06:23 11 Dezember 2019
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    Logo des Wissenschafts- und Technologieunternehmens Merck vor den Hauptstandort in Darmstadt (Archiv)

    Interview mit Gesellschafterrats-Vorsitzendem von Chemie- und Pharmaunternehmen Merck

    © REUTERS / Ralph Orlowski
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    Vom 6. bis 8. Juni findet das Internationale Wirtschaftsforum in St. Petersburg statt. Es wird seit 1997 durchgeführt und steht unter der Patenschaft des russischen Präsidenten. Tausende Besucher aus Russland und der ganzen Welt versammeln sich und besprechen die wichtigsten Fragen im Bereich von Wirtschaft und Politik.

    Deutsche und russische Unternehmen nutzen diese Plattform, um die weitere Kooperation zwischen den beiden Ländern zu fördern.

    Im Vorfeld des Forums führt Sputnik eine Serie von Interviews mit Managern deutscher Firmen, die in Russland tätig sind. Heute sprechen wir mit Johannes Baillou, Vorsitzender des Gesellschafterrates der E. Merck KG, des Hauptgesellschafters des Wissenschafts- und Technologieunternehmens Merck.

    Die erste Merck-Vertretung in Russland wurde im Jahr 1898 eröffnet. Damals war das die dritte Filiale außerhalb Deutschlands. Bleibt Russland weiter ein wichtiger Markt?

    Absolut. Wir sind schon sehr lange in Russland, und wenn wir irgendwo sind, dann wollen wir hier lange bleiben. Das ist die Besonderheit eines Familienunternehmens. Wir denken langfristig und haben viel Geduld. Russland bleibt für uns ein wichtiger Markt und wir wollen hier auch in der Zukunft tätig sein werden. Aber das hängt natürlich davon ab, wie sich die Beziehungen, die Wirtschaft entwickelt, aber das ist in jedem anderen Land der Welt genauso.

    Karl Heinrich Merck diente 1785 in Russland und nahm an der Expedition teil, die Katharina II. organisierte, um die Gebiete Tschukotka und Kamtschatka an das Russische Reich anzuschließen. Ist also die Geschichte der Familie Merck seit mehr als 200 Jahren mit Russland verbunden?

    Unsere gemeinsame Geschichte geht sehr lange zurück. Das hängt damit zusammen, dass es enge Beziehungen zwischen Darmstadt-Hessen und der Kaiserfamilie gegeben hat, und ein Teil unserer Familie hat sich sogar in Russland niedergelassen. Ich weiß aber nicht, was mit denen dann passiert ist, wir haben leider keine Kontakte.

    Geht es um Merck, so denkt man in erster Linie an die Medikamente, doch das Unternehmen beschäftigt sich auch mit Life Science, Hightech-Stoffen, darunter die Flüssigkristalle, die in jedem Smartphone-Display verwendet werden. Beschreiben sie kurz in einfachen Worten das Wesen dieser Branchen!

    Kurz zusammengefasst: Alles, was Wissenschaftler in Labors brauchen, was die Pharmaindustrie in der Produktion benötigt, wird von uns im Rahmen des Life Science-Sektors angeboten. Das Portfolio unseres Geschäftsbereichs Hightech-Stoffe oder wie wir sie nennen – Performance Materials – ist vielfältig: Materialien für integrierte Schaltkreise, Effektpigmente für Beschichtungen und Kosmetik, OLED-Materialien und Flüssigkristalle für Displays. Diese Displays sind heute in jedem Smartphone, in jedem Fernseher vorhanden. Alle unsere mobilen Geräte wären ohne diese Flüssigkristalle gar nicht möglich gewesen.

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    Neben der pharmazeutischen Tätigkeit stiftet Merck einen prestigeträchtigen Preis für Übersetzer deutscher Autoren in vielen Ländern, unter anderem in Russland. Wozu braucht ein pharmazeutisches Unternehmen einen derartigen Preis? Planen Sie auch weitere Kulturprojekte?

    Wir haben einen breiten Bereich von Social Responsibility Projekten und wir sind ganz stark, wenn es darum geht, einen kulturellen Austausch zwischen den Ländern zu begleiten. Das sind Literaturpreise, Übersetzerpreise und auch haben wir unser eigenes Orchester – Deutsche Philharmonie Merck –  das vor kurzem in Moskau auftrat.

    Wir sind auf allen Kontinenten tätig, in 66 Ländern haben wir Mitarbeiter mit 100 verschiedenen Nationalitäten. Wir wollen einerseits die Kultur der Länder, in denen wir tätig sind, verstehen, andererseits wollen wir aber die Kultur unseres Heimatlandes Deutschland weitergeben.

    In einem Interview haben Sie gesagt: „Die Zeit Russlands ist gekommen“. Bleibt diese Behauptung nach wie vor für die ausländischen Unternehmen aktuell?

    Das war kein politisches Statement, es ging um unseren Literaturpreis. Aber die Tatsache, dass wir hier seit 120 Jahren sind, zeigt, dass Russland für uns von großer Bedeutung ist. An dieser Einschätzung hat sich nichts geändert.

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    Was ist Ihr Rezept für ein erfolgreiches Geschäft in Russland?

    Es ist eine schwierige Frage. Letztendlich haben wir ganz bestimmte Wertvorstellungen und die wenden wir in jedem Land an. Wir sind bewusst auf eine langfristige Partnerschaft ausgerichtet. Wir wollen Vertrauen unserer Kunden erreichen. Mit dieser Politik kommen wir relativ weit. Und das ist ein Rezept, das in jedem Land der Welt gilt.

    Sie haben von 1996 bis 1998 in Moskau gearbeitet. Hatten Sie Vorurteile gegenüber Russland, bevor Sie nach Russland reisten? Entsprachen diese der Realität?

    Ich persönlich hatte sie nicht, meine Freunde fragten jedoch oft: „Was!? Du bist in Russland? Wie ist es dort?“. Aber ich habe an der Schule Russisch gelernt, und mein Russischlehrer hat viel erzählt, wie das Leben in Russland ist. Ich habe die Russen immer als sehr offen und kontaktfreudig empfunden. Wichtig war, dass ich die Sprache gesprochen habe und dadurch viel schneller eine Vertrauensposition aufbauen konnte.

    Worin besteht die Besonderheit der russischen Mentalität?

    Man kann mit Russen relativ schnell eng werden, weil die Russen durchaus emotionale Menschen sind. Und ich glaube, dass es zwischen der deutschen und der russischen Kultur sehr gute Verbindungen gibt. So findet man relativ schnell eine gemeinsame Sprache, ein gemeinsames Verständnis. Natürlich ist die Politik unterschiedlich, gibt es immer besondere Themen. Aber das ist für eine Firma, die so lange wie wir hier vertreten ist, kein Thema.     

    Johannes Baillou, Vorsitzender des Gesellschafterrates der E. Merck KG, des Hauptgesellschafters des Wissenschafts- und Technologieunternehmens Merck.
    © Foto : Merck
    Johannes Baillou, Vorsitzender des Gesellschafterrates der E. Merck KG, des Hauptgesellschafters des Wissenschafts- und Technologieunternehmens Merck.
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