20:06 10 Dezember 2019
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    Experte zu Sanktionen: „Heute verstehen wir Russland nicht besser als vorher“

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    Jenseits der Bereiche, die von Sanktionen betroffen sind, können die europäischen Firmen in Russland gut arbeiten und sind weiterhin sehr erfolgreich. Die Assoziation des Europäischen Business (AEB) führte in Moskau die 16. Flaggschiff-Konferenz „Russische Wirtschaft: was tun und wer ist schuld?“ durch.

    Bei der Eröffnung der Konferenz merkte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der AEB, Philippe Pegorier, an, dass die Rechtssicherheit und die Berechenbarkeit der Geschäftsumgebung trotz der angespannten internationalen Lage für Investoren entscheidend seien. Er wies auf einige positive Veränderungen in der Entwicklung des ausländischen Business in Russland hin, unter anderem auf eine Konkretisierung dessen, wie ausländische Anbieter von digitalen Dienstleistungen die “Google-Steuer” zahlen. Pegorier begrüßte auch die Anstrengungen der russischen Regierung in Bezug auf den Abbau von bürokratischen Hürden, was den übermäßigen Druck der Aufsichtsbehörden auf das Business abbauen soll.

    “Diese Initiative ist sehr wichtig für unsere Unternehmen, weil wir wissen, dass die Kosten und die Einfachheit der Geschäftstätigkeit gegenseitig verbunden sind”, merkte der Präsident von Alstom Russland an.

    Natürlich wurde auch das Problem der Reduzierung von Auslandsinvestitionen in Russland und das Thema der Sanktionen angesprochen. “Die Sanktionen machen immer einen Einfluss. Das sind verpasste Chancen, obwohl es schwer zu beweisen ist, etwas hätte anders sein können. Die Sanktionen verhindern es, angestrebte Ergebnisse zu erzielen”, sagte der Schweizer Botschafter in Russland Yves Rossier.

    Ungeachtet der Schwierigkeiten zeigen die europäischen Firmen Bereitschaft, in Russland ihr Geschäft fortzusetzten. Der österreichische Unternehmer Gerald Sakuler sagte diesbezüglich gegenüber Sputnik:

    „Einigen österreichischen Firmen geht es perfekt, insbesondere im IT-Bereich, Software-Bereich. Die Unternehmen zeigen nach wie vor Bereitschaft, in solchen Bereichen zu arbeiten, wo Russland das Interesse an ausländischen Spezialisten zeigt. Und da kommen sie auf den russischen Markt. Wir brauchen aber ein deutliches Signal, dass man einige Dinge vereinfachen möchte. Beispielsweise beim Wettbewerb um einen Staatsauftrag gibt es bestimmte Schwierigkeiten. Da könnte man etwas tun, um eine positive Atmosphäre zu schaffen.“

    Der AEB-Generaldirektor Dr. Frank Schauff sieht in der Verschärfung der internationalen Situation die Ursache für den Investitionsrückgang. 

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    „Alle wissen, dass die Situation im Hinblick auf die russische Wirtschaft und internationale Situation schwierig ist. Es gibt eine Verbindung dazwischen in einem gewissen Grade. Die große Frage ist, wie entwickeln wir Wege aus dieser Situation heraus. Im politischen Bereich sehen wir wenig Bewegung. Die russische Wirtschaft ist aber stark und hat gute Ressourcen in Öl- und Gasförderung. Aber wir sehen, dass über die letzten Jahre hinweg Wachstumsraten geringer sind, als es wünschenswert ist“, sagte Schauff im Gespräch mit Sputnik.

    Seinen Worten zufolge gibt es trotzdem Erfolgsgeschichten von Firmen, die auf dem russischen Markt gut arbeiten, beispielsweise im pharmazeutischen Bereich.

    „Für uns ist es wichtig, die Spielräume zu zeigen, die es trotz Sanktionen, trotz relativ geringen Wachstums gibt. Jenseits der Bereiche, die von Sanktionen betroffen sind, können die europäischen Firmen in Russland gut arbeiten und sind weiterhin sehr erfolgreich“, betonte Schauff.

    Ein heißes Thema während der Diskussion war die Rolle Russlands im neuen geopolitischen Umfeld. Dominique David vom Französischen Forschungsinstitut für Internationale Beziehungen (IFRI) wies darauf hin, dass es in der Europäischen Union die Meinung gebe, dass Russland aggressiv eingestimmt sei. Diese Meinung teile aber die Minderheit, sagte er.

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    “In den westlichen Ländern wird die Haltung Russlands häufig als eine Machtposition interpretiert. Heute verstehen wir Russland nicht besser als vorher, schon lange gibt es keine  langfristige Partnerschaft. Die EU ist ein schwieriger Partner”, merkte  Dominic David an.

    Wie er weiter sagte, hat Russland in den letzten Jahren seine Positionen in der Weltarena deutlich gestärkt. Es verfüge über herausragende Diplomatie, gut ausgerüstete Armee, reiche Naturschätze. Russland habe eine günstige geografische Lage: die Arktis im Norden, Mitteleuropa, Zentralasien, Ferner Osten. „Darin besteht sowohl seine Kraft als auch die Schwäche, weil Russland gleichzeitig auf alle Richtungen aufpassen muss. Wir müssen einen Dialog mit Russland in allen Bereichen führen”, betonte der französische Politologe. 

    Ist es in der Konferenz gelungen, die Fragen – was  tun und wer ist schuld? – zu beantworten? Laut dem AEB- Generaldirektor sind die Antworten schwer zu finden.  Die Aufgabe war allerdings, den Mitgliedern die Möglichkeit zu geben, einen anderen Blick auf die Situation zu bekommen und neue Perspektiven zu zeigen, so Schauff. 

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    Tags:
    Yves Rossier, Sanktionen, Investitionen, Initiative, Druck, Assoziation der europäischen Geschäftstätigkeiten (AEB), Konferenz, Europa, Russland