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    „Gold kehrt als Geld zurück“ – ein medialer Ausnahmezustand

    © REUTERS / Michael Buholzer
    Wirtschaft
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    Ein Wirtschaftsblatt hat eine Kette von sensationellen Artikeln zum Thema „Gold und Bankenregulierung“ ausgelöst. Medien melden eine „Revolution in der Finanzwelt“ und einen „neuen Goldstandard“. Was davon zu halten ist, erklärt Wirtschaftsprofessor Walentin Katassonow in einem Beitrag für das Portal „Swobodnaja pressa“.

    „Die Banken kehren zum Goldstandard zurück: Das Gold in den Bilanzen wird zu Geld“, titelte die italienische Wirtschaftszeitung „Il Sole 24 Ore“ am 25. Februar. Der Autor des Artikels war kein geringerer als der Vizechef der Redaktion Alessandro Plateroti. Auf seine Insiderquellen verweisend behauptet der Kolumnist, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) habe noch 2016 neue Regeln zur Bilanzierung von Goldbeständen beschlossen. Die Entscheidung sei nicht von der Mitgliedervollversammlung der BIZ, sondern von einem erlesenen Zirkel getroffen worden – von der sog. G5, die sich aus der Federal Reserve, der Bank of England, der EZB, der Deutschen Bundesbank und der Banque de France zusammensetze.

    Die in Basel ansässige Bank für Internationalen Zahlungsausgleich ist so etwas wie ein Klub von Zentralbanken. Innerhalb der BIZ ist der Ausschuss für Bankenaufsicht tätig, auch bekannt als Basler Ausschuss: Ein Gremium, welches einheitliche Standards und Methoden der Bankenregulierung ausarbeitet. Das erste wichtige Regelwerk, das der Ausschuss erarbeitete, war das sog. Basel I von 1988. Einige Jahre später folgte Basel II. Nach der Weltfinanzkrise von 2008/2009 ist Basel III beschlossen worden.

    Die Weltfinanzkrise hatte gezeigt, dass die Standards von Basel II die Stabilität des Bankensektors nicht garantieren konnten. Deshalb sind im Basel III strengere Auflagen für das Eigenkapital der Banken aufgestellt worden. Es wird unter anderem geregelt, was als Eigenkapital gelten könne und wie dieses zu bewerten sei.

    Nun ist die BIZ zwar eine einflussreiche Einrichtung, aber doch nicht so mächtig, dass ihre Mitglieder – die Zentralbanken – ihr unterstünden. Deshalb haben die Basel-Dokumente ausschließlich einen Empfehlungs-, keinen Erlasscharakter. Ursprünglich wurde angenommen, die Einführung der Richtlinien von Basel III erfolge in den Jahren 2012 bis 2018. Kurz nach Ablauf ist die Frist jedoch verlängert worden, bis 2019.

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    Längst nicht alle Länder waren und sind bereit, diesen strengen Zeitplan umzusetzen, würde die Umsetzung doch eine deutliche Erhöhung des Eigenkapitals der Banken innerhalb der benannten Frist voraussetzen. Die US-Notenbank etwa erklärte mehrfach, sie werde sich Zeit lassen mit der Implementierung von Basel III. Anders verhält sich Peking: Der chinesische Finanzregulierer hat sich bereit erklärt, die neuen Richtlinien ohne Verzögerung in die Praxis zu überführen. Letztlich hat jedes Land einen eigenen Zeitplan für die Umsetzung von Basel III, der von der ursprünglich veröffentlichten Empfehlung stark abweichen kann.

    Angesichts der teils sturen Haltung einiger Zentralbanken zu Basel III sah sich der Basler Ausschuss gezwungen, die Richtlinien etwas aufzuweichen. Das Ergebnis dessen ist eine Neufassung von Basel III inklusive einer Fristverschiebung für die Umsetzung der Empfehlungen. Nun ist der 1. Januar 2022 als Stichtag für die Einführung der Basel III-Standards vorgesehen. Doch zwecks eines fließenden Übergangs zu neuen Regeln dürfen die Banken einen Fristpuffer nutzen, bis hin zum 1. Januar 2027.

    Dass in diesem Beitrag so ausführlich auf Basel III eingegangen werde, habe seinen Grund in der Vielzahl der eingangserwähnten sensationellen Medienberichte, schreibt Professor Kassatonow. Die behaupten nämlich allesamt, seit 29. März 2019 würden neue Regeln zur Bewertung von Goldbeständen in den Bilanzen und im Eigenkapital der Banken gelten. Doch ist diesen Berichten zu trauen? Ist das Edelmetall seit dem besagten Datum wirklich ein vollwertiges Geldäquivalent?

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    Gemäß Basel II zählte Gold zur dritten Kapitalkategorie und wurde demnach mit 50 Prozent des eigenen Marktwerts in den Bilanzen berücksichtigt. Basel III sieht vor, das Gold in die erste Kapitalkategorie zu überführen, sodass es dann zu 100 Prozent seines Marktwerts berücksichtigt und den nationalen Währungen sowie hochgerankten Wertpapieren gleichgestellt würde.

    Daraus haben viele Medien abgeleitet, das Gold kehre als Geld zurück. Doch von einer einschlägigen Entscheidung der G5 ist weder auf der Internetseite der BIZ noch auf den Websites ihrer Mitgliedsbanken zu lesen. Heißt das nun, der Artikel der „Il Sole 24 Ore“ vom 25. Februar ist ein Fake? Das könnte man sagen, schreibt Walentin Kassatonow.

    Andererseits: Wo Rauch ist, ist auch Feuer – so der Professor: Der Autor des italienischen Artikels hat die Stimmung der Banker richtig erfasst, die angesichts zunehmender Unsicherheit überall auf der Welt auf Gold setzen. Die Banken wollen Geld anhäufen.

    Die Zentralbanken tun alles Mögliche, um eine Krise wie 2008/2009 zu vermeiden. Die Empfehlung, das Gold zu 100 Prozent des Marktwerts in den Bilanzen zu berücksichtigen, entspricht den Präferenzen der Bankenaufsicht ebenso wie den Interessen der beaufsichtigten Banken. Wenn diese Richtlinie am 29. März 2019 noch nicht galt, so könnte sie durchaus in allernächster Zeit kommen, schreibt der Wirtschaftsprofessor.

    Jedenfalls warten viele Banken darauf. Und während sie warten, kaufen sie Gold. Insofern ist die Rückkehr des Goldes in die Welt des Geldes in der Tat zu beobachten. Nur: Eine „Revolution in der Finanzwelt“ sehen wir auch nach dem 29. März 2019 nicht – keine Explosion der Goldpreise, keine Engpässe. Weshalb man nicht unbedingt daran zweifeln sollte, dass die Empfehlung zur 100-prozentigen Berücksichtigung des Goldes im Eigenkapital kommen kann.

    Aber auch dann: Gold als vollwertiges Geld zu betrachten, ginge an der Realität vorbei. Dafür müssten zu viele Voraussetzungen erfüllt sein. Die Festlegung eines fixen Verhältnisses von Gold zu nationaler Währung (die sog. Goldparität) wäre eine davon. Denkbar wäre so etwas allemal. Möglich – sicherlich nicht über Nacht.

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    Tags:
    Weltfinanzkrise, Standards, Finanzen, Gold, die Deutsche Bundesbank, US-Notenbank Federal Reserve (Fed), Europäische Zentralbank (EZB)