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18:56 17 August 2019
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    DAX-Börse in Frankfurt am Main (Archivbild)

    Werden USA und Co. die deutsche Wirtschaft bezwingen? Zeichen des Souveränitätsverlusts längst da

    © REUTERS / STAFF © AFP 2019 / Odd Andersen
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    Wirtschaft
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    Liudmila Kotlyarova
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    Die neue Studie des Deutschen Investor Relations Verbands offenbart, was manche Wirtschaftsstrategen lieber verschweigen: Die Deutschland AG gehört nicht mehr den Deutschen. Es heißt: 85 Prozent des Dax befinden sich inzwischen in ausländischer Hand. Der Finanzanalytiker Folker Hellmeyer sieht da Grund für die Sorgen.

    Dabei halten nordamerikanische und britische Investoren derzeit 54,1 Prozent der Anteile an den 30 Dax-Unternehmen, zu denen Deutschlands größte Banken, Versicherungen und Industrieunternehmen gehören. Die USA allein haben der Studie zufolge in den letzten zwei Jahren ihren Anteil um zwei Prozent auf 34,6 Prozent ausgebaut und kaufen weiter zu. Chinesische und andere asiatische Investoren spielen, anders als der mediale Alarmismus erwarten lässt, mit knapp vier Prozent nur eine untergeordnete Rolle. Die heimischen Investoren halten nur noch 15,3 Prozent am Dax, darunter der größte Einzelinvestor BlackRock mit 9,4 Prozent. Aufsichtsrat Friedrich Merz (CDU) lässt grüßen.

    Das deutsche Füllhorn also, das Rückgrat und Fundament der deutschen Wirtschaft, wird kaum noch von innen bestimmt. Aber wen kümmert es, solange man davon doch gut leben kann? Vor allem die Jugendlichen scheinen davon gerne auszugehen. Folker Hellmeyer, der erfahrene Ökonom und Chefanalyst der Solvecon Invest GmbH, zuvor langjähriger Chefvolkswirt der Bremer Landesbank, sieht das kritisch.

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    Er könne die jungen Generationen gut verstehen, sagt er gegenüber Sputnik, aber Fakt sei, dass Eigentum eine Strukturfrage darstelle. Diese Strukturfrage an der Konjunkturfrage zu entscheiden und sich keine Gedanken zu machen, solange es einem gut gehe, sei oberflächlich und geht an den Grundlagen der Forschung vorbei.

    Selbst Freund freier Märkte und des freien Kapitalverkehrs, zieht Hellmeyer es vor, von der Realität auszugehen:

    „Die Welt teilt sich wieder in Blöcke auf, die sich um die innere ökonomische Stabilität sorgen müssen. Die internationalen Verträge und Institutionen werden von den USA angegriffen und das Konstrukt der Globalisierung bezüglich des Handels und der Kapitalverflechtung gerät unter großen Stress. Wenn dann der Kapitalstock und die Großunternehmen der Volkswirtschaft überwiegend in der ausländischen Hand sind, ist das ein deutliches Risiko für die deutsche Wirtschaft“, meint der Experte.

    Inwiefern denn? Hellmeyer verweist darauf, dass Deutschland, der Industriestandort mit den zweithöchsten Energiepreisen, als Investitionsstandort  gefährdet sein könnte. „Die Aufsichtsräte und Beteiligungsverhältnisse könnten dazu führen, dass die Investitionen in Deutschland nicht mehr stattfinden“, so Hellmeyer. Vor dem Hintergrund der Disruption, also der Zerlegung der internationalen Gremien und der Nicht-Anerkennung von Vertragswerken durch die US-Regierung sei es durchaus vorstellbar.

    Souveränität je gehabt?

    „Deutschland erlebt – auch aufgrund einer im Lande unterentwickelten Aktien-Kultur – eine freundliche Übernahme durch professionelle Investoren aller Herren Länder. Die industriellen Champions entstehen – nur anderswo. Die Profite fließen – aber in fremde Taschen“, schreibt Publizist Gabor Steingart. Hauptsache und Grund für die Sorgen ist: Deutschland hat seine ökonomische und technologische Souveränität verloren. Hat Deutschland diese je gehabt?

    „Wir hatten sie mit Sicherheit bis Ende der 80er Jahre“, kontert darauf Hellmeyer.

    Da hätten die zum Großteil deutschen Finanzhäuser und Versicherungen noch die Industrie kontrolliert, aber die Globalisierung habe es immer weiter verringert. Was Hellmeyer noch bemängelt: „Wir haben in Deutschland keine Aktienkultur, was an sich eine Beleidigung unterdurchschnittlicher Intelligenz ist, denn wir Deutschen sollten gerade noch aus der Zeit seit 1871 erkennen, dass Geld immer sehr schnell wertlos werden kann.“

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    So seien die Deutschen heute nicht mehr in der Lage, über die eigenen Unternehmen zu bestimmen, um die Nachhaltigkeit des eigenen Geschäftsmodells auch in die Zukunft tragen zu können. Eine gute Aktienkultur gehört laut dem Experten also zur wirtschaftlichen Souveränität. Um diese wiederherzustellen, würde Hellmeyer aber an der Stelle des Staates nicht direkt in die Märkte eingreifen. „Wir brauchen die Möglichkeit einer Intervention, sollten sie aber nur im Notfall nutzen“, glaubt der Experte. Dabei wäre es ihm zufolge sinnvoller und marktgerechter, den belastenden Entwicklungen mithilfe des diplomatischen Druckausübens auf die Risikostaaten wie die USA, aber auch auf China, entgegenzuwirken.

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    Tags:
    Markt, Finanzen, Geld, DAX