20:32 14 Dezember 2019
SNA Radio
    Vonovia-Logo

    „Blackrock“ und „Vonovia“: „Kanzler Kohl verantwortlich für hohe Mietpreise“

    © Foto : Simon Bierwald / Vonovia
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    9823
    Abonnieren

    Deutschlands größter Wohnungskonzern „Vonovia“ wird von Mietern stark kritisiert. Gründe: Ungerechtfertigte Nebenkosten, schlechter Service und profit-gesteuerte Mietpreiserhöhungen. „Vonovia blamiert sich vor Gericht“, so eine Zeitung. „Das Problem hat tiefere Ursachen“, so Werner Rügemer, Vorkämpfer für das Menschenrecht auf Wohnen, im Interview.

    „Dass der Staat eine Fürsorgepflicht für das sichere Wohnen der Menschen hat, das geht nicht nur aus dem Grundgesetz hervor“, betonte Werner Rügemer, Publizist und nach eigener Aussage „interventionistischer Philosoph“ aus Köln, am Donnerstagabend gegenüber Sputnik in Berlin.

    Der Finanz-Experte hat sich mit seinen kritischen Analysen zum US-Finanzfonds „Blackrock“ einen Namen gemacht. Bereits in früheren Gesprächen mit Sputnik stellte er klar: Blackrock hält an allen wichtigen deutschen Wohnungs-Unternehmen Anteile. So auch acht Prozent an „Vonovia“, dem größten Wohnungskonzern in Deutschland.

    Zuvor sprach Rügemer am Donnerstagabend im „Haus der Demokratie und Menschenrechte“ in Berlin gemeinsam mit Vertretern sozialer Vereine, die sich für das Menschenrecht auf Wohnen einsetzen. Bei der Podiumsdiskussion durchleuchteten die Experten kritisch die Spekulation mit deutschen und Berliner Wohnungen. Eine Vertreterin der Berliner Bürger-Initiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ war ebenfalls vor Ort.

    „Bundesregierung zurzeit zögerlich“

    Jeder Mensch habe ein Grundrecht auf sicheres Wohnen, so der Kölner Wohnungsmarkt- und Finanz-Experte Rügemer, im anschließenden Interview.

    Wohnen sei ein Menschenrecht. „Das geht auch aus den Allgemeinen Menschenrechten hervor, die durch den sogenannten ‚UN-Sozialpakt‘ auch von der Bundesrepublik Deutschland ratifiziert worden sind.“ Dies habe als rechtliche Grundlage durchaus einklagbare Gültigkeit für Mieter, auch wenn Berlin und Brüssel diese Tatsache „gern verschweigen. Deswegen wissen auch die Gerichte nichts davon.“ Unbeirrt davon stellte der Experte klar: „Darauf basierend kann man auch eine Enteignung – wenn diese notwendig wird – durchführen.“ Damit bezog er sich auf die Kampagne „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ in Berlin.

    „Alle Bundes- und Landesregierungen sind zurzeit noch sehr zögerlich, weil sie lange Zeit die Wohnungs-Spekulanten haben einfach agieren lassen, sogar gefördert oder denen die Wohnungen billig verkauft haben“, kommentierte der Kölner Finanz-Experte aktuelle Klagewellen und Negativschlagzeilen gegen den Wohnungskonzern. Von der Politik erhoffe er sich mehr Handlungen, sobald die Bevölkerung Druck auf die Entscheider ausübe. Daher forderte er eine „breite Bürgerbewegung von unten“, die gegen das Unrecht im deutschen Wohnungsmarkt vorgehen müsse.

    Mieter brauchen starke Nerven

    Anbei ein anschaulicher Fall: Der Wohnungskonzern Vonovia forderte erst kürzlich ungerechtfertigte Nachzahlungen von einer Mieterin. Doch Vonovia habe amateurhaft agiert, das Gericht gab der Frau Recht. Das erfolgreiche Beispiel dieser Leverkusenerin, die gegen Vonovia klagte, zeigt, dass Einzelpersonen gegen den Milliardenkonzern durchaus klagen und gewinnen können. Doch dabei brauchen die Mieter starke Nerven.

    „Vonovia blamiert sich vor Gericht“, titelte dazu eine westdeutsche Zeitung am Donnerstag.

    Mit über 400.000 Wohnungen ist Vonovia mit Hauptsitz in Bochum Deutschlands größter privater Wohnungskonzern. Dass der US-Investor Blackrock Anteile an dem Unternehmen hält und nur maximales Profitmachen mit Wohnungen im Sinn hat, scheinen nun auch die Mieter zu spüren.

    Vonovia-Mieter: Deutschlandweit steigt Unzufriedenheit

    Viele Mieter bundesweit sind laut Medienberichten immer unzufriedener mit den angebotenen Leistungen.

    Das Unternehmen betreibe „ein lukratives Geschäft mit überhöhten, intransparenten Nebenkostenabrechnungen“. Das berichtete jüngst die „Süddeutsche Zeitung“. Deutschlands größter Immobilienkonzern würde seine Mieter über Nebenkosten und Mietpreiserhöhungen abzocken. Das meldete am Mittwoch der „Spiegel“.

    Das Magazin sprach mit dem Münchner Mieter Franz Obst. Der „ist überzeugt, dass er von seinem Vermieter, dem Großkonzern Vonovia, betrogen wird. Und das will er nun vor dem Amtsgericht beweisen.“ Es gebe „Dinge in der Nebenkostenabrechnung, die offensichtlich falsch sind“, so der Pensionär. Bundesweit würden Vonovia-Mieter über ähnliche Auffälligkeiten klagen. „Dass Leistungen abgerechnet werden, die nie erbracht wurden. Dass der Service schlechter wird und die Kosten steigen.“

    Vonovia weise solche Vorwürfe stets zurück. Das Bochumer Unternehmen erklärte gegenüber dem Hamburger Magazin: „Wir haben alle Leistungen, die unser Objektbetreuer erbracht hat, gegenüber dem Gericht transparent dargelegt. Die gerichtliche Entscheidung bleibt abzuwarten.“

    „Das Problem ist alt“ – Experte

    Vonovia brauche oft Monate, um Briefe inhaltlich zu beantworten oder Unterlagen vorzulegen, so der Vorwurf vieler Mieter. Stattdessen bekommen sie Schreiben, die sie als Einschüchterungsversuche empfinden. „Die Briefe werden von der Kanzlei JHS Legal verschickt, die der Dax-Konzern damit beauftragt hat, angeblich offene Forderungen einzutreiben.“

    Das Problem habe historische und staatspolitische Wurzeln, so Wohnungs-Experte Rügemer im Interview. „Die DDR als auch die Bundesrepublik haben über Jahrzehnte lang viele staatliche, genossenschaftliche, auch Werkswohnungen betrieben. In Westdeutschland gab es zusätzlich noch den Sozialen Wohnungsbau. Das hat bis in die 90er Jahre hinein die deutschen Mieten vergleichsweise niedrig gehalten.“ Dazu komme, dass nur wenige deutsche Bürgerinnen und Bürger traditionell Eigentumswohnungen besitzen. Außerdem habe die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl (CDU) damals gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen. Deutschland wurde zum Paradies für Wohnungs-Spekulanten. „Das haben dann US-amerikanische Investoren erkannt.“ Seitdem kaufen sich US-Investorengruppen und Kapitalorganisatoren wie Blackrock in den deutschen Wohnungsmarkt ein. Meist zu Lasten der Mieter.

    Rollt Klagewelle auf Vonovia zu?

    Die Mietervereine kennen das Problem und bereiten deshalb eine sogenannte Musterfeststellungsklage gegen Vonovia vor, so der „Spiegel“. Derzeit stimme sich der „DMB Mieterverein München“ mit anderen Mietervereinen und dem „Deutschen Mieterbund“ ab. Es könne gut sein, dass Vonovia bald eine solche Klage trifft. Ein realistischer Zeitpunkt dafür sei Juni oder Juli.

    Bereits im Sommer 2018 hatten 30 Mieter in Bremen angekündigt, gegen Vonovia gesammelt klagen zu wollen, berichtete der „Weser Kurier“ damals. Der größte deutsche Wohnungskonzern „wird in Zukunft deutlich weniger in Modernisierungen investieren“, meldeten westdeutsche Medien Ende 2018.

    Das Radio-Interview mit Dr. Werner Rügemer zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    „Politiker an die Wand stellen“: Greta Thunberg überrascht mit radikalen Worten
    Türkei beantragt bei USA Kauf von Patriot-Raketenabwehrsystemen
    „Entschlossene“ Antwort: USA warnen Teheran nach Angriffen
    Tags:
    Wohnungsmarkt, Spekulation, Konzern, Gericht, Wohnung, Miete, Interview, Deutsche Wohnen, Blackrock, Vonovia, Helmut Kohl, Dr. Werner Rügemer, Deutschland