehrwertsteuer vermeiden können, berichtete die Zeitung „La Stampa“. Auch früher wollte Italien Teile der Goldreserven zur Rettung der schrumpfenden Staatskasse verkaufen. Die Versuche waren ebenso auf den Widerstand europäischer Behörden gestoßen, die dadurch die Unabhängigkeit der Notenbank gefährdet sehen. Dagegen soll nun laut dem Gesetzentwurf  des Lega-Abgeordneten Claudio Borghi festgestellt werden, dass das Gold dem Staat gehört und nicht der Notenbank bzw. nicht der Regierung. Entscheiden über mögliche Goldverkäufe müsste aber das Parlament.

    Auch für Privatanleger aussichtsreich

    Aktuell liegt der Goldpreis bei etwa 1.318 Dollar pro Feinunze (31,103 Gramm). Attraktiv für Privatanleger sei Gold deshalb, weil es anders als Silber oder Diamanten als Kapitalanlage von der Mehrwertsteuer befreit sei, betont der Experte Friedrich. „In Deutschland und Österreich kann man die Edelmetalle außerdem anonym, im s.g. Tafelgeschäft, erwerben“, sagt er und ruft auf, das eigene Vermögen durch Goldkäufe zu sichern.  Ab dem 29. März soll das Gold im Portfolio von Geschäfts- und Geschäftsbanken auf Beschluss der BIZ zu „Cash Equivalent“, einem Zahlungsmittel-Äquivalentwert und daher „risikolos“ werden, berichtet die italienische Wirtschaftszeitung „Il Sole 24 Ore“. Die Experten nennen es Gold-Remonetarisierung, einen Prozess, der die von Nixon beschlossene „Dämonisierung“ des Goldes als für die Finanzwirtschaft schädliche Fessel umkehren soll. Damit erhält das Gold den gleichen Status wie Staatsanleihen.

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    Nur einen Nachteil scheint das geschätzte Edelmetall zu haben: Es zahlt keine Zinsen. Das wird aber leicht durch den Wert- und Kaufkrafterhalt beziehungsweise die Preissteigerungen kompensiert. Seit der Gründung der Federal Reserve im Jahr 1913 hat der Dollar 95 Prozent seines Wertes verloren, Gold dagegen ist um das stolze Fünfzigfache gestiegen.

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    Goldbarren, Goldreserven, Notenbanken, Krise, Gold, Plünderung, Gold, World Gold Council, die Deutsche Bundesbank, US-Notenbank FED, Russlands Notenbank, Europäische Zentralbank (EZB), IWF, Juan Guaido, Nicolas Maduro, New York, Türkei, Indien, Venezuela, Österreich, Deutschland, USA, Russland, China