09:38 26 April 2019
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    Ölraffinerie von Citgo in Illinois, USA (Archivbild)

    Die USA in der „Öl-Falle“ und Russlands Rohstoff-Taktik – Experte

    © AFP 2019 / SCOTT OLSON / GETTY IMAGES NORTH AMERICA
    Wirtschaft
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    Alexander Boos
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    Der Öl-Preis steigt laut internationalen Wirtschaftsmedien. Was der Preisanstieg des Rohstoffs mit dem Welt-Ölkartell Opec, den USA und deren Sanktionen gegen Venezuela zu tun hat – das erklärt der Bremer Finanzexperte Folker Hellmeyer gegenüber Sputnik. Er gibt Entwarnung für Kunden an der Tankstelle: „Es wird nur leicht teurer“.

    „Ich sehe beim Öl-Preisanstieg zwei Dinge“, erklärte Folker Hellmeyer, Volkswirt und Chef-Analytiker bei „Solvecon Invest“ in Bremen, im Sputnik-Interview. „Einmal eine Stabilisierung der Weltkonjunktur und dementsprechend auch stabile Grundlagen für die Öl-Nachfrage. Viele Marktteilnehmer gingen davon aus, dass die Weltkonjunktur weiter abkühlt und dann die Nachfrage nach Energieträgern rückläufig ist.“ Nun komme es anders, so der Finanzexperte.

    Internationale Risiko-Faktoren würden den Öl-Preis nach oben treiben. „Da schauen wir nach Venezuela, da schauen wir nach Libyen. Die Versorgungssicherheit wird in Frage gestellt. Aus dieser Komplexität ergibt sich für mich die aktuelle Marktbewegung.“ Der Bremer Volkswirt sehe durchaus noch einen weiteren Trend nach oben für das schwarze Gold. „In dem Moment, wo sich insbesondere der Handelskonflikt zwischen den USA und China entspannt, sollte die Weltwirtschaft meines Erachtens noch mal an Dynamik gewinnen.“ Derzeit würden weltweit wieder mehr Investitionen getätigt. Das beflügle die Weltwirtschaft, „auch im Bereich der Energieträger.“

    Russlands Öl-Politik: „Nachhaltig und stabilisierend“

    „Seit Jahresbeginn zeigt Wirkung, dass die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) und die mit ihr verbündeten Produzenten − allen voran Russland − die Förderung weiter drosseln, und zwar ziemlich rapide“, schrieb die Wiener Zeitung „Die Presse“ Anfang April. Dies lasse den Öl-Preis steigen, so das österreichische Blatt.

    „Ich sehe die Energie-Politik Russlands als eine Politik der Nachhaltigkeit“, bewertete Finanz-Analytiker Hellmeyer. „Die Drosselungen sind erstmal überschaubar, aber sie befinden sich im Einklang mit der Position der Opec. Es geht darum, Preise zu stabilisieren und nicht unbedingt nach oben zu treiben. Man weiß sowohl in der Opec als auch in Russland, dass zu stark preisende Preise nachher auch wieder Rückschlagspotenzial (Nachteile, Anm. d. Red.) bedeuten. Hier geht es darum, ein nachhaltiges Preisniveau zu etablieren. Dieses nachhaltige Niveau liegt bei der Sorte Brent zwischen 55 und 70 US-Dollar.“

    Die Energie-Rohstoffe Öl und Gas „stehen für fast zwei Drittel der russischen Exporte“, meldete die Zeitung „Die Welt“ im Februar. „Der russische Staatshaushalt wird zu mehr als einem Drittel davon gespeist.“ Daher sei die russische Wirtschaft stark vom Öl-Preis abhängig.

    Öl steigt auf über 70 US-Dollar

    „Der Ölpreis ist am Montag über 70 Dollar und auf den höchsten Stand seit fünf Monaten geklettert“, meldete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. „Hauptgrund ist die Förderbremse der Opec-Staaten und verbündeter Exportländer. Händler verwiesen zudem auf die guten US-amerikanischen Arbeitsmarktdaten vom Freitag. Auch die amerikanischen Sanktionen gegen Iran und Venezuela verknappen das Angebot.“

    Dazu ergänzte das Finanz-Portal „Finanzen.net“ am Montag: „Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete gegen Mittag 70,76 US-Dollar. Das waren 42 Cent mehr als am Freitag. Der Preis für ein Barrel der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) stieg um 37 Cent auf 63,45 Dollar. Zuvor hatten der Brent-Preis bei 70,83 Dollar und der WTI-Preis bei 63,53 Dollar die höchsten Stände seit November erreicht.“

    USA und Venezuela

    Die USA seien laut der österreichischen Zeitung mitverantwortlich für den derzeit hohen Öl-Preis – und stecken damit jetzt in einem Dilemma. „Obwohl sich US-Präsident Donald Trump kürzlich abermals über das Vorgehen der Opec alterierte (aufregte, Anm. d. Red.), weil er für eine positive Wirtschaftsdynamik (in den USA) einen niedrigen Ölpreis braucht, ist er selbst für die Preisentwicklung mitverantwortlich. Die US-Sanktionen gegen die Ölstaaten Iran und Venezuela nämlich zeigen Wirkung.“

    Diesen Fakt kommentierte Finanz-Experte Hellmeyer im Interview. Er beschrieb den Spagat Washingtons: Einerseits profitiere der Öl-Verkäufer USA vom aktuell hohen Preisniveau beim Öl, andererseits mache ein hoher Öl-Preis Produkte in der US-Binnenwirtschaft für Endverbraucher teurer und bremse die gute US-Konjunktur.

    „In der Tat ist das ein Dilemma, in dem sich die US-Administration befindet“, sagte er. Das habe neben der Zinspolitik der US-Zentralbank Fed etwas „mit erhöhten Energiepreisen zu tun.“ Die USA seien eine mobile Gesellschaft. „Insofern haben die USA aus gesamtwirtschaftlicher Steuerung heraus ein Interesse, dass die Preise nicht zu stark steigen. Auf der anderen Seite sollte die USA in der Außenpolitik eine andere Richtung forcieren. Durch die Unsicherheiten, die damit verbunden sind, wird der Preis positiv beeinflusst.“ Damit bezog er sich auf die laufenden US-Sanktionen gegen den lateinamerikanischen Krisenstaat Venezuela. Auch diese Maßnahmen treiben den Öl-Preis nach oben. „Ich sehe aber nicht, dass sich dieses Dilemma für die USA aufheben wird.“

    „Opec und Russland wollen Öl-Preis stabil halten“

    Für Finanz-Experte Hellmeyer steht fest: Alle internationalen Marktteilnehmer – wie eben die Opec-Staaten und Russland – haben zur Zeit ein gemeinsames Interesse, den weltweiten Erdöl-Preis auf einem stabilen Niveau zu halten. Und auch Washington habe kein Interesse, dass der Öl-Preis den Bereich zwischen etwa 50 US-Dollar bis höchstens 70 Dollar je Barrel verlässt.

    Der Bremer Volkswirt konnte Endverbraucher und Kunden beruhigen. „Der Anstieg  des Ölpreises bedeutet für die Endverbraucher leichte Belastungen, die sind aber völlig überschaubar. Auch ich tanke mein Auto regelmäßig wieder voll. Es ist nur marginal teurer geworden.“

    Das Radio-Interview mit Folker Hellmeyer zum Nachhören:

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    Tags:
    Ölpreise, Rohstoffe, Öl, Gas, Export, Solvecon Invest, OPEC, Folker Hellmeyer, Venezuela, Libyen, USA, Russland