10:07 21 April 2019
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    Flugzeuge des Typs Boeing 737 MAX (Archivbild)

    Boeing-Abstürze versetzen US-Wirtschaft in den Sinkflug

    © REUTERS / Lindsey Wasson
    Wirtschaft
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    Maxim Rubtschenko
    201932

    Die Abstürze zweier Boeing 737 MAX könnten das Wirtschaftswachstum der USA massiv hemmen, warnte die Investmentbank JP Morgan. Viele Fluglinien verzichten auf den Kauf des Problemflugzeugs des US-Luftfahrtriesen und fordern Entschädigungen für die ausgefallenen 737-MAX-Flüge. Womit kann das für den Flugzeugbauer und die globale Branche enden?

    Einschätzung des Schadens

    Laut Einschätzung des Chefwirtschaftsexperten von JP Morgan, Michael Feroli, würde der Verzicht auf die Boeing 737 MAX der US-Wirtschaft mehr schaden als der Shutdown, der 35 Tage dauerte.

    „Wenn Boeing gezwungen wird, die Produktion der Reihe 737 MAX zu stoppen, wird sich das Tempo des BIP-Wachstums um 0,6 Prozent im Jahresausdruck verlangsamen“, so Feroli. „Zum Vergleich: Nach Angaben der Haushaltsverwaltung des Kongresses bremste die bisher längste Pause bei der Arbeit der Regierung in der Geschichte der Vereinigten Staaten, die am 25. Januar zu Ende ging, das BIP um 0,4 Prozentpunkte“.

    Laut JP Morgan-Experten entfällt auf die Bestellungen von Boeing 737 MAX rund ein Viertel der Flugzeugproduktion in den USA. „Auch wenn die Produktion der Boeing 737 MAX fortgesetzt wird, werden sich die Probleme des Flugzeugbauers wegen der Verlangsamung der Investitionen und des Rückganges des Brutto-Exports des Landes auf jeden Fall negativ auf die US-Wirtschaft auswirken“, so Feroli.

    Einige der alarmierenden Prognosen bewahrheiten sich bereits. Die Fluglinie Garuda Indonesia zog in dieser Woche die Bestellung von 49 Boeing 737 MAX 8 im Gesamtwert von fünf Milliarden Dollar zurück.

    „Die Passagiere von Garuda haben das Vertrauen in dieses Flugzeug verloren und wollen nicht mit ihm fliegen“, so der Chef der Airline, Gusti Ngurah Askhara Danadiputra.

    Experten zufolge gehören zu den größten Bestellern der Boeing 737 MAX die Airlines Norwegian, SpiceJet, Ryanair, Jet Airways, Lion Air, Flydubai, Southwest. Nun stellt sich die Frage, ob die Entscheidung von Garuda Indonesia einen Dominoeffekt auslöst.

    Das ist ziemlich real angesichts der Tatsache, dass Norwegian ankündigte, von Boeing Entschädigungen für die erzwungene Pause wegen des globalen Verbots für die Flüge der Reihe 737 MAX zu fordern.

    „Ich sehe keinen Grund dafür, dass wir keine Rechnung für die nicht genutzten Maschinen an den Hersteller schicken“, sagte der Norwegian-Chef Björn Kjos in einer Videobotschaft an die Passagiere.

    Auch die polnische Charter-Airline Enter Air und Indian SpiceJet kündigten Entschädigungsforderungen an. Lion Air wartet wohl auf den Abschluss der Ermittlungen zu dem Flugzeugabsturz  vom Oktober, um anschließend eine Klage gegen den Hersteller zu erheben.

    Nach Einschätzung von Experten beläuft sich die Entschädigung für die erzwungene Pause auf mindestens 250.000 Dollar pro Monat pro Flugzeug. Wie American Airlines am Sonntag mitteilte, wurden bei der US-Fluglinie 90 Flüge pro Tag mindestens bis zum 24. April wegen des Flugverbots gestrichen.

    Programm der Katastrophe

    Flugzeugbauer Boeing traf sich am Mittwoch mit Vertretern der Airlines im Werk in Renton. Eingeladen wurden mehr als 200 Piloten und technische Spezialisten aus der ganzen Welt sowie Beamte der Federal Aviation Administration.

    Lion Air und Ethiopian Airlines (eine Boeing 737 MAX dieser Fluglinie stürzte am 10. März bei Addis Abeba ab) weigerten sich, an der Veranstaltung teilzunehmen. Das Gleiche gilt für Garuda Indonesia. Die indonesische Airline gab an, dass die Einladung zu spät eingetroffen sei.

    Der US-Flugzeughersteller stellte den Kunden ein Software-Update für die Boeing 737 MAX vor, das flexibler auf das Anheben der Flugzeugnase reagiert. Darüber hinaus wurde ein wiederholter Einsatz der viel kritisierten Steuerungssoftware MCAS ausgeschlossen, dessen fehlerhafter Einsatz als Hauptgrund für die Katastrophen in Indonesien am 29. Oktober und Äthiopien am 10. März gilt (obwohl die offiziellen Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind).

    Wie Journalisten der “New York Times” schrieben, wollte Boeing nicht hinter dem Hauptkonkurrenten Airbus zurückstehen, der 2011 die „Neo“-Reihe gestartet hatte, die kosteneffizienter als die Vorgängermodelle ist.

    Um seine Führungsrolle beizubehalten, gab es zwei Varianten für den US-Flugzeugbauer – entweder von Grund auf ein neues Modell mit enormen Kosten von 32 Milliarden Dollar entwickeln, oder die Reihe 737 mit neuen Triebwerken mit einem größeren Turbinendurchmesser ausstatten, wobei 20 Prozent Kraftstoff eingespart würden. Natürlich wurde die zweite Option gewählt.

    Doch wegen ihrer Größe konnten die neuen Triebwerke nicht an den bisherigen Stellen angebracht werden – man musste sie weiter vorne und höher anbringen. Im Ergebnis wurde die Lastenverteilung durcheinander gebracht, die Flugzeugnase ging nach oben.

    Um diesen Mangel zu beseitigen, entwickelte Boeing die spezielle Software MCAS. Wenn die Nase nach oben ging, aktiviert sich das Programm und senkt die Flugzeugnase. Die Software erwies sich als unreif, sie aktivierte sich selbst bei einem normalen Flug. Laut Berichten wurde die Flugzeugnase viermal stärker gesenkt als vorgesehen. Das heißt, dass die Steuerungs- bzw. Trimm-Software in den Sturzflug leitete statt für Ausgleich zu sorgen.

    „Keine Korruption, sondern Lobbyismus“

    Selbst wenn eine neue Software die Mängel der Steuerungs-Software tatsächlich beseitigen sollte, werden die Probleme damit nicht enden. Die beiden tragischen Abstürze haben die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und Rechtsschutzorgane auf das Vorgehen des US-Flugzeugbauers gelenkt.

    Es kam vor allem die Frage auf, wie ein solch unreifes System von der Federal Aviation Administration zertifiziert werden konnte. Es laufen bereits Untersuchungen der Bundesstaatsanwaltschaft, des Chefinspekteurs des Verkehrsministeriums und einer Kommission des Kongresses, das FBI leitete sogar strafrechtliche Ermittlungen ein.

    Es stellte sich heraus, dass die Leitung der Federal Aviation Administration die Zertifizierung der Software zum Teil Boeing selbst überließ. Sie verweist dabei auf finanzielle Probleme – das Personal soll nicht ausreichen, um aus eigenen Kräften eine vollwertige Zertifizierung durchzuführen. Allerdings sind Beobachter einer anderen Meinung.

    Nach Angaben des Center for Responsive Politics (CRP) gab Boeing in den vergangenen 20 Jahren für den US-Kongress mehr Lobby-Gelder als jedes andere Unternehmen der Rüstungs- bzw. Flugzeugindustrie aus.

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    Der größte Empfänger war der republikanische „Senate Leadership Fund“, der von Senator Mitch McConnell ins Leben gerufen worden war. Seine Ehefrau Elaine Chao ist Verkehrsministerin und  betreut die Federal Aviation Administration.

    Der amtierende Direktor der Federal Aviation Administration, Dan Elwell, sagte am 13. März, dass der Beschluss seiner Behörde zur Zertifizierung der Boeing MAX „im Ergebnis der ständigen Konsultationen“ mit Elaine Chao getroffen wurde.

    Es ist nicht erstaunlich, dass  Äthiopiens Regierung die Blackbox der abgestürzten Boeing nach Frankreich schickte, obwohl europäische Experten gewöhnlich die Katastrophen von Airbus-Flugzeugen untersuchen. Üblicherweise befassen sich US-Experten mit Boeing.

    Experten und Medien kamen zu dem eindeutigen Schluss – die Federal Aviation Administration hat das Vertrauen der Flugzeug-Gemeinschaft verloren. Die EU und Kanada kündigten vor kurzem an, eine eigene Expertise zu allen Neuerungen im Sicherheitsbereich von Boeing zu erstellen.

    Bestellungen werden gecancelt, die Auftragsmappe für Boeing 737 MAX wird merklich dünner.

    Konkurrenten jubeln

    Für Verärgerung beim US-Flugzeugbauer sorgten die Chinesen. In der vergangenen Woche wurde während der Europa-Reise des chinesischen Staatschefs Xi Jingping in Paris ein Vertrag für die Lieferung von 300 Airbus nach China unterzeichnet.

    Anschließend veröffentlichte das Internetportal Guncha einen großen Artikel unter dem Titel „Die Herrschaft der USA stürzt ab wie Boeing“.

    Flugzeuge von Lufthansa in Frankfurt (Archivbild)
    © REUTERS / Kai Pfaffenbach / GLOBAL BUSINESS WEEK AHEAD

    „Wenn die Amerikaner genug Hirn haben, werden sie sehen, dass der Fall Boeing nicht einfach eine Flugzeugkatastrophe, sondern ein eindeutiges Merkmal ist, dass die USA ihre Herrschaft in der Welt verlieren können“, heißt es in dem Artikel. Dieses Land stand lange an der Spitze der Welt. Wenn es weiterhin dank vorhandener Güter auf Innovationen zugunsten maximaler Gewinne verzichtet, wird es zu einer historischen Wachablösung kommen, die nicht mehr vom menschlichen Willen abhängen wird – die Boeing-Flugzeuge fallen vom Himmel auf den Boden, die USA werden unvermeidlich von ihrem Thron gestoßen werden“.

    Der chinesische Flugzeugmarkt gilt zu Recht als einer der aussichtsreichsten weltweit. Laut Boeing-Prognose wird der chinesische Bedarf an Zivilflugzeugen in den kommenden 20 Jahren 7240 neue Flugzeuge im Gesamtwert von mehr als 1,1 Bio. Dollar ausmachen. Auf schmale Rumpfflugzeuge wie die Boeing 737 werden drei Viertel der potentiellen Nachfrage entfallen. Doch nun wird es den USA schwer fallen, ihre Positionen auf diesem Markt zu festigen.

    China entwickelt das eigene schmale Rumpfflugzeug C919, das Boeing 737 und Airbus 320 durch den attraktiven Preis (50 Mio. Dollar gegenüber 70-120 Mio.) Konkurrenz machen soll. Die Aufnahme der Serienproduktion ist für 2021 geplant, wonach der chinesische Markt für ausländische Flugzeuge in diesem Segment geschlossen wird.

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    Die Airlines anderer Schwellenländer erwägen als Alternative für die problematische Boeing 737 das neue russische Flugzeug MS-21. In der vergangenen Woche sprach der russische Industrieminister Denis Manturow mit indonesischen Vertretern über einen Deal. Ihm zufolge durchläuft die MS-21-300 derzeit erfolgreich die Zertifizierungsphase. „Die Zertifizierung nach russischen und europäischen Normen und die Inbetriebsetzung würden ermöglichen, die Förderung des Flugzeugs in Südostasien und andere Regionen zu intensivieren“, so Manturow.

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    MCAS-System, Steuerung, Lobbyismus, Einfluss, Produktion, Wirtschaft, Einsatz, Flugzeug, Export, Flugzeugabsturz, Boeing 737 Max, Ms-21, Garuda Indonesia, Lion Air, Ethiopian Airlines, JP Morgan, The Boeing Company, Ryanair, FAA (Federal Aviation Administration), American Airlines, Dan Elwell, Michael Feroli, Denis Manturow, Xi Jinping, Äthiopien, Indonesien, USA, Russland, China