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    Erdölraffinerie in Russland (Archivbild)

    Verunreinigtes russisches Öl: Wie kam es dazu?

    © REUTERS / VASILY FEDOSENKO
    Wirtschaft
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    Der Skandal um die Qualität des russischen Erdöls hat Europa erreicht: Polen und Tschechien haben ihre Pipelines für den „verschmutzten“ Rohstoff gesperrt. Russland drohen nun gigantische Verluste und ein Imageschaden in der Ölbranche. Vermutlich haben der Geiz einiger russischer Ölkonzerne und grobe Verstöße bei der Förderung zu diesen negativen Folgen geführt, schreibt die Zeitung „Wsgljad” am Freitag.

    Die Geschichte um das „verschmutzte“ russische Erdöl hat nicht nur weißrussischen Ölverarbeitungsbetriebe und dem weißrussischen Staatshaushalt geschadet. Auch Russland verliert Einnahmen aus dem Ölexport. Im vorigen Jahr entfielen auf den Öl- und Gasexport etwa 45 Prozent aller Haushaltseinnahmen, nahezu 60 Prozent des Exports und etwa zwei Prozent vom BIP. Das ist ein Problem nicht nur für die russischen Ölkonzerne, sondern für die gesamte russische Wirtschaft. Deshalb ist es äußerst wichtig, die Situation schnellstmöglich in den Griff zu bekommen und die Schuldigen zu bestrafen.

    Am Donnerstag wurde bekannt, dass die Ukraine, Polen und die baltischen Länder den Ölimport aus Weißrussland gestoppt haben. Außerdem wurde der Zufluss durch die  „Druschba“-Pipeline provisorisch eingestellt. Das verschmutzte Öl hat unter anderem Polen erreicht. Gleichzeitig geht der Öltransit durch den „südlichen“ Strang – durch die Ukraine in die Slowakei und nach Ungarn – weiter. Laut einer Mitteilung der weißrussischen Seite wird das so genannte “nichtkonditionskonforme” Öl in vier oder fünf Tagen die beiden Länder erreichen. Laut Informationen, die vorerst nicht bestätigt wurden, hat Tschechien bereits den Empfang des Öls gestoppt. Dieses Land bezieht den Brennstoff durch dieselbe Pipeline wie die Slowakei.

    Wie der russische Vizepremier Dmitri Kosak ankündigte, werden die an der Verschmutzung des nach Weißrussland und weiter nach Europa geförderten Öls Verantwortlichen ausfindig gemacht und zur Verantwortung gezogen. Nach seinen Worten sind in dem Abschnitt, in dem verschmutztes Öl entdeckt wurde, vier Ölunternehmen tätig.

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    Zudem informierte Kosak über die Arbeiten zur Beseitigung dieses Problems. Auf dem Territorium Russlands sei das verschmutzte Öl bereits großenteils abgepumpt worden. Er versprach, dass reines und qualitätsgerechtes Öl die weißrussische Grenze schon am 29. April erreichen werde.

    Am Freitag werden dreiseitige Verhandlungen im Format Russland –Weißrussland – Polen stattfinden. Dabei sollen die Perspektiven für das Entfernen des “nichtkonditionskonformen” Brennstoffs aus den Leitungen auf dem weißrussischen und dem polnischen Territorium behandelt werden.

    Das Thema Schadensersatzzahlungen an Weißrussland wurde laut Kosak vorerst nicht besprochen. Minsk habe seine Verluste vorerst auf 100 Millionen Dollar beziffert. Dabei gehe es um seine verlorengegangenen Profite aus dem Verkauf von Ölprodukten.

    Ein erhöhter Gehalt von Chlororganik war im Öl, das durch die „Druschba“-Pipeline gepumpt wird, bereits am 19. April entdeckt worden. Der Konzern Transneft, der die Pipeline betreibt, und das russische Energieministerium haben das sofort bestätigt. Es wurde auch sehr schnell festgestellt, dass der Leitungsabschnitt Samara-Unetscha verschmutzt war.  Was dort genau passiert ist, konnte noch nicht festgestellt werden. offiziell wurde lediglich über „ein technisches Problem“ informiert. Kosak erwähnte jedoch, dass nicht nur ein, sondern gleich mehrere Unternehmen schuldig seien.

    Aber wie kann man rein technisch Erdöl mit Chlororganik dermaßen verschmutzen, dass ihr Gehalt die Norm um das 20- oder 30-fache übertrifft?

    Professor Wladimir Kapustin von der Russischen Öl- und Gas-Universität vermutet, dass es sich um die Verschmutzung der Pipeline mit verbotenen chlororganischen Zusätzen durch kleine private Unternehmen handeln könnte. „Um die Produktivität einer Schicht zu fördern, werden Zusätze hinzugefügt. Es gibt einen chlororganischen Zusatzstoff, der die Produktivität der Schicht erhöhen kann. Wenn dieser Zusatz hinzugefügt wird, entsteht ein klarerer Unterschied im Druck“, erläuterte der Experte.

    „Aber dieser chlororganische Zusatz wurde vom Energieministerium noch vor 20 Jahren nach einer großen entsprechenden Beratung verboten“, so Kapustin weiter. „Denn es entstanden Situationen, in denen Ölverarbeitungsbetriebe, beispielsweise ein solcher Betrieb in Rjasan, deswegen große Verluste tragen mussten.“ Heutzutage setzen große Ölkonzerne keine verbotenen Substanzen ein. Aber kleinere Firmen, die ihre Vorkommen maximal ausbeuten wollen, könnten darauf zurückgreifen, schloss der Professor nicht aus.

    „Ich denke, dass alle Firmen, die diesen Schaden verursacht haben, bekannt sind – darüber wird nur nicht offen gesprochen. Das ist immerhin eine sehr ernste Angelegenheit, ein Riesenskandal, und deshalb sind alle in Deckung gegangen“, sagte Kapustin.

    Im Gebiet Samara, wo das Erdöl verschmutzt wurde, sind mehrere Dutzende Ölunternehmen tätig, darunter Tochterfirmen von Rosneft und Lukoil, viele Kleinunternehmen und sogar unabhängige Unternehmer mit entsprechenden Lizenzen.

    Was die Gefahr des schädlichen Zusatzes angeht, so sagte der Experte: „Dieser Zusatzstoff hat ein sehr geringes Molekulargewicht und gerät deshalb ins Benzin. Wenn rektifiziertes Benzin reformiert wird, macht dieser Zusatz Wärmeaustauschgeräte kaputt. Mit anderen Worten ist dieser Stoff sehr aggressiv gegenüber Röhren der Wärmeaustauscher, was zur Vermischung des hochwertigen Benzins mit Klopfbenzin führt, und die Oktanzahl schrumpft. Das ist der größte Nachteil. Das beeinträchtigt maßgeblich die Effizienz des Ölverarbeitungsbetriebs.“  Das sei eben dem Betrieb im weißrussischen Mosyr passiert, ergänzte Kapustin.

    Dazu, dass die Firma Transneft die Ölverschmutzung nicht entdecken konnte, sagte der Experte: Die Ölqualität werde nach vielen Merkmalen kontrolliert, aber nicht nach dem Chlorgehalt. Wie die Zeitung "Wedomosti" unter Berufung auf einen Transneft-Partner  schrieb, wird vor allem der Schwefelgehalt geprüft.

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    Kapustin schloss nicht aus, dass verantwortliche Mitarbeiter nachhaltig gehandelt haben. „In einem gewissen Moment gab es wohl keine Chlororganik, und irgendwann war ihr Gehalt ziemlich groß, denn Öl wird in die Pipeline nicht gleichmäßig, sondern impulshaft gepumpt. Oder es hatte seit längerer Zeit keine Chlororganik gegeben, und irgendwann hat man sie nicht entdecken können. Oder es könnte auch die nötige Analyse nicht gemacht worden sein. Man muss die Ölqualität am Eingang in die Transneft-Pipeline strenger kontrollieren, und dann läuft alles wieder wie geschmiert“, so der Experte.

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    Tags:
    Transneft, Ölexport, Gas, Tschechien, Polen, Weißrussland, Gasleitung Druschba, Qualität, Skandal, Öl, Russland